Natürlich hat der eine oder andere alte Weggefährte schon mal mit dem Kopf geschüttelt. Ungläubig, vielleicht auch fassungslos ob der aktuellen Freizeitbeschäftigung von Johannes Löw. Aber das ist ja auch kein Wunder – Laufeinheiten stehen bei den meisten Amateurfußballern ja nicht ganz oben auf der Liste der Lieblingsbeschäftigungen. Johannes Löw aber erinnert sich: „Mir hat das Laufen nie was ausgemacht.“
Doch das, was er mittlerweile unter Laufen versteht, ist deutlich mehr als die schmerzfreie Joggingrunde durch den Wald. Johannes Löw ist Trailrunner, ein recht erfolgreicher. Kürzlich, beim „Masters of Innsbruck“, kam er als Erster ins Ziel. Nach 110 Kilometern, nach 5570 Höhenmetern bergauf und genauso vielen bergab. Und nach zwölf Stunden und 55 Minuten.
Als Fußballer war der heute 35-Jährige erst beim SV Möhringen, dann in der Landesliga beim SV Vaihingen aktiv. Als Läufer ist er nun in höheren Sphären unterwegs. Dabei war das eigentlich gar nicht geplant.
Zwar hatte Johannes Löw auch früher schon an Volksläufen teilgenommen, und auch die Marathondistanz reizte ihn. Zum Laufen in die Berge brachte ihn dann aber erst die Coronapandemie.
„Ich hatte mich lange Zeit für den Hamburg-Marathon vorbereitet“, sagt Löw, „doch der wurde dann zweimal in Folge abgesagt.“ Was 2021 aber stattfand: ein Marathon in Innsbruck. 42 Kilometer, 1600 Höhenmeter. Johannes Löw machte mit, kam sehr gut durch, wurde auf Anhieb Dritter, lernte einige Leute kennen – und war gepackt von der Faszination Trailrunning in den Bergen. „Seitdem“, sagt er, „bin ich mittendrin.“ In doppelter Hinsicht.
Zum einen geht der Stuttgarter im Laufen mehr und mehr auf, das Hobby ist zur Leidenschaft und mehr geworden. Zum anderen verbringt der IT-Experte mittlerweile viel Zeit in Innsbruck. In der größten Stadt Tirols leben zahlreiche Gleichgesinnte, die Berge liegen vor der Haustür, und einen hochkarätigen Wettkampf gibt es auch. Und trotzdem zieht es Johannes Löw demnächst fort aus Österreich. Zumindest temporär.
Nächstes 100-Kilometer-Rennen in Chamonix
Im französischen Chamonix steht am 1. September der nächste Saisonhöhepunkt für Johannes Löw an. Rund um den Mont Blanc geht es über 100 Kilometer und 6156 Höhenmeter, das Streckenprofil erinnert an eine Königsetappe der Tour de France – und weil der 35-Jährige die ganze Lauferei längst mit hohen Ambitionen verbindet, geht er die Sache professionell an. Denn er sagt: „Ich will mich mit den Top-Athleten messen.“
In den vergangenen Jahren musste Johannes Löw, um sein Trainingspensum zu schaffen, oft schon morgens zwischen 5.30 und 8 Uhr die Laufschuhe schnüren. Mit seinem Arbeitgeber hat er sich nun auf eine Auszeit geeinigt, die es ihm seit Anfang Juni erlaubt, seinen Alltag nach dem Sport auszurichten. Was sicher kein Fehler ist bei sechs bis sieben Einheiten, bis zu 160 Kilometern und zwischen 4000 und 7000 Höhenmetern pro Woche. Dazu kommen noch Physiotherapie, Dehnen und Stabilisationstraining. Das klingt nach einer ordentlichen Schinderei, doch Johannes Löw versichert: „Mir macht eigentlich jeder einzelne Lauf Spaß. Jeder ist für sich ein eigenes Abenteuer.“
Mit der Professionalisierung will er in den kommenden Monaten ausloten, „was ich erreichen kann“. Zwei Rennen über 100 Kilometer seien pro Jahr machbar, sagt Johannes Löw, dazwischen und zur Vorbereitung absolviert er noch einige Wettbewerbe über geringere Distanzen. Ein Sponsor aus der Szene unterstützt ihn mittlerweile finanziell und bei der Ausrüstung, bei seinen Trainingsplänen arbeitet er mit Janosch Kowalczyk zusammen, einem Trailrunning-Profi, der ebenfalls aus Stuttgart stammt. Drei bis vier Jahre, glaubt der 35-Jährige, könne er sein aktuelles Niveau halten und noch ausbauen. An Zielen mangelt es für diese Zeitspanne nicht.
Die nächste Trailrunning-WM findet zwar erst in zwei Jahren statt, einen zaghaften Blick hat Johannes Löw aber schon mal auf Ort und Termin geworfen. Und dann bietet Chamonix ja nicht nur die Herausforderung, der sich der Stuttgarter in diesem Jahr stellen wird. Das 100-Kilometer-Rennen für nur über die zweitlängste Strecke. Der Ultratrail Mont Blanc führt über 171 Kilometer.
„Vielleicht“, sagt Johannes Löw, wenn er an eine mögliche Teilnahme in den nächsten Jahren denkt. Und vielleicht würde dann wieder der eine oder andere den Kopf schütteln.