Weinbaugenossenschaften haben hart zu kämpfen. In Großbottwar (Kreis Ludwigsburg) denkt man unter anderem über eine Fusion nach.

Ludwigsburg: Sandra Lesacher (sl)

Das Traubengeld, also das, was die Wengerter von ihrer Genossenschaft für ihre Ernte bekommen, ist ein kompliziertes und vor allem heikles Thema. Kompliziert allein schon wegen seiner Berechnung. Für den aktuellen Jahrgang wird geschätzt, was nach drei Jahren der Erlös sein wird. Dieses Geld bekommen die Mitglieder der Genossenschaft monatlich oder vierteljährlich ausbezahlt. Wenn es gut läuft, kommt am Ende noch was drauf, wenn nicht, dann nicht. „Das ist wie eine Glaskugel“, sagt Hans-Georg Schiller, der Geschäftsführer der Felsengartenkellerei in Besigheim.

 

Und es läuft nicht gut in den vergangenen Jahren. Als der Jahrgang, für den jetzt die Endabrechnung lief, geschätzt wurde, gab es noch keine Coronapandemie, keinen Ukraine-Krieg, keine Energiekrise . . . Heißt: Da kommt nichts mehr drauf. Oder nur ein Nasenwasser. Und die aktuellen Schätzungen für den 2022er-Jahrgang sind dementsprechend vorsichtig.

Genaue Zahlen will keiner nennen. Ganz grob – so ist zu hören – zahlt die Felsengartenkellerei Besigheim im Schnitt rund 80 Cent pro Kilo Trauben, bei den Weingärtnern Marbach sind es 55 Cent bis 60 Cent und bei den Bottwartaler Winzern in Großbottwar keine 40 Cent.

Heikel ist das Thema auch, weil der Trend beim Traubengeld seit Jahren nach unten geht. Und das bei immer weiter gestiegenen Produktionspreisen für die Wengerter. Klar, dass es da etwa in Großbottwar bei der Versammlung der Genossenschaftsmitglieder an diesem Mittwoch wenig Begeisterung gab. Zwar wurde ein vierprozentiges Umsatzplus in den ersten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahr vermeldet. „Aber dagegen stehen eben auch die Kosten“, sagt Immanuel Gröninger, der Vorstandsvorsitzende der Bottwartaler Winzer. Woraus wiederum ein Traubengeld im unteren Bereich resultiert.

„Ich weiß nicht, was in zehn Jahren ist“

Die Kosten sind enorm gestiegen. Mattias Hammer, der Chef der Marbacher Weingärtner, rechnet damit, dass sich allein der Glaspreis für die Flaschen dieses Jahr annähernd verdoppeln wird. „Wir können aber unseren Weinpreis am Markt nur sehr begrenzt hochziehen.“ Der Handel fordere seine Prozente, bei den Kunden, die ebenfalls weniger in der Tasche haben, stoßen höhere Weinpreise auf Unverständnis. „Ich weiß nicht, was in zehn Jahren ist“, sagt er. „Aber es ist allen klar, dass etwas passieren muss.“

„Wir stehen in Württemberg alle vor einer ungewissen Zukunft“, sagt Immanuel Gröninger über die Lage der Genossenschaften. Allerdings scheint die Lage der Großbottwarer noch prekärer zu sein als anderswo – siehe Traubengeld. Das hat auch historische Gründe. Als einen großen Bruch bezeichnet Gröninger den Ausstieg der Bottwartaler Winzer aus der Württembergischen Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) im Jahr 2012. Die Rückkehr erfolgte zwar zwei Jahre später, aber der Wiedereinstieg sei schwer gewesen. „Man ist schnell weg vom Markt, aber bis man ihn wieder aufgebaut hat, dauert es.“

Wie lange werden das die Großbottwarer noch durchhalten? „Eine gute Frage“, sagt Gröninger. „Unser Ziel ist es, bis zur Ernte unseren Mitgliedern eine Lösung zu präsentieren, wie unsere Zukunft aussieht.“ Der Vorstandsvorsitzende der Bottwartaler Winzer, die übrigens nach dem Weggang von Uwe Ziegler vergangenen Herbst keinen Geschäftsführer haben, sagt klar: „Wir stehen vor einem Umbruch.“

Wie der aussieht, vermag Gröninger noch nicht zu sagen. Aber es gebe keine Denkverbote. Am Markt aggressiver auftreten und ins Marketing zu investieren, wäre eine Lösung. Allerdings eine risikoreiche. Eine andere Lösung könnte eine Fusion mit einer anderen Genossenschaft sein. Mit wem? „Da kommt im Prinzip jeder Betrieb in Württemberg in Frage.“ Eine Verbandelung im Umkreis hätte Charme, „aber es muss einfach passen“.

In der jüngeren Vergangenheit fusionierte beispielsweise die Felsengartenkellerei mit dem Weinfactum Bad Cannstatt. Das war 2019. Der Geschäftsführer Hans-Georg Schiller sieht für sein Unternehmen einen gewissen Hoffnungsschimmer – „wir haben sehr viel in Marke, Qualität und Technik investiert, wir können davon eine Zeit lang zehren.“ Dennoch: „Wir sind in einem Stadium, in dem die Winzer bald mit den Füßen abstimmen.“ Die Preise verschieben sich weiter – nach oben. „Jetzt wird es spannend.“ Schiller geht davon aus, dass Weinbauflächen in Württemberg verloren gehen werden – „wenn der Kunde nicht bereit ist, sein Kaufverhalten zu Gunsten des hiesigen Weins zu ändern“.