Wer selbst Gewalt erlebt hat, wird häufiger als andere selbst zum Gewalttäter. Foto: dpa/A3462 Marcus Führer
In Braunschweig steht ein 14-Jähriger vor Gericht, der eine 15-Jährige getötet haben soll. Der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Arne Burchartz erläutert, warum hauptsächlich Jungs zu Gewalttätern werden, und nennt die Gründe dafür.
In Braunschweig steht ein 14-Jähriger vor Gericht, der eine 15-Jährige getötet haben soll. Der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Arne Burchartz erläutert, warum hauptsächlich Jungs zu Gewalttätern werden, und nennt die Gründe dafür.
Herr Burchartz, bei solchen Taten, wie sie jetzt in Braunschweig verhandelt werden, bei der ein Junge eine 15-Jährige umgebracht haben soll, heißt es oft, sie seien aus heiterem Himmel geschehen. Stimmt das?
Nein. Alle diese Gewaltdurchbrüche und die Bereitschaft, Konflikte mit Gewalt auszutragen, haben eine Vorgeschichte, die meist gar nichts mit dem Opfer zu tun hat.
Was muss denn geschehen, damit es so weit kommt?
Jugendliche, die selbst traumatisierender Gewalt ausgesetzt sind, entkommen dem Gefühl der Ohnmacht, der Demütigung und der Hilflosigkeit oft durch eine Fantasievorstellung. Sie glauben, wenn sie so stark werden wie der, der sie demütigt und womöglich misshandelt oder missbraucht, kann ihnen nichts mehr passieren. Um der Gewalt, die sie selbst erlitten haben, zu entkommen, identifizieren sie sich mit ihrem Aggressor und haben den Drang, sich bei anderen mehr Respekt verschaffen zu wollen. Aus dem Wunsch heraus, nie mehr gedemütigt zu werden.
Um dem vorzubeugen gehen sie dann in Angriffshaltung?
Genau. Bevor ich gedemütigt werde, demütige ich andere.
Wir sprechen also von jungen Menschen, die in ihrer Kindheit selbst Gewalt erfahren haben?
Diese Erfahrung ist ein Risikofaktor, aber kein Automatismus. Nicht jeder wird zum Schläger. Aber es besteht ein hohes Risiko, dass Kinder, die in Gewaltsituationen aufgewachsen sind, später in Konfliktsituationen selbst gewalttätig reagieren.
Gilt das in gleichem Maß für körperliche und psychische Gewalt?
Ja. Auch wenn ein junger Mensch ständig verbal herabgewürdigt wird, ihm gesagt wird, er könne nichts, und dann bestätigt sich das, hinterlässt das natürlich das Gefühl: Ich habe immer die Arschkarte gezogen. Das kann sich zu einem Selbstbild verfestigen, das dann bei jedem weiteren Misserfolg wieder bestätigt wird. Aus dieser Haltung heraus werden sie dann wieder Opfer, sodass sich das Gefühl weiter verstärkt. Dann kapseln sich diese Kinder und Jugendlichen ab. Und es reift der Gedanke, irgendwann allen zu zeigen, wer der eigentlich Mächtige ist. Das ist der psychische Hintergrund von Amoktätern. Und auch anderer Gewaltausbrüche.
Geht es dabei hauptsächlich um männliche Jugendliche?
Ja, die Neigung zur exzessiven Gewalt ist überwiegend männlich.
Warum?
Die männliche Sozialisation unterscheidet sich von der weiblichen dadurch, dass Jungs trotz symbiotischer Nähe zu ihrer Mutter, die sie geboren hat und stillt, schon im ersten Lebensjahr merken, dass sie nicht wie die Mutter werden können. Sie müssen zum Jungen und Mann werden. Dafür kann sich der Junge wenig von der Mutter abgucken.
Was braucht ein Junge dann?
Er braucht einen Mann. Er braucht einen Vater. Der Junge muss eine Vaterfigur finden, die ihm bei der Ablösung von der Mutter hilft und ihm zeigt, wie man Mann sein kann. Am besten ist es, wenn dieser Mann liebevoll mit der Mutter verbunden ist. Das hilft, ein anderes inneres Bild zu entwickeln und zu lernen, was es heißt, ein Junge zu sein, zum Mann zu werden und das Weibliche anzuerkennen.
Was bedeutet das für Jungs, die ohne Vater oder ein anderes gutes männliches Vorbild aufwachsen?
