Tourismus Heavy Metal auf hoher See

Leaves’ Eyes nach dem Auftritt auf dem Pooldeck: Alex Krull (Zweiter von links) und seine Frau Liv Kristine singen in der Band. Foto: Atrocity
Leaves’ Eyes nach dem Auftritt auf dem Pooldeck: Alex Krull (Zweiter von links) und seine Frau Liv Kristine singen in der Band. Foto: Atrocity

2000 Rockmusikfans schippern durch die Karibik. Für den Sänger Alex Krull aus Steinheim an der Murr ist die ungewöhnliche Kreuzfahrt zugleich Familienausflug und Teilzeitjob.

Volontäre: Marius Venturini (mv)

Steinheim/Miami - Eine Menschenmasse ergießt sich über den South Beach von Miami. Hunderte dunkel gekleidete Heavy-Metal-Fans drängen vom Ocean Drive her ans Meer. Am Strand stimmen sie sich bei Sonne, Bier und Musik auf eine Tour der besonderen Art ein – die „70 000 Tons of Metal“-Kreuzfahrt.

Die nackten Fakten des Höllenspektakels: ein Schiff der Luxusklasse, 270 Meter lang, zwölf Stockwerke hoch. Swimmingpool, Fitnesscenter, Duty-free-Shops, Casino, Feinschmecker-Restaurant. 2000 Passagiere aus 50 Nationen, darunter etwa 400 mit deutschen Reisepässen. Eine 900-köpfige Crew, 41 Rockbands, drei Bühnen. An jeder Ecke gibt es Bierstände, unzählige Bars sowieso. Die Route: in fünf Tagen Miami–Mexiko und zurück.

Am nächsten Vormittag. Anmutig liegt die Majesty of the Seas im Hafen von Miami. Alex Krull verstaut das umfangreiche Band-Equipment. Wohin mit den Gitarren, Bässen und Verstärkern? Für den 43-Jährigen aus Steinheim an der Murr ist die Kreuzfahrt ein Familienausflug und ein Teilzeitjob gleichermaßen. Krull tritt nicht nur zweimal mit seiner Gruppe Atrocity auf, auch bei Leaves’ Eyes, der Band seiner Ehefrau Liv Kristine, ist er für den männlichen Gesangspart zuständig. Mit von der Partie ist außerdem der Sohnemann Leon. Die Krulls im Metal-Urlaub. „Wir waren bis eben noch auf gemeinsamer Tour in Puerto Rico“, erzählt der Familienvater mit der langen Mähne, „deshalb konnten wir bei der Strandparty gestern nicht dabei sein.“ Nun ist Alex Krull als Unterhaltungskünstler auf der wohl ungewöhnlichsten und lautesten Kreuzfahrt der Welt gebucht.

An Deck der Majesty of the Seas wird es in den kommenden fünf Tagen zugehen wie auf einem Heavy-Metal-Festival, bei dem jeder Anwesende einen Backstagepass besitzt. Die Fans feiern mit den Musikern, mit ihren Idolen, eine große Party mit Live-Gigs, Karaoke und allem Drum und Dran. Tag und Nacht. Gleich nach dem Ablegen erfüllen Alex Krull und seine Gattin Liv Kristine Autogrammwünsche. „Ich finde, das macht den speziellen Charme aus: dass alle zusammen an Bord sind ohne einen abgetrennten Bereich“, sagt Krull, während er seinen Namen auf ein Stück Papier kritzelt. Auch Erinnerungsfotos Arm in Arm mit Fans gehören zu seinem Service.

Schwermetaller aus dem Schwabenland

Krulls Musikerkollege Chris Bay liegt derweil entspannt auf dem Promenadendeck und nippt an einem Bier. „Der gegenseitige Respekt zwischen den Musikern und den Fans ist vielleicht ein bisschen größer als gewöhnlich“, sagt der Sänger und Gitarrist der fränkischen Metal-Band Freedom Call. Es sei schön, mit den 2000 Leuten abzuhängen und dennoch nicht ständig angequatscht zu werden. „So kann jeder Spaß haben.“ Bays Haare sind strohblond, seine Haut ist nach einem halben Tag im Liegestuhl krebsrot. „Der Sonnenbrand ist morgen wieder weg, ich kenn mich.“ Spricht’s und greift zur innerlichen Kühlung wieder zum Amstel Bier.

Zurück zum Schwermetaller aus dem Schwabenland. Alex Krull steht am Abend mit seiner Band Atrocity zum ersten Mal auf der Bühne. In der sogenannten Spectrum Lounge, zwischen Plüschsesseln und einer überdimensionierten „Bingo“-Tafel, grölt er Songs wie „Blut“, „March of the Undying“ und „Necropolis“. Karibikfeeling und musikalische Düsternis schließen sich offenbar nicht aus. Als die Band nach der schweißtreibenden Show die Spectrum Lounge verlässt, lautet das knappe Fazit ihres Frontmanns: „Das war echt geil!“

Es ist die vierte „70 000 Tons of Metal“-Kreuzfahrt und die erste für Krull. Mit dem Veranstalter, dem nach Kanada ausgewanderten Schweizer Andy Piller, verbindet ihn eine Vorgeschichte: Anfang bis Mitte der 90er Jahre veranstaltete Piller Atrocity-Konzerte in seiner alten eidgenössischen Heimat. Später sind sich die beiden Männer nochmals bei einem Gig in Vancouver begegnet.




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