Tour mit einer Naturparkführerin In Auenwald finden sich auch im Winter essbare Wildpflanzen

Naturparkführerin Michaela Genthner schnuppert an gemahlenen Tannennadeln. Foto: Gottfried / Stoppel

Die Naturparkführerin Michaela Genthner kennt sich aus in Wald und Wiesen des Rems-Murr-Kreises. Sie verrät, welche leckeren Wildpflanzen man auch im Winter finden kann.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Wer glaubt, dass sich im Winter keine essbaren Pflanzen finden lassen, wird von Michaela Genthner schnell eines Besseren belehrt. Man braucht nur Glück und gute Augen – und das nötige Fachwissen: „Hier, ein Gänseblümchen“, ruft sie keinen Steinwurf vom Parkplatz Schloss Ebersberg entfernt am ersten Stückchen Grün. Tatsächlich, eine kleine weiß-gelbe Blüte hängt schlaff am dünnen Stängel. Doch auf diese hat es Genthner an diesem Tag nicht abgesehen, obwohl sich auch das Sammeln der Blüten lohnt: Gänseblümchen ebenso wie Löwenzahnknospen kann man mit Salz und Essig zu „falschen Kapern“ einlegen. Lecker! Im Winter steht das Grün im Vordergrund: „Die Blätter schmecken leicht nussig wie Ackersalat, und man kann sie auch genauso verwenden“, erklärt Genthner.

 

Artenschutz beachten

Vom Pflänzchen am Parkplatz lässt sie allerdings lieber die Finger. Denn so direkt am Straßenrand, wo sich Autoabgase breit- und Hunde hinmachen, sei keine geeignete Sammelstelle. Auch in der Nähe von Äckern, die gedüngt werden und Wiesen, auf denen Schafe oder Kühe ihre Ausscheidungen hinterlassen, sei kein empfehlenswerter Ort, um Pflanzen zu pflücken. „In Naturschutzgebieten ist das Pflücken ganz tabu und auch außerhalb davon sollte man stets den Artenschutz beachten“, sagt die Weissacherin. „Schlüsselblumen zum Beispiel sind überall geschützt.“

Ansonsten dürfe man in Wald und Wiesen maßvoll zu Messer oder Schere greifen beziehungsweise mit den Fingern pflücken. „Es gilt die Handstraußregel, mehr als eine Handvoll sollte man nicht mit nach Hause nehmen und möglichst nie nur an ein und derselben Stelle sammeln, sondern immer genügend Pflanzen stehen lassen, damit es genügend Nachwuchs geben kann.“

Brennnesseln machen sich gut in Pasta

Nach dieser kurzen Einführung geht’s voran ins kleine Wäldchen, vorbei an Brombeerblättern, aus denen man Tees zubereiten kann. „Ideal sind die jungen Blätter im Frühjahr – allerdings nicht unbedingt geeignet für Schwangere, da der Tee die Wehen fördern kann.“ Am Hang daneben wachsen zwei andere bekannte Gesellen aus dem Boden: Brenn- und Goldnessel. Man kann sie roh in Salat und grünem Smoothie oder gekocht in Suppen, Pasta und Gemüsegerichten verzehren, erklärt die Naturparkführerin: Goldnessel schmeckt würzig und erinnert an Pilze, sie hat ovale bis herzförmige Blätter mit teilweise silbrig-weißen Blattflecken. Die Goldnessel gehört zu den Taubnesseln und hat keine Brennhaare.

„Königin der Wildkräuter“

Als besonders reich an Wirkstoffen gilt die Brennnessel, die „Königin der Wildkräuter“ – sie ist eiweißreich, enthält viele Mineralien und die Vitamine A und C.

Sie eignet sich gut für Pasta, etwa als Füllung für Ravioli. Allerdings schätzen sie auch Tiere als Nahrungsmittel, erklärt die Naturparkführerin: „Allein 30 verschiedene Raupenarten sind bei ihrer Entwicklung auf die Brennnessel angewiesen.“ Wie lange gelbe Raupen sehen auch die männlichen Blüten der Haselnuss aus. Diese „Haselkätzchen“ können mit Haselnüssen gemahlen und im Ofen geröstet zu einer Art veganem Parmesan verarbeitet werden.

Fichte sticht, Tanne nicht

Als würzige Zutat in Kräuterbutter, Salaten und Dips oder in der Suppe eignet sich der Wilde Schnittlauch. „Geruch und Geschmack sind scharf und lauchartig, die Stiele werden nur vor der Blüte gesammelt.“ Seine Blüten können als essbare Dekoration für Salate verwendet werden.

Nicht nur etliche Blätter und Knospen sind essbar, auch die Nadeln von Tanne, Fichte, Kiefer und Douglasie können getrocknet und fein gemahlen das Frühstück oder Vesper bereichern. Tannennadeln erkennt man gut an ihren beiden weißen „Wachsstreifen“ an der Unterseite. „Ich nehme einen gemahlenen Esslöffel Nadeln und mische ihn mit 100 Gramm Butter und 100 Gramm Honig für einen leckeren Brotaufstrich.“ Aber Obacht: Auf gar keinen Fall darf man die Nadeln oder Pflanzenteile der hochgiftigen Eibe verwenden – die ist tödlich. Auch die heilsame Schafgarbe hat giftige Doppelgänger. Gut zu unterscheiden ist sie am charakteristischen Blatt, das an eine Augenbraue erinnert – fein gefiedert, wachsen sie wechselständig entlang des Stils.

Nur sammeln, was man genau kennt

Generell ist es beim Pflanzensammeln wie bei den Pilzen: „Immer nur diejenigen Pflanzen verwenden, die man hundertprozentig bestimmen kann.“ Handy-Apps zur Bestimmung von Pflanzen seien nicht zur alleinigen Bestimmung zu empfehlen, die Fehlerquote sei zu hoch. Die Fachfrau für die Flora empfiehlt Bestimmungsbücher mit Zeichnungen von Blüten, Blättern, Stängeln, Samen, Knospen und Co.. Außerdem spiele bei der Unterscheidung bestimmter Pflanzen auch die Einbeziehung aller Sinne eine wichtige Rolle: Wie fühlen sich die Pflanzenteile an, wie riechen und gegebenenfalls schmecken sie?

Übrigens: eine Art Tausendsassa unter den Heilpflanzen ist der Spitzwegerich; einfach ein paar frische Blätter abzupfen, kurz zerreiben und auf die schmerzende Stelle geben. Der Saft tötet Erreger ab und versieht die Wunde mit einem schützenden Film, der die Heilung beschleunigt – sich diese Pflanze zu einzuprägen, lohnt nicht nur im Winter.

Tour de Natur

Führerin
 Michaela Genthner stammt aus dem Schwarzwald, ist Naturparkführerin, Streuobstpädagogin, Naturcoach, Kursleiterin für Waldbaden und Achtsamkeit sowie Fachberaterin für Selbstversorgung mit essbaren Wildpflanzen. Internet: www.mit-der-natur.de

Führung
 Der Kurs „Essbare Wildpflanzen im Winter“ findet statt am Sonntag, 18. Februar, 14.30 Uhr am Schloss Ebersberg in Auenwald. Dauer: 2,5 Stunden, Kosten: 16 Euro. Anmeldung unter Telefon 071 91/31 86 53. 

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