Toter Wolfswelpe Wolfsrudel am Schluchsee hat gute Chancen, sich wieder zu erholen

Der erste Wolfswelpe seit 150 Jahren in Baden-Württemberg (hier das Archivbild einer anderen Wolfsfamilie) wurde am Montag tot aufgefunden. Foto: imago/stock&people

Am Montagabend wurde der einzige bekannte Wolfswelpe in Baden-Württemberg tot aufgefunden. Was hat das für Auswirkungen auf die Population der Tiere und das Rudel, das sich am Schluchsee im Südschwarzwald niedergelassen hat?

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

Die größte Bedrohung für wild lebende Wölfe sind nicht etwa Landwirte, die ihre Herde schützen wollen oder Jäger, die es auf die Tiere abgesehen haben. In Deutschland sind die häufigste Ursache für den Tod von Wölfen Verkehrsunfälle. Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) führt auf ihrer Homepage Statistiken über die Rudel in Deutschland und auch über die Totfunde. Allein in diesem Jahr gab es 157 Totfunde; 117 starben bei Verkehrsunfällen.

 

Zur Statistik kann nun ein besonders tragischer Fund aus dem Südwesten hinzugerechnet werden. Der einzige bekannte Wolfswelpe in Baden-Württemberg wurde am Montag tot aufgefunden. Er wurde von einem Auto angefahren. Es war der erste Wolfsnachwuchs seit 150 Jahren im Südwesten. Ein Jäger war nach dem Autounfall darauf aufmerksam geworden, dass es sich bei dem toten Tier um den berühmten Welpen gehandelt haben dürfte.

Große Territorien

Laut Micha Herdtfelder ist der Schutz der Tiere vor Zusammenstößen mit Autos sehr schwer. Der Wildtierökologe aus Freiburg kennt sich mit der Wolfspopulation in Baden-Württemberg aus wie kaum ein anderer. Er leitet den entsprechenden Arbeitsbereich in der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Baden-Württemberg (FVA). Daher wird ihm jedes Lebenszeichen, das es von den Wildtieren gibt, zur Erfassung gemeldet. „Ein Wolf durchstreift normalerweise ein Territorium von 200 bis 300 Quadratkilometern. Das entspricht etwa der Größe Stuttgarts“, sagt er. Man könne zwar in Regionen, in denen es oft Wildunfälle gibt, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder sichere Überwege für Tiere schaffen, dies sei doch in der Regel ein langwieriger Prozess. Für Menschen gelte zudem, dass sie die Wölfe nicht stören und sich ihnen auch nicht nähern dürften.

Seit einiger Zeit ist bekannt, dass sich ein Wolfspaar am Schluchsee im Südschwarzwald niedergelassen hat. Das letzte Lebenszeichen der Wölfe und ihres Welpen war vom 17. Oktober. Laut dem Nachweisregister des Umweltministeriums wurde an dem Tag ein Foto geschossen. Auch dafür war Herdtfelder zuständig. „Als wir gemerkt haben, dass die Wölfe am Schluchsee tatsächlich nicht einfach auf der Durchreise sind, sondern sich niedergelassen haben, haben wir dort Fotofallen aufgestellt“, sagt der Wissenschaftler. Sie werten in ihrer Abteilung unter anderem auch genetische Abstrichproben aus, wenn Tiere gerissen wurden, um festzustellen, ob die Wölfe dafür zuständig waren. So wurde im Februar ein totes Rind identifiziert, das von den Schluchsee-Wölfen getötet worden sein muss.

Ständige Gefahren für die Tiere

Die Folgen für die gesamte Wolfspopulation im Südwesten sei durch den verstorbenen Welpen wahrscheinlich nicht sehr schwerwiegend. „Wir gehen fest davon aus, dass es nächstes Jahr im Mai wieder Nachwuchs geben wird“, sagt Herdtfelder. Die Tiere seien in freier Wildbahn ständig den Gefahren von Krankheiten oder Unfällen ausgesetzt. Nur die Tiere, die lernen würden Autoverkehr als Gefahr zu erkennen, würden auch überleben. Das sei praktisch Teil der natürlichen Auslese.

Bundesweit nimmt die Zahl der toten Wölfe jedes Jahr zu, weil auch ihre Population zunimmt. Die meisten der Tiere leben im Norden und Osten Deutschlands. So wurden für die Jahre 2022/23 insgesamt 184 Rudel gezählt. Wenn es Nachwuchs gibt, dauert es etwa zwei Jahre, bis ein Tier sich selbstständig macht und vielleicht eigenen Nachwuchs zeugt. Ob die Wölfe aus dem Schluchsee nun einen Beitrag zur Wiederpopulation der Tiere auch im Südwesten leisten können, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

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