Tokio Hotel machen das Wizemann voll, gar keine Frage. Mit 1500 Besuchern ist der große Saal ausverkauft. Das Publikum ist zu einem größeren Teil weiblich, das Kreischen laut, ein Meer an filmenden Smartphones leuchtet fast heller als die Lightshow. Die Fans hüpfen, springen, lassen die Arme kreisen. Der männliche Anteil des Publikums mag kleiner sein, scheint hier aber mitunter nicht nur einen Pflichttermin zu absolvieren: Da sieht man Jugendliche in Punk-Outfits umhergehen, andere toben in der Menge, und irgendwo lassen sich Fans gar zum Headbangen hinreißen, wenn Tokio Hotel in einen ihrer härteren Refrains einsteigen. Es ist interessant.
Punkt 21 Uhr sind sie da. Spot an, und Bill Kaulitz steht auf der Bühne, mit einer V-förmigen E-Gitarre, einem Anzug, der mit roten und silbernen Ornamenten besetzt ist, einem glitzernden Cowboyhut auf dem Kopf und schulterlangen blonden Haaren. Die Bühne besteht aus weißen, kubischen Gebilden, eine abstrakte Skyline vielleicht, auf die bunt flirrende Muster projiziert werden, schemenhaft poppige Motive.
Der Mittelpunkt der Show jedoch ist immer Bill Kaulitz. Schlagzeuger Gustav Schäfer spielt in einer Nische der Kulissenwand, wird dort manchmal ganz unsichtbar. Bassist Georg Listig tobt zur Seite hin. Tom Kaulitz, mit sicher echtem langem braunem Haar und ganz in Schwarz, spielt meist vorne links, erscheint manchmal auch oben rechts, mit akustischer Gitarre.
Tokio Hotel haben sich 2001 gegründet und seither sechs Alben veröffentlicht. Ihre Setlist bietet eine ausgewogene Mischung aus allen Jahren – und ein Song findet sich darin, den Fans für die aktuelle Tour auswählen durften, der nun auch die Stuttgarter vor Freude glühen lässt: „Spring nicht“ erschien 2007 auf dem zweiten Album der Band. Bill Kaulitz, mal mit weißer Nietenjacke, mal in dunklen Tönen, immer aber funkelnd im Licht, beginnt schließlich auch zu plaudern. Er scheint das Stuttgarter Publikum darum zu beneiden, dass es sich bei seinem Konzert ganz hemmungslos dem Bier ergeben kann, er klagt: „Ich bekomme jeden Abend nur ein Glas Champagner.“ Und gibt auch gerne zu: „Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Tom tut jeden Tag alles weh, wenn er aufstehen muss.“ Und Bill Kaulitz, geboren am 1. September vor mehr als 33 Jahren in Leipzig, hat für seine Stuttgarter Fans sogar ein paar komische Brocken Schwäbisch gelernt: „Schtuttgart, lasst uns a bissle Spässle haba“, sagt er. „Und a Käschtle Bier.“
Bierneid gegenüber dem Publikum
Nach vielen schnellen Popsongs, einigen Balladen, etlichen Stücken, die erwartet und gefeiert wurden, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt – und Bill Kaulitz sagt: „Ich hab das Gefühl, ihr tanzt noch nicht genug. Holt eure Danceshoes raus!“ Den Bogen vom Pathos ihrer frühen Stücke hin zum zackigen Elektropop der späteren Alben schlagen Tokio Hotel überzeugend. In der Zugabe gibt es „Durch den Monsun“, zuvor „Fahr mit mir“, eine Coverversion von Kraftclub, zuletzt „Runaway“ vom jüngsten Album.