Tonstudio in Ludwigsburg „Die wirklich großen Stars sind angenehm“

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Das Tonstudio Bauer arbeitet mit Musikern aus der ganzen Welt, und das seit mehr als 60 Jahren. Miles Davis war hier, Udo Jürgens, Stevie Wonder, Keith Jarrett. Jetzt veranstaltet das Studio erstmals ein öffentliches Jazz-Konzert im Aufnahmeraum.

  Foto: factum/Granville
  Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Wenn Eva Bauer-Oppelland über Musik spricht, vergisst sie sogar, dass sie sich jetzt eigentlich hinsetzen sollte. Nach einem kleinen Unfall ist die Chefin der Bauer-Studios in Ludwigsburg derzeit auf Krücken angewiesen, das Knie schmerzt. Trotzdem steht sie schon seit etlichen Minuten in Tonstudio I und philosophiert mit ihrem Label-Manager Rico Scholz und Andreas Rieke alias And. Ypsilon von den Fantastischen Vier über die Vor- und Nachteile der analogen Aufnahmetechnik, über die Schönheit alter Vinyl-Platten, die Wertigkeit von Musik in Zeiten des Computers.

Bedenklich sei es, sagt And. Ypsilon, dass die heutige Generation so sehr an das mp3-Format gewohnt sei, dass sie nicht mal mehr in der Lage sei, den Unterschied zu Höherwertigem heraus zu hören. „Da gibt man sich viel Mühe mit seiner Musik, aber die Leute hören das als mp3, und alles ist verkrumpelt.“ Eine Katastrophe sei das. „Wir dürfen nicht aufgeben“, erwidert Eva Bauer-Oppelland. Die Diplom-Tontechnikerin hat ihre Leidenschaft für den perfekten Klang wohl von ihrem vor fünf Jahren gestorbenen Vater Rolf Bauer geerbt, der das Tonstudio 1949 aufgebaut hat. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Miles Davis, Stevie Wonder, Udo Jürgens – das Studio lockt seit mehr als 60 Jahren Stars aus der ganzen Welt an

Unscheinbar ist das Gebäude an der Markgröninger Straße. Wer davor steht, wird nicht vermuten, dass sich hier seit Jahrzehnten Stars die Klinke in die Hand gegen. Der Jazztrompeter Miles Davis hat mit den Tontüftlern aus Ludwigsburg gearbeitet, Stevie Wonder, Keith Jarrett, der Geiger Yehudi Menuhin, deutsche Künstler wie Udo Jürgens, und kürzlich war Roberto Blanco wieder mal hier, um eine Platte aufzunehmen. Der sei sehr umgänglich, erzählt Eva Bauer-Oppelland. Überhaupt seien die „wirklich guten und erfolgreichen Stars meistens auch unheimlich interessant und angenehm“. Für die Arbeit im Studio sei es wichtig, dass die Chemie zwischen Tonmeister und Künstler stimme. Es sei ja eine durchaus intime Situation, wenn sich ein Sänger sagen lassen muss, er habe den Ton nicht richtig getroffen.

An einen Streit kann sich die Chefin erinnern – ausgelöst von einem berühmtem Jazz-Schlagzeuger. Der habe immer und überall getrommelt, auch gegen Wände und alles, was im Aufnahmeraum so herum stand. „Da ist mein Vater irgendwann ausgeflippt. Wir hatten den Raum gerade neu gemacht.“ Natürlich gebe es auch in der Musikbranche Menschen, die „etwas schwieriger“ seien, sagt Rico Scholz. „Aber eskaliert ist das nie.“ Angesichts der bekannten Namen sind die Bauer-Studios in Ludwigsburg selbst relativ unbekannt.

Auch das ist ein Grund, warum man sich entschieden hat, in Kooperation mit dem Scala und dem Jazz-Club erstmals ein öffentliches Studiokonzert zu veranstalten – mit dem französischen Trio Journal Intime, dem Gitarristen Marc Ducret und dem Akkordeonisten Vincent Peirani. „Wir wollen den Ludwigsburgern etwas anbieten“, sagt Scholz. „Das ist auch für uns ein Test.“

Die Fantastischen Vier arbeiten in Ludwigsburg an einer Vinyl-Edition ihres MTV-Unplugged-Konzerts

In der Branche ist das Studio nicht mehr auf Eigenwerbung angewiesen. Im Aufnahmeraum steht ein Steinway-Flügel aus dem Jahr 1926, für den sogar Jazz-Musiker aus den USA den langen Weg nach Ludwigsburg auf sich nehmen. Die Fantastischen 4 hatten einen anderen Grund. Die Stuttgarter Hip-Hop-Band wird eine spezielle Vinyl-Edition eines MTV-Unplugged-Auftritts veröffentlichen – das Konzert vom vergangenen Juli wurde nicht nur digital, sondern zusätzlich analog mit einer Bandmaschine aufgenommen. Das Material wird derzeit von And. Ypsilon analog abgemischt, das heißt: ohne digitale Technik

Warum Ludwigsburg? „Die haben hier eben auch ein schönes analoges Aufnahmepult. Das hätte ich gern zu Hause, konnte ich mir aber nicht leisten“, erzählt der Musiker und lacht. 750 000 Mark hat das Gerät einst gekostet. Seit zwei Wochen arbeite er schon an der Platte, mindestens eine weitere werde er noch brauchen, sagt And. Ypsilon. Es sei ein Abenteuer, er müsse vieles ganz neu lernen. Wann die Scheibe veröffentlich wird, wisse er nicht. „Das wird etwas für Liebhaber, sicher nicht ganz billig.“ Er hoffe, dass die Band aus dem Projekt „eben heraus kommt“, das heißt: keine Verluste macht. Er jedenfalls habe großen Spaß. „Die Leute hier sind sehr routiniert und wissen ganz genau, was sie tun.“ Es gebe nicht viele Tonstudios, die sich so lange gehalten haben. Das sei etwas Besonderes.

Tatsächlich handelt es sich sogar um das älteste private Tonstudio in Deutschland. Natürlich spüre auch sie die Krise der Musikbranche, erzählt Eva Bauer-Oppelland. „Wir haben von den Künstlern vor zwölf Jahren einen höheren Tagessatz verlangt als heute.“ Aber man sei eben sehr breit aufgestellt. Es habe zwar mal Überlegungen gegeben, von Ludwigsburg nach Berlin und damit ins Zentrum der Musikindustrie umzuziehen, doch davon habe man wieder Abstand genommen. „Wir sind eben kein Studio wie jedes andere.“




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