Ist so ein Vater nicht da oder steht emotional nicht zur Verfügung, hat der Junge es schwer. Dann muss er seine männliche Identität in der Abgrenzung zur weiblichen Identität entwickeln. Für ihn ist dann Mannsein gleichbedeutend damit, alles zu sein, was nicht Frau ist. So entsteht eine überwertige Männlichkeit, die nur darin besteht, seine Männlichkeit zu beweisen und alles Weibliche abzulehnen. Und das Weibliche wird in der Gesellschaft ja leider immer noch mit Verletzlichkeit und Schwäche gleichgesetzt. Das ist es aber, was diese Jungs hassen wie die Pest. Das Fehlen der Väter ist tatsächlich auch ein Risikofaktor für die Gewaltentwicklung männlicher Jugendlicher.
Ja. Nach einer Scheidung wachsen ja Kinder noch immer in der Regel bei der Mutter auf. Das wirft den Jungen wieder zurück auf die Mutter. Und oft sind die Besuche sowohl von mütterlicher wie väterlicher Seite konfliktbehaftet, sodass eine präsente gute Väterlichkeit weitgehend fehlt. Auch in der Nachkriegszeit gab es abwesende Väter, das stimmt. Aber in der Regel haben die Mütter sie in liebevoller Erinnerung gehabt. Da stand ein Bild auf der Kommode, und man hat über sie gesprochen und war traurig, dass sie nicht da waren. So entstand ein Bezug zu einem liebevollen inneren Bild des Vaters.
Gibt es Alarmsignale vor einem Gewaltausbruch?
Man kann schon beobachten, wie sich ein Jugendlicher isoliert und immer weiter in eine eigene Welt abtaucht, die zusätzlich auch noch von den vielen Gewaltdarstellungen in den Medien befeuert wird. Der Medienkonsum ist nicht per se gefährlich. Aber zusammen mit anderen Faktoren kann das die Gewaltentwicklung schon anheizen. Aufmerksame Beobachter – etwa in der Schule – können sehen, wenn sich ein Jugendlicher immer mehr isoliert. Gefährlich wird es, wenn ein Jugendlicher durch den starken Medienkonsum nicht mehr empathisch ist. Wenn zwei Jungs einen anderen verprügeln und auch noch am Boden auf ihn eintreten, dann können sie sich offenbar nicht mehr vorstellen, wie es dem geht, der vor ihnen liegt.
Schlägereien gibt es in allen Kindheiten durch alle Zeiten. Aber gab es mal einen anderen Verhaltenskodex?
Absolut. Ich war ja auch mal Bub. Und natürlich gab es bei uns auch Rangeleien. Aber bei uns waren sie nicht in dem Sinn destruktiv, dass wir uns gegenseitig beseitigen wollten. Wir haben unsere Kräfte gemessen und die Rangordnung irgendwie aushandelt. Aber es galten zwei eherne Regeln: Es wird nicht in den Bauch oder in die Eier getreten. Und wenn einer am Boden liegt, dann ist es vorbei. Man kann ihn dann noch festhalten. Aber man quält ihn nicht mehr. Wer diese Regeln nicht beachtet hat, hatte in unserer Jungen-Peergroup nichts mehr verloren.
Weil durch allzu intensive Mediennutzung das Gefühl dafür verloren geht, ein reales Gegenüber zu haben. Es verkümmert die Vorstellung, dass im Inneren des andern auch eine Seele lebt. In der Therapie muss diese Vorstellung nachreifen.
Jungs sind also nicht hoffnungslos verloren?
Das kann schon gelingen. Verloren für immer ist eigentlich keiner. Wenn man rechtzeitig eingreift, kann man solche Entwicklungen auffangen. Aber das setzt eben voraus, dass jemand aufmerksam wird. Wenn das Kind aber in einem Umfeld lebt, in dem es sowieso wenig emotionale Aufmerksamkeit bekommt, wird es schwierig. Dann fehlt die emotionale Resonanz von verantwortlichen Erwachsenen.
Psychologe Arne Burchartz. Foto: Süddeutsche Akademie für Psychotherapie
Person Arne Burchartz (68) ist in Stuttgart geboren. Er hat Theologie und Erziehungswissenschaften studiert und u. a. eine Ausbildung zum Analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (Psychoanalytisches Institut Stuttgart) gemacht. Er war in einer Jugendwohngruppe, als Pfarrer und Religionspädagoge und als Leiter einer Psychologischen Beratung (Erziehungs-, Familien- und Lebensberatung) und später in der Fachaufsicht tätig. Seit 2002 arbeitet er niedergelassen in eigener Praxis in Öhringen.