Tod in der Partnerschaft Femizid – nicht Familiendrama

Etwa 20 Frauen wurden in Baden-Württemberg 2020 Opfer von Femiziden, mit roten Schuhen machen Frauen bei ihren Aktionen darauf aufmerksam (Symbolbild). Foto: imago/Xinhua

Gewalt fängt mit Worten an. Genauso aber kann Sprache Gewalt verharmlosen. Es ist keine Privatsache, wenn Männer ihre Partnerinnen töten. Wir müssen endlich patriarchale Machtverhältnisse als eine der Ursachen erkennen, sagt StZ-Autorin Hilke Lorenz.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Mit frauenverachtendem Hass konfrontiert zu werden gehört mittlerweile zum Alltag – auch von Journalistinnen dieser Redaktion. Einer Kollegin wurde bei einer Anti-Corona-Kundgebung gesagt, sie solle doch besser anschaffen gehen. Eine andere bekommt regelmäßig Mails, in denen sie als frigide, frustrierte Journalistin beschimpft wird. Die restlichen Kraftausdrücke sexualisierter Natur ersparen wir uns an dieser Stelle. Wenig überraschend: Es sind Männer, die auf diese Weise ihren Hass in die Welt schleudern. Damit er wirklich toxisch wirken kann, braucht dieser Hass ein gesellschaftliches Klima, in dem er sich ausbreiten und wachsen kann.

 

Ihn zurückzudrängen ist unser aller gemeinsame Aufgabe: durch Gesetze gegen den Hass im Netz und die Bereitschaft, klare Kante überall dort zu zeigen, wo Frauen wegen ihres Frauseins diskriminiert und im schlimmsten Fall körperlich attackiert werden. Denn Sprache ist Ausdruck des Weltbildes dessen, der sich ihrer bedient. Sie bestimmt das Denken und irgendwann auch das Handeln.

Jeden dritten Tag stirbt eine Frau

Welche furchtbaren Folgen Hass und damit einhergehende Drohungen etwa in Familien und Partnerschaften haben können, zeigt ein Verbrechen, dessen Dynamik und gesellschaftliche Tragweite noch immer unterschätzt werden: der Femizid nämlich. Das Wort ist gewöhnungsbedürftig. Aber gerade hier gilt: Die Sprache bestimmt die Welt. Femizid beschreibt exakt die Taten, die viele noch immer viel zu selbstverständlich und verharmlosend Familiendramen nennen.

Dabei ist es alles andere als harmlos und schon gar kein Familiendrama, wenn Frauen und manchmal auch Kinder durch ihre Ehemänner, Partner und Väter zu Tode kommen. Sie sterben durch einen Gewaltakt, weil sie Frau und Partnerin sind. Die Statistik des Bundeskriminalamtes sagt, dass in den vergangenen Jahren – mit ein paar jährlichen Schwankungen – jeden dritten Tag eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet wurde.

Familiendrama, das klingt, als würde den Rest der Gesellschaft das alles nichts angehen. Die Dramen geschehen in fremden Wohnungen und in unserer Wahrnehmung auch nur in fremden Kulturen. Falsch gedacht: die Täter kommen aus allen Bildungs- und Einkommensschichten, allen Religionen und Ländern. Sie töten in Mexiko, den USA und der Türkei genauso wie in Deutschland und Österreich. Sie töten ihre Frauen und ihre Kinder, sie töten ihre Schwestern und Mütter.

Was sie eint, ist ihre verachtende Haltung gegenüber Frauen. Diese leben sie nicht erst in dem Moment aus, in dem sie zum Täter werden. Sie gedeiht lange vorher in einem gesellschaftlichen Umfeld, das verbale Grenzüberschreitung duldet, patriarchale Strukturen und häusliche Gewalt als deren Folge nicht ausreichend ächtet. In den Augen der Täter haben ihre Partnerinnen nicht das Recht, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Trennungen können unter diesen Vorzeichen tödlich für Frauen enden.

Klar ist dabei auch: Die Getöteten sind nur die Spitze des Eisbergs der Gewalt gegen Frauen. Insgesamt wurden 2020 laut Sicherheitsbericht allein in Baden-Württemberg 13 833 Personen Opfer häuslicher Gewalt. Etwa 81 Prozent davon sind weiblich. Die Dunkelziffer ist hoch.

Geringschätzung von Frauen

Damit kommen wir alle als die gesellschaftlichen Klimabestimmer ins Spiel. Ungleichbehandlung und fehlende Geschlechtergerechtigkeit ist ein Gift, das schon im Kindesalter in die Köpfe sickert. Diese Gewaltdynamiken müssen wir aufdecken und uns immer wieder bewusst machen. Es ist einer der Schritte in Richtung Gewaltprävention. Das Mindeste aber was wir den Opfern schuldig sind, ist zu benennen, was geschehen ist: kein Familiendrama, sondern ein Femizid.

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