Tour de France Am Ende gewinnen immer die Deutschen

Simon Geschke und die anderen  deutschen Radprofis spüren bei der Tour de France plötzlich wieder  Rückenwind  und verstehen den zu nutzen. Foto: AFP
Simon Geschke und die anderen deutschen Radprofis spüren bei der Tour de France plötzlich wieder Rückenwind und verstehen den zu nutzen. Foto: AFP

Deutschland ist zurzeit die erfolgreichste Nation bei der Tour de France. Die Erfolge der deutschen Radprofis werden in Frankreich mit großem Respekt zur Kenntnis genommen – und mit einer großen Portion Verwunderung.

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)
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Saint-Jean-de-Maurienne - Das Zentralorgan der Tour de France, die Sporttageszeitung „L’Equipe“, hat sich in ihrer Donnerstagsausgabe bei Gary Lineker bedient. Die britische Fußballerlegende hat ja den Spruch geprägt, dass Fußball ein Spiel sei, bei dem 22 Spieler dem Ball hinterherjagen würden und am Ende immer die Deutschen gewinnen. Im Radsport stellt sich die Situation so ähnlich dar, auch wenn es da nicht der Ball ist, sondern Etappensiege, die die Akteure auf ihren Rädern verzweifelt jagen. André Greipel (3). Tony Martin (1). Simon Geschke (1). So viel bisher. Es ist eine „Tour d’Allemagne“. Schon wieder. Und so überschrieb das mit dem Tour-Veranstalter Aso verbandelte Blatt seinen Artikel über den Erfolg von Simon Geschke auf der ersten Alpenetappe so: „Und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

Die Radsportnation Frankreich nimmt die Erfolge mit Respekt zur Kenntnis, aber auch ein Stück weit verwundert. Viele fragen sich, wie es sein kann, dass ausgerechnet ein Land, in dem der Radsport nach unzähligen Exzessen und Dopingskandalen klinisch tot war, heute so erfolgreich ist.

Die großen Zweiradländer haben all die Skandale ja vergleichsweise gut überstanden. Ihre Tradition und Kultur hat sie weniger anfällig gemacht als dieses Radsportneuland, das Jan Ullrich und den Erfolg liebte und vielleicht als Ganzes betrachtet weniger den Radsport an sich. Wie ist es also möglich, dass dieses Land seit 2013 die Flachetappen dominiert (Geschkes Sieg in den Bergen ist die Ausnahme)?

Die deutschen Fahrer fahren vorneweg

Seit der Tour de France 2013 haben deutsche Radprofis 18 Etappen gewonnen (2013: 6/2014: 7/2015: 5) – knapp 30 Prozent aller Abschnitte. Kein anderes Land war annähernd so erfolgreich. Fahrer aus Großbritannien holten acht Siege, Italiener sechs, Franzosen gewannen fünf Etappen. Radprofis aus Spanien blieben 2013 und 2014 sogar ohne einen Etappensieg. Es ist die große Frage nach dem Warum – eine befriedigende Antwort gibt es nicht. Ist es wie es ist? Warum auch immer? Vielleicht.

In den vergangenen Jahren verschwand das deutsche Element bei der Tour dann, wenn es bergauf ging. Das Profil der deutschen Fahrer kam nur bei profillosen Etappen zum Vorschein. Dass ein Deutscher nun auch eine schwere Bergetappe gewonnen hat (letztmals war das 2007 Linus Gerdemann gelungen), heißt aber nicht, dass sich deutsche Profis neuerdings auch im Hochgebirge pudelwohl fühlen. Es war eine taktische Meisterleistung Simon Geschkes mit der richtigen Entscheidung im richtigen Moment, die am Mittwoch zum Sieg führte; einen klassischen deutschen Bergfahrer, der mit den Besten am Anstieg mithalten kann, gibt es nicht. Noch nicht? Emanuel Buchmann (22) aus Ravensburg könnte so einer sein, er gilt zumindest als potenzieller Mann fürs Gesamtklassement.

Stimmungswandel im Radsportlager

Die deutschen Radfahrer befinden sich in der entscheidenden Phase der Resozialisierung. Der Berliner Simon Geschke, der seit zwei Jahren in Freiburg trainiert, sagt: „Wir Radfahrer hatten ja in Deutschland lange ein schlechtes Image.“ Aber: „Der deutsche Radsport ist im Aufwind.“ Er ist nicht nur erfolgreich, sondern viele Profis machen einen Stimmungswandel aus. Die Glaubwürdigkeit kehre langsam zurück, hört man oft. Das wird vor allem an der ARD festgemacht, die seit diesem Jahr wieder live überträgt. Von Euphorie angesichts der Erfolge ist man in der Heimat aber noch weit entfernt. Wie weit der Weg ist, zeigt die Resonanz: Die Einschaltquote liegt bei dürftigen 1,1 Millionen Zuschauern.

Die Zeiten haben sich geändert. Der Jubel über deutsche Erfolge ist viel verhaltener als früher. Die Öffentlichkeit wie auch die Medien sind weniger blauäugig als im rauschhaften Taumel der Ullrich-Zeit. Man ist distanzierter, kritischer und misstrauischer. Es fällt schwer, jemandem wieder zu vertrauen, der die bedingungslose Liebe einst schändlich enttäuscht hat – auch wenn die Protagonisten des Radsportmärchens 2.0 heute andere sind.

Viele Sportfans haben sich ganz von der Tour abgewendet, weil sie nicht daran glauben wollen, dass es nun so viel anders sein soll. Die Kurve nach dem Crash steigt nur langsam an, aber vielleicht ist das ja langfristig auch gesünder. John Degenkolb sagt: „Alle Deutschen können uns vertrauen.“

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