Trainingslager des VfB Stuttgart Wie Bruno Labbadia zu seiner Reibeisenstimme kommt
Dem neuen Trainer Bruno Labbadia ist Kommunikation in der Mannschaft des VfB Stuttgart wichtig. Deshalb spricht er viel und laut – aber das fordert seinen Tribut.
Dem neuen Trainer Bruno Labbadia ist Kommunikation in der Mannschaft des VfB Stuttgart wichtig. Deshalb spricht er viel und laut – aber das fordert seinen Tribut.
Bruno Labbadia ruft über den Platz. Mehr Tore will er in dieser Spielform sehen, eine höhere Präzision in den Pässen mahnt er an, ein besseres Timing in den Abläufen fordert er. Ach was, der Trainer brüllt all das heraus – mit heiserer Stimme, weil seine Stimmbänder schon nach wenigen Tagen im Trainingslager des VfB Stuttgart in Marbella arg strapaziert sind.
Doch Sorgen macht sich deswegen keiner im Tross des Fußball-Bundesligisten. Lutschpastillen oder heißer Tee am Abend werden schon helfen, wird im Mannschaftshotel La Quinta gewitzelt. Denn eines wissen sie beim VfB bereits jetzt – unabhängig davon, ob sie Labbadia persönlich von früher kennen oder nicht: Der neue-alte Chefcoach ist in seinem Eifer nicht zu bremsen, wenn es darum geht, die Stuttgarter möglichst optimal auf die restliche Saison vorzubereiten.
Also kommen die ständigen Aufmunterungen und Hinweise mit Reibeisenstimme. An Klarheit lassen die Ansagen dennoch nichts vermissen. Gelungene Aktionen werden gelobt und beklatscht, Fehlschüsse dagegen getadelt und korrigiert. Sofort. „Bruno Labbadia erschöpft sich nicht in Anweisungen, sondern er lebt seinen Anspruch selbst vor“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth über den Trainer. Und der 56-Jährige ist ein Fußballlehrer, der noch immer Bewegungsabläufe vormacht – und viel spricht. Mit den Spielern, mit den Assistenten, mit den Betreuern – im Grunde mit jedem, der zu ein paar Prozentpunkten mehr Leistungsfähigkeit der Mannschaft beitragen kann.
Dabei geht es noch nicht um den nächsten Gegner, aber sehr viel um Gemeinsamkeit – um im Abstiegskampf zu bestehen. „Wir müssen ein besseres Miteinander hinbekommen“, hat Labbadia bereits bei seiner Präsentation gesagt und zunächst die Abläufe auf dem Rasen gemeint. Knapp einen Monat später ist allerdings allen beim VfB klar, dass der Trainer ebenso die Kommunikation außerhalb der Grünfläche meint.
Die Gesprächssituationen beim Essen – egal, ob in Stuttgart oder Marbella – sollen dazu dienen, näher zusammen zu rücken. Doch die Spieler sollen sich auch über die ausgegebenen Taktiken und Möglichkeiten unterhalten. „Dabei ist es heutzutage nicht das Problem, ob das auf Deutsch oder in einer anderen Sprache passiert“, sagt Labbadia. Der Austausch ist ihm wichtig. „Beim VfL Wolfsburg hatten wir damals auch eine große französisch sprechende Gruppe“, erinnert sich der Trainer, „das ist fantastisch zusammengewachsen.“
Beim VfB spricht man ebenfalls Französisch. Jedenfalls ist das die Sprache, die auf dem Platz am lautesten und häufigsten zu hören ist. Amtssprache bleibt jedoch Deutsch – mit englischen Ausreißern. Labbadia versucht dabei, die Spieler zu emotionalisieren und sie auf seinem Weg mitzunehmen. Fordernd ist er dabei. Sehr fordernd sogar, wenn man bedenkt, dass er bis jetzt in den wenigen Wochen seiner Tätigkeit bereits 60 Übungseinheiten angesetzt hat – von früh morgens bis später am Abend.
„Wir müssen in die Köpfe der Spieler kommen“, sagt Labbadia und will das hohe Arbeitspensum nicht als Aktionismus verstanden wissen. Denn der erfahrene Coach ist kein Mann, der die Profis nur treibt. Er weiß die Trainingsintensität zu dosieren, er beweist im Umgang mit dem Einzelnen Empathie, er zeigt Respekt vor jedem – ob Torjäger oder Zeugwart.
Aus diesem Grund ist es am Fuße der Sierra Blanca nahezu unmöglich, sich Labbadias Leidenschaft zu entziehen. Er ist ein Überzeugungstäter – und er ist überzeugt davon, den VfB in der Liga halten zu können. Allerdings will er dazu dem reichlichen Talent im Kader deutlich mehr Zielstrebigkeit vermitteln, als die VfB-Spieler in der Offensive bisher gezeigt haben. Ein Manko, das auch sein Vorgänger Pellegrino Matarazzo abzustellen versuchte. Mit anderen Mitteln und Maßnahmen – und wechselhaftem Erfolg.
Stabilität will Labbadia nun in die Mannschaft bringen, Vertrauen in die Spieler stecken und sie ermutigen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Denn er weiß, dass es sich beim VfB nicht nur um ein junges, sondern ebenso um ein ruhiges Team handelt. Es gibt einen Haufen braver Jungs und nahezu nur stille Anführer: den Kapitän Wataru Endo an erster Stelle; den außerhalb des Feldes zurückhaltenden Abwehrchef Waldemar Anton; den im Team akzeptierten, aber um seinen Stammplatz kämpfenden Pascal Stenzel; den emotionalen, aber angeschlagenen Konstantinos Mavropanos. Zu wenig, um lauthals über einen Gegner herzufallen. Deshalb fordert Labbadia mehr Kommunikation unter den Spielern ein – „denn am Ende bringt es nichts, wenn nur ich quatsche“.