Modernes Fallschirmspringen hat mit der militärischen Fallschirmjägerei nichts zu tun. Der Sprung aus 4000 Metern Höhe dient nicht der Eroberung. Gekämpft wird nur gegen die Angst, dass etwas schief gehen könnte. Denn aus einem Flugzeug zu springen mit nichts als einem Schirm im Rucksack ist ohne Zweifel gefährlich. Und die Bad Birds setzen ja noch einen drauf: In der ersten Minute nach dem Absprung befinden sie sich im freien Fall mit bis zu 120 Stundenkilometern. In dieser kurzen Zeit fliegt der Springer frei wie ein Vogel. „Wir tragen einen Anzug, der sich mit Luft füllt und wie eine Gleitfläche wirkt“, erklärt Patrick Kramer, gebürtig aus Schopfheim im Wiesental (Kreis Lörrach). In 1500 Metern Höhe muss dann der Schirm geöffnet werden, erst dann kann die Welt gelassen von oben betrachtet werden.
Die Figuren sehen leicht aus, sind aber wegen des Gegenwinds harte Arbeit
Mit Flügelanzügen wird der Traum vom Fliegen wie ein Vogel zumindest für kurze Zeit wahr: Man fällt nicht senkrecht zu Boden, sondern kann durch Bewegungen von Armen und Füßen Kurven fliegen oder sich um die eigene Achse drehen. Sportliche Jumper fliegen bei Wettbewerben Choreografien. Es gibt Pflichtfiguren, die alle Teams machen müssen, und die Kür, wo jedes Team etwas Eigenes zeigen kann. Wie beim Eiskunstlauf. Die Figuren sehen leicht und witzig aus, aber es ist harte Arbeit im Gegenwind. Wer ins Trudeln kommt, verliert. Es gibt einfache Übungen wie „Up and over“, dabei überspringt einer den anderen. Aber auch schwierigere wie „Fruity Loops“, wo noch je ein Purzelbaum dazugehört.
Es kommt darauf an, in der einen entscheidenden Minute möglichst viele Figuren für die Punktewertung zu schaffen. „Dafür muss eine Figur abgeschlossen werden und die Springer müssen sich wieder an den Händen fassen“, erklärt Sandro Böhme. Das habe am Anfang nicht so gut geklappt, weshalb sie sich einen zupackenden Stil für den Handgriff angewöhnen mussten. Daher stammt der Name Bad Birds – böse Vögel. Zwei der Wingsuit-Jumper, Sandro und Patrick, sind die Performer – sie fliegen die Figuren. Der Konstanzer Medizinstudent Andre Reichel (21) ist der Fotograf, der mit seiner Helmkamera alles filmen muss. „Und zwar so, dass auch alles klar zu sehen ist“, betont Kramer. Die Filme werden nämlich beim Schiedsgericht eingereicht und dort bewertet. Die besten Flugfiguren nutzen nichts, wenn der Film unscharf, verwackelt oder lückenhaft ist.
Schon als Kind wollte Kramer überall raufklettern und runterspringen
Warum macht man so etwas? „Weil es Spaß macht“, sagt Patrick Kramer ohne nach einer weitschweifigen Erklärung zu suchen. „Ich bin schon als Kind überall raufgeklettert und runtergesprungen, wo es nur ging“, sagt der 31-Jährige mit strahlenden Augen. „Ich wollte immer schon fliegen wie ein Vogel.“ Zuerst hat er es mit Bungee-Springen versucht, dann mit dem Gleitschirm. Mit 18 Jahren hat er dann seinen ersten Tandem-Sprung mit dem Trainer auf dem Rücken aus dem Flugzeug gemacht. Vor wenigen Jahren, als die Flügelanzüge immer besser wurden, hat er sich ganz auf den freien Gleitflug gestürzt. Über 3000 Sprünge mit dem Fallschirm hat er schon auf dem Konto, 200 brauchte er, um überhaupt Wingsuit-Diving machen zu dürfen, das ist Vorschrift. Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, ist Lehrer für Fallschirmspringen und arbeitet in Stockholm im weltweit einzigen Windtunnel, wo Wingsuiter, aber auch Skispringer ihre aerodynamische Haltung optimieren.
Kramers Partner beim Springen ist noch berufstätig als Softwareentwickler: Auch Sandro Böhme hat früh die Sehnsucht, fliegen zu können, gepackt. Der 43-Jährige ist in Görlitz geboren, der östlichsten deutschen Stadt an der Grenze zu Polen. Nachdem er 1996 eine Fernsehsendung über Fallschirmspringer gesehen hatte, war er elektrisiert. „Ich wollte nur noch wissen: Wo kann ich mich anmelden?“ Sein Beruf als Softwareentwickler hat ihn nach Karlsruhe gebracht, dort wohnt er mit seiner Frau Susanne und seinem Sohn.
Die Schirme werden mit viel Sorgfalt gepackt
Das Paar hat sich beim Sprungsport kennengelernt: Ende 2012 verunglückte sie bei einem Base-Jump, einem Sprung von einem Berghang, und kam querschnittsgelähmt aus der Klinik. Mit eisernem Training hat sie sich wieder auf die Beine und zum Sprung zurückgekämpft. Aus Rücksicht auf ihren Sohn hat sie das Springen aber wieder aufgegeben.
„Wir stellen uns der Herausforderung, unsere Angst zu überwinden“, sagt ihr Mann. „Angst ist normal.“ Dabei sei er bei seinen 2000 Sprüngen noch nie in Gefahr gekommen. Gerade weil das Risiko bekannt ist, könne man sehr viel dafür tun, es weitgehend auszuschalten. Es werde viel Sorgfalt beim Packen der Schirme aufgebracht, und neben dem Hauptschirm gebe es noch den Reserveschirm. „Der wirkt wie eine Vollbremsung“, sagt Kramer. Ein Erlebnis, das er in seiner Karriere erst zwei Mal hatte.
Es ist wie bei allen Extremsportarten: Wer sie betreibt, weiß, was er tut. Die Wingsuit-Jumper schwärmen vom tollen Gefühl, frei zu fliegen wie ein Vogel, von der Freude, hoch oben am Himmel Akrobat zu sein. „Alles andere ist langweilig im Vergleich dazu“, schwört Kramer. Dafür müssen sie finanzielle Opfer in Kauf nehmen. Allein die Ausrüstung kostet um die 8000 Euro, hinzu kommen Fahrt- und Sprungkosten. „Wir könnten gut noch einen Sponsor brauchen“, sagt Böhme. Denn ihr nächstes Ziel haben sie klar vor Augen: die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Russland im August 2020. Eine Medaille trauen sie sich zu.