Viele umgeben sich dauerhaft mit Menschen, die ihnen nicht gut tun. Warum ist das so?
Das ist eine gute Frage, warum wir uns toxische Beziehungen antun. Denn eines ist klar: Es zwingt uns ja keiner, in einer Beziehung zu sein, die uns nicht gut tut. Es gibt sicherlich viele Gründe, die dafür eine Erklärung bieten. Diese Art von Beziehung beginnt oft viel zu schön, um wahr zu sein. Total traumhaft. Doch schon bald findet man sich auf einer Achterbahn der Emotionen. Zu hellrosa Wolken gesellt sich ein Höllentrip nach dem anderen. Endlose Diskussionen. Standpunkte, die nicht veränderbar sind. Und die Hoffnung, dass es irgendwann doch mal wieder so sein wird wie zu Beginn. Und so ist es ja dann auch.
Toxisch strukturierte Menschen haben ein absolutes Gespür dafür, wenn der andere in die Distanz geht und eine Trennung möglich wäre. Das ist der Punkt, wo er oder sie sich dann wieder auf den anderen zubewegt. „Geht doch“ – und schon sind wird wieder zurück in der Honeymoon-Phase, zu der sich wieder ganz schnell viele unschöne Szenen der Erniedrigung, Verachtung und Manipulation gesellen.
Jede dieser Honeymoon-Phasen lassen uns hoffen, dass sie langfristig bleiben. Und wir – die wir keine oder keine ausgeprägt toxische Persönlichkeit haben – fangen an zu denken, dass es an uns liegt, wenn es nicht läuft. Wir suchen die Schuld für dieses Chaos bei uns. Wir müssen uns einfach nur noch mehr anstrengen! Vielleicht haben wir es ja nicht anders verdient. Oder wir leben in der Überzeugung, dass alles besser ist als alleine zu sein. Besser eine miese oder toxische Beziehung als gar keine. Und so vergeht Jahr um Jahr.
Blöd ist, dass wir im Normalfall erst mal kein Bewusstsein haben, was da passiert. Zu gut funktionieren die manipulativen Seiten des Gegenübers. Um toxische Strukturen zu erkennen, braucht es etwas Reflektion, und diese ist nur in der Distanz möglich. Die ist in solchen Beziehungen jedoch meist nicht oder erst spät möglich. Denn es sind ja überaus emotionale Beziehungen, um die es sich da handelt.
Und woran erkenne ich, dass eine Beziehung toxisch ist?
Es gibt deutliche Hinweise, an denen ich toxische Strukturen festmachen kann. Dazu zählen häufige und massiv inadäquate Eskalationen von Situationen, aber auch Diskussionen, die nicht lösungsorientiert sind, sondern dazu da sind, dass der Standpunkt des anderen, meist durch Manipulation, übernommen wird. Außerdem gibt es Massive Hoch- und Tiefphasen in der Beziehung, Abwertungs- und Entwertungsspiralen, ausgeprägte Eifersucht und vor allem Kontrolle. Dazu kommt noch das Gefühl, aus der Beziehung ausbrechen zu müssen, es aber nicht zu können oder nicht zu wissen, wie. Und dann noch das Gefühl, nicht sicher zu sein und nicht vertrauen zu können, sowie das Infragestellen der eigenen Wahrnehmung durch den anderen und schließlich auch durch sich selbst.
Warum sind manche Menschen toxisch?
Toxische Muster gibt es häufig in Konstellationen, in denen Narzissmus, Borderlinestörung oder Psychopathie eine Rolle spielen. Das heißt, dass hier meist Persönlichkeitsmuster einfließen, die Beziehungen an sich schwierig machen. Menschen, die so funktionieren, haben oft ein großes Problem mit sich, vor allem mit den anderen, mit ihrem eigenen Selbstwert oder ihrem Selbstbewusstsein. Das heißt, das Toxisch-Sein entsteht nicht erst innerhalb einer Beziehung, sondern ist schon lange Teil der Persönlichkeit.
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Wie entstehen solche Verhaltensmuster?
Wie gesagt, solche Beziehungen beginnen oft mit einem absolut positiven Paukenschlag, sowas „wie im Traum“. Man hätte nie gedacht, dass es sowas gibt. Alles geht sehr schnell, ist wunderbar und so besonders. Da ist also einerseits der Rausch, in dem man sich befindet und das Karussell dreht sich von mega toll in die eine Krise und dann in die nächste. In solchen Situationen habe ich wenig Möglichkeiten zum Nachdenken und bin schon mittendrin. Meist dauert es sehr lange, bis ich das realisiere und in der Zwischenzeit finde ich für mich viele Ausreden, warum ich nichts ändern kann, nicht gehe oder der andere eigentlich super toll ist.
Lässt sich eine toxische Person denn überhaupt ändern?
Das wird sehr kontrovers diskutiert. Erstmal ist es so, dass ich überzeugt davon bin, dass sich jeder Mensch ändern kann, wenn er das will. Dazu gehört aber ein Bewusstsein darüber, was ich ändern möchte. Bei toxischen Persönlichkeiten ist das eher so wie bei der Geschichte mit den Geisterfahrern: Was sollte hier an meiner Fahrweise geändert werden? Die anderen fahren doch falsch!
Zum Therapeuten oder Coach kommen toxische Persönlichkeiten entweder wegen Depressionen oder Angst und Panik (beides mehr oder weniger systemimmanent) – oder, um ihre manipulativen Strategien zu verbessern. Es gibt psychologische Schulen, die zum Beispiel bei Narzissmus gute Veränderungsmöglichkeiten sehen, andere sehen diese nicht.
Wann sollte man eine toxische Beziehung oder Freundschaft beenden?
Ein Professor für forensische Psychologie hat an meiner Universität in England einen Vortrag über sein Arbeitsgebiet gehalten. Es ging dabei um toxische Persönlichkeiten im Zusammenhang mit Gefängnissen. Nach dem Vortrag fragte einer der Zuhörer, was er denn machen solle, wenn er seine Freundin in den Persönlichkeits-Schilderungen finde. Der Professor meinte: „Nehmen Sie Ihre Beine in die Hand und rennen Sie! Und zwar so schnell Sie können!“
Allgemein gesprochen, sollte man eine Freundschaft oder auch Beziehung also dann loslassen, wenn man sich darin absolut nicht mehr wohlfühlt und die Balance nicht mehr stimmt.
Was kann man tun, wenn man in einer toxischen Beziehung oder Freundschaft feststeckt?
Sich Hilfe holen, zum Beispiel im Freundeskreis. Es gibt darüber hinaus sehr viele Selbsthilfebücher, aber auch Beratungsstellen (von der Telefonseelsorge bis zum Telefon des Psycholog:innenverbands), die sehr kompetent unterstützen.
Und ein letzter Punkt ist: Hilfe zum Aufarbeiten einer solchen Beziehung annehmen. Menschen, die in einer toxischen Beziehung gelebt haben – unabhängig, ob es sich dabei um eine Partnerschaft, Freundschaft, eine geschäftliche Beziehung oder ein Elternteil gehandelt hat – brauchen oft viele Jahre, um das zu verarbeiten und einen für sich „guten“ Weg zu finden.
Anmerkung der Redaktion
Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.
Informationen und Hilfe bei Depressionen: https://www.deutsche-depressionshilfe.de
Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 (Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!)
In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahe stehenden Menschen Unterstützung an. Telefon 0711/600 620, hier geht es zur Internetseite: https://www.ak-leben.de/beratungsstellen/akl-stuttgart.html
Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland: http://www.kbv.de/html/arztsuche.php