Tourismus sucht neue Wege Brückenboom im Schwarzwald

In luftiger Höhe über die Tannenwipfel: Die Wildline in Bad Wildbad ist 380 Meter lang und 60 Meter hoch. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Bad Wildbad hat seit eineinhalb Jahren eine Hängebrücke. Doch es droht Konkurrenz: Mehrere Orte im Schwarzwald wollen dem Beispiel folgen.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Stuttgart - Dass er nicht mehr allein ist, spürt der Besucher, lange bevor er es sehen kann: Der Gitterrost unter den Füßen fängt an zu schwanken. Zwei Schweizer, Nicole (22) und Michel (26) aus Bern, die in Hofen an der Enz Urlaub machen, haben die Hängebrücke am Sommerberg bei Bad Wildbad betreten.

 

Der 380 Meter lange und 43 Tonnen schwere Laufsteg hängt in der Mitte nicht etwa durch, wie man es bei einer Hängebrücke dem Namen nach erwarten dürfte, sondern wölbt sich nach oben. Wer kommt, muss einen Anstieg bewältigen und kann von der anderen Seite aus nicht gesehen werden. Das flößt sogar bergerfahrenen Schweizern Respekt ein. „Man hat den Eindruck, es nimmt kein Ende“, sagt Michel. Und ziemlich hoch, 60 Meter über Grund, ist es durch diese Konstruktion natürlich auch. „Wenn man durch das Gitter schaut, bekommt man schon ein wenig Höhenangst“, gibt der 26-Jährige zu und blickt auf die Spitzen der Tannen, die weit unten im Wind wackeln.

So einsam wie an diesem Tag, an dem der Himmel noch unschlüssig ist, ob er die Sonne oder die Schneewolken vorlässt, ist es nicht immer auf der Wildline, wie die Bad Wildbader Hängebrücke heißt. 100 000 Besucher haben sich im vergangenen Jahr auf den Steg getraut, bis zu 600 Menschen dürfen gleichzeitig darauf. Die Erwartungen des Investors, der von jedem erwachsenen Besucher neun Euro verlangt, sind erfüllt; auch der Bürgermeister Klaus Mack (CDU) ist zufrieden.

Die Standseilbahn gibt es seit mehr als 100 Jahren

Seit 112 Jahren zuckelt eine Standseilbahn von Bad Wildbad die 300 Höhenmeter hinauf auf den Sommerberg. Vor fünfeinhalb Jahren öffnete dort oben der Baumwipfelpfad, Mitte 2018 kam dann die Hängebrücke hinzu. Weitere Attraktionen könnten folgen. „Wir nehmen nicht alles“, beteuert Mack. Einem Dinopark habe er abgesagt. Aber die Brücke „passt perfekt in unser Portfolio“. Es sei möglich, ganz neue Zielgruppen und verstärkt Familien anzusprechen. Ein spektakuläres Naturerlebnis treffe den Nerv der Zeit, hat Mack festgestellt. „Die Leute sind nicht mehr damit zufrieden, mit der Wanderkarte durch den Wald zu laufen.“

Das scheinen auch andere so zu sehen. Im Schwarzwald kündigt sich geradezu ein Bauboom für Hängebrücken an. Drei Projekte sind in Planung, am längsten wird über das Rottweiler gegrübelt. Eigentlich war die Idee für eine Brücke zwischen der Altstadt und dem Aufzugstestturm sogar als Erstes aufgekommen. Aber weil es nicht so recht vorwärtsging, schob der Investor Bad Wildbad ein.

Unter anderem hatte der Protest einer Bürgerinitiative das Rottweiler Projekt in die Warteschleife geschickt. Seit einem Bürgerentscheid im März 2017 ist klar, dass die Brücke über das Neckartal in der Bevölkerung übergroße Unterstützung besitzt. Bedenken des Denkmalschutzes verursachten mittlerweile neue Verzögerungen. Jetzt ist der Projektleiter Roland Haag von der Firma Eberhardt aus Hohentengen aber optimistisch. „Der Bebauungsplan ist fast fertig. Wir hoffen, dass wir im ersten Halbjahr so weit sind.“ Mit 606 Meter Länge wäre die Rottweiler Brücke die längste Hängebrücke in Deutschland. Der Rekord dürfte indes nicht lange halten: „In Franken wird bereits eine Hängebrücke mit 700 Metern Spannweite geplant“, sagt Haag.

Auch Todtnau soll eine Brücke bekommen

Eigentlich verdient die Firma Eberhardt ihr Geld mit der Bewehrung von Betonteilen. So war sie auch auf der Baustelle des Testturms tätig. Doch mittlerweile hat der Firmenchef Günter Eberhardt Geschmack am Bau und Betrieb von Hängebrücken gefunden. Nach Bad Wildbad und Rottweil will er auch Todtnau (Kreis Lörrach) mit einer Hängebrücke beglücken. Sie soll über den Wasserfall gezogen werden, dessen Wasser, vom Feldberg kommend, fast 100 Meter in die Tiefe stürzt.

Das Bebauungsplanverfahren für die 450 Meter lange und 110 Meter hohe Brücke läuft bereits. „Für die Stadt ist das ein tolles Projekt“, sagt der Todtnauer Hauptamtsleiter Hugo Keller. Schon jetzt kommen nach Schätzungen der Stadt jährlich 60 000 Menschen dorthin, doch nur am Wochenende wird bisher Eintritt verlangt. „Wir gehen davon aus, dass wir junge Familien dorthin bringen können“, sagt der Projektleiter Haag. Doch auch für Wanderer, die vom Freiburger Schauinsland in Richtung Feldberg wandern, könnte eine Brücke eine Attraktion sein.

Minister Wolf wirbt für wetterunabhängige Attraktionen

Der für den Tourismus im Land zuständige Justizminister Guido Wolf (CDU) begrüßt die Pläne: „Wir müssen uns auf den Klimawandel und dessen Folgen auch im Tourismus einstellen. Bereits seit einigen Jahren zeichnet sich ab, dass es Schneesicherheit für den Wintersport nur noch in Höhenlagen gibt.“ Es sei deshalb immer wichtiger, wetterunabhängige Attraktionen zu schaffen. Das hat man auch wenige Kilometer weiter in Todtmoos (Kreis Waldshut) verstanden, wo gerade an einem Weg der Attraktionen getüftelt wird. Auch dort soll eine Hängebrücke entstehen, die einen wunderschönen Ausblick über das Wehratal bietet.

Die Idee aufgebracht hatte der örtliche Verein Freunde für Todtmoos, inzwischen ist die Firma Swissrope, die in der Schweiz schon mehrere Hängebrücken gebaut hat, als Investor eingesprungen. 555 Meter lang und mehr als 80 Meter hoch soll die Todtmooser Brücke werden. „Wir hoffen, dass wir 2020 ein gutes Stück vorankommen“, sagt der Geschäftsführer Kevin Lauber. 2021 könnte der Bau dann begonnen und abgeschlossen werden – vorausgesetzt das Bebauungsplanverfahren wird nicht noch zur Hängepartie.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Hängebrücke Schwarzwald Tourismus