Tote Studentin in Freiburg Die Tat rückt in den Hintergrund

Von red/dpa 

Ein Flüchtling soll in Freiburg eine Studentin umgebracht haben. Die Emotionen kochen hoch. Die Festnahme hat die Debatte über die Gefahr, die von Flüchtlingen ausgehen könnte, wieder angefacht. Die Erleichterung über die Aufklärung gerät dabei fast in den Hintergrund.

Ein Aufkleber mit der Aufschrift „Refugees welcome“ hängt in der Innenstadt von Freiburg am Rathausplatz. Die politische Diskussion über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kocht nach dem Mord an der Studentin hoch. Foto: dpa
Ein Aufkleber mit der Aufschrift „Refugees welcome“ hängt in der Innenstadt von Freiburg am Rathausplatz. Die politische Diskussion über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kocht nach dem Mord an der Studentin hoch. Foto: dpa

Freiburg - Die Herkunft des mutmaßlichen Mörders einer Freiburger Studentin hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Der 17 Jahre alte Verdächtige ist Afghane, er ist als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Politiker warnen nun davor, das Verbrechen politisch zur Stimmungsmache gegen Flüchtlinge zu missbrauchen, und appellieren an die Vernunft der Bürger. „So bitter es ist: Solche abscheulichen Morde gab es schon, bevor der erste Flüchtling aus Afghanistan oder Syrien zu uns gekommen ist“, sagte etwa Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) der „Bild“-Zeitung. „Wir werden nach solchen Gewaltverbrechen – egal, wer sie begeht – keine Volksverhetzung zulassen.“

Die Tat geschah Mitte Oktober: Die 19 Jahre alte Medizinstudentin aus dem Enzkreis, die mit ihrem Fahrrad auf dem Heimweg von einer Uniparty gewesen war, wurde vergewaltigt, ihre Leiche fand man später im Flüsschen Dreisam. Die Frau war ertrunken. Der Afghane, der verdächtigt wird, die Tat begangen zu haben, ist im vergangenen Jahr nach Deutschland eingereist und lebte danach bei einer gut situierten Freiburger Gastfamilie. Ein 18,5 Zentimeter langes blondiertes schwarzes Haar am Tatort hat die Ermittler auf seine Spur gebracht. Er äußerte sich der Polizei zufolge noch nicht zu den Vorwürfen. Es gebe bislang auch keinen Hinweis, dass er das Opfer gekannt habe.

Spontane Kundgebung der AfD

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner sagte: „Solche Grausamkeiten werden von In- wie Ausländern begangen, das ist leider kein neues Phänomen.“ Auch der CSU-Innenexperte Stephan Mayer warnte davor, Migranten und Flüchtlinge unter einen Generalverdacht zu stellen.

Der AfD-Bundeschef Jörg Meuthen meinte hingegen: „Wir sind erschüttert von dieser Tat und erleben gleichzeitig, dass unsere Warnungen vor der ungesteuerten Einreise Hunderttausender junger Männer aus patriarchalisch-islamischen Kulturkreisen als populistisch abgewertet wurden.“ Die bisherige Rechtslage, DNA-Proben nicht Ethnien zuzuordnen, bezeichnete Meuthen als skandalös.

Unmittelbar nach der Festnahme haben sich nach Polizeiangaben Anhänger der AfD zu einer spontanen Kundgebung „gegen die Merkel’sche Politik“ in der Freiburger Innenstadt versammelt. Am Münster seien sie mit Gegendemonstranten zusammengestoßen, teilte ein Sprecher mit. Er berichtete von einer „kleineren Gruppe von AfD-Vertretern“ und mehreren Hundert linken Gegendemonstranten.

Wie die „Badische Zeitung“ berichtet, habe auch die fast 3000 Mitglieder zählende Facebook-Initiative Flüchtlingshilfe Freiburg nach dem Bekanntwerden des Fahndungserfolgs wegen rechter Hetze und Drohungen ihre Facebook-Gruppe vor­übergehend schließen müssen. Das Mordopfer, das am Dienstag 20 Jahre alt geworden wäre, habe dieser Gruppe angehört. Ihre Familie habe in der Traueranzeige Spenden für Flüchtlinge gesammelt.

Polizeigewerkschaft: Land war auf Gefahren nicht vorbereitet

Empörung löste auch der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, aus. Er sagte der „Bild“-Zeitung: „Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung verbunden sind. Während Angehörige trauern und Opfer unsägliches Leid erfahren, schweigen die Vertreter der ‚Willkommenskultur‘.“ Und: „Die grausame Seite dieser Politik wird abgewälzt auf die Opfer und eine seit Jahren kaputtgesparte Polizei und Justiz. So wachsen die Gefahren für unser Land ständig.“ Der SPD-Vizevorsitzende Ralf Stegner nannte die Äußerungen „politisch widerlich und dümmer, als die Polizei erlaubt“.

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Festnahme ist auch die ARD-„Tagesschau“ in die Kritik geraten. Sie hatte in ihrer 20-Uhr-Ausgabe nicht darüber berichtet – unter anderem, weil ein „besonderer Schutz von Jugendlichen und Heranwachsenden zu beachten“ sei, wie der Südwestrundfunk (SWR) mitteilte. In einem Blog-Eintrag am späten Sonntagabend erläuterte der ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke das Vorgehen seiner Redaktion.

Die „Tagesschau“ berichte nur „sehr selten über einzelne Kriminalfälle“. Sie widme sich „gesellschaftlich, national und international relevanten Ereignissen“. Der Freiburger Fall hebe sich von anderen Mordfällen nach diesen Kriterien nicht ab. Man habe bei der Verhaftung des Verdächtigen den Maßstab beibehalten. „Die Herkunft des mutmaßlichen Täters hat also mit dieser Entscheidung nichts zu tun“, betonte Gniffke. „Im Gegenteil, dass wir kein Problem damit haben, gegebenenfalls auch die Herkunft von Tatverdächtigen zu nennen, konnte man bei unserer Kölner Silvester-Berichterstattung sehen, bei der wir von Anfang an die Herkunft der mutmaßlichen Täter genannt haben.“

Auch der ZDF-Moderator Claus Kleber wehrte sich online gegen Kritik, das „heute-journal“ habe die Festnahme verschwiegen. Am Samstag habe die Sendung „vollumfänglich“ darüber berichtet, schrieb Kleber auf Twitter. Am Sonntag sei es aber keine Neuigkeit mehr gewesen.