Trauma der Verschickungskinder Ein Bürgermeister bittet um Entschuldigung

Jonathan Berggötz in seinem Amtszimmer im Rathaus von Bad Dürrheim. Foto: sichtlichmensch/Andy Reiner

Jonathan Berggötz ist Rathauschef in Bad Dürrheim, einem Hotspot für Kinderkuren. Viele Betroffene haben schlimme Erinnerung an die Schwarzwaldgemeinde. Berggötz will das ändern.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Bad Dürrheim - Als Jonathan Berggötz zum ersten Mal darüber nachdenkt, dass die Sache ihn und seine Stadt etwas angeht, hat er eigentlich ganz andere Probleme. Berggötz ist Bürgermeister von Bad Dürrheim. Und der Kurort im Schwarzwald ist eine der Städte, die Geld bei der Greensill-Bank angelegt haben. Im März kommt die Nachricht, dass Bad Dürrheim zwei Millionen Euro verloren hat. Berggötz führt Krisengespräche – und könnte sich nun hinter dem Stress um das Millionenloch verstecken.

 

Aber es gibt noch eine andere Nachricht, die dem Stadtoberhaupt nicht wieder aus dem Kopf gehen will. Im Januar liest Berggötz eine Reportage in unserer Zeitung, die ihn alarmiert. Es geht darin um Vorkommnisse in seiner Stadt. In dem ehemaligen DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim hat der damalige Chefarzt Hans Kleinschmidt an Kurkindern die Anwendung von Medikamenten getestet. Darüber hinaus melden sich immer mehr ehemalige Verschickungskinder zu Wort, die Ereignisse aus ihrer Kur berichten. Sie erzählen von schwarzer Pädagogik, bewussten Demütigungen, fürchterlichem Heimweh, der Trennung von ihren Eltern, und davon, dass sie nicht durch die Straßen Bad Dürrheims spazieren durften, um die anderen Kurgäste nicht zu stören. Bad Dürrheim ist bis in die 1980er Jahre hinein ein wahrer Kinderkur-Hotspot gewesen. In den 1960er Jahren, zu Kleinschmidts Zeit, waren es laut einem wahrscheinlich nicht vollständigen Verzeichnis 13 Häuser.

Das DRK steht erst am Anfang der Aufklärung

Die größten Heime am Ort waren das Luisenheim und das DRK-Kindersolbad. Letzteres konnte 350 Kinder von drei bis 14 Jahren aufnehmen. Ganzjährig. Seit 17 Jahren ist das DRK-Heim geschlossen. Das DRK-Nordbaden verweist als Träger des ehemaligen Heims auf Anfrage auf das Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes, das sich im Januar des Themas angenommen habe und seinen klaren Willen zur Aufklärung und Aufarbeitung der Geschehnisse in den Kindererholungsheimen bekunde.

In der Geschichte der Kinderkuren ist Bad Dürrheim auch wegen der Person Hans Kleinschmidt ein besonderer Ort. Er hat ein Standardwerk zum Thema verfasst, in dem er auch Strafen für „straffällige Kinder“ formuliert hat. Derzeit kann das Rote Kreuz „nur bestätigen, dass Hans Kleinschmidt im Kindersolbad tätig war“. Ein Historiker sei mit Recherchen beauftragt.

Jonathan Berggötz hat das Gefühl, er müsse sofort handeln. Nicht nur als Bürgermeister der einzigen Stadt in Baden-Württemberg, die gleich drei Prädikate hat – als Kneippkurort, heilklimatischer Kurort und Sole-Heilbad der Premium Class. Sondern auch als Mensch, Vater einer anderthalbjährige Tochter und als Sohn, der mit seiner eigenen Mutter viel über deren Zeit in der Verschickung gesprochen hat.

Annette Berggötz (62) erinnert sich, wie sie als große Schwester in einer solchen Kinderkur Pläne schmiedete, mit ihrer kleinen Schwester aus dem Kurheim auszubrechen. Wie sie mit ansehen musste, wie ein höchstens vierjähriges Mädchen vor den Augen der anderen, exponiert an einem Einzeltisch, gezwungen wurde, seinen Brei ganz aufzuessen. Sie erinnert sich, mit eiskaltem Wasser und einer Wurzelbürste abgeschrubbt worden zu sein. „Heute würde ich das Gewalt nennen“, sagt Annette Berggötz. Ihr Sohn hört diesen Geschichten gebannt zu.

Sein Vorschlag geht über die Entschuldigung hinaus

Jonathan Berggötz ist 35 Jahre alt, steht der CDU nah und hat eine klassische Verwaltungslaufbahn absolviert – Studium an der Verwaltungshochschule Kehl und zuletzt Leiter der kommunalen Wirtschaftsförderung in Rastatt. Seit Juli 2019 ist er Bürgermeister von Bad Dürrheim. Der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Sein Vater war hier lange Pfarrer. Vielleicht hat auch das seinen Blick auf die Welt geprägt. Den Zivildienst hat Berggötz in Jerusalem absolviert. Er arbeitete im August-Victoria-Hospital auf dem Ölberg. Das Krankenhaus, das vom Lutherischen Weltbund unterhalten wird, stellt die Gesundheitsversorgung für Palästinenser in Israel sicher. Dort hat das Wort Versöhnung für den jungen Mann wohl eine besondere Bedeutung bekommen.

Anders als seine Vorgänger im Amt ist Berggötz nicht Bürgermeister und Kurdirektor in Personalunion. Er ist nur noch Bürgermeister. Aber der Weg in sein Zimmer im ersten Stock des Rathauses führt durch ein Treppenhaus, in dem die Ahnengalerie seiner Amtsvorgänger mit diesen Doppeltiteln hängt.

Jonathan Berggötz ist also einer, der sagen könnte, dass ihn das Kapitel der Kinderkuren in seiner Stadt nichts angehe. Doch der 35-Jährige schickt stattdessen eine Mail mit der Bitte um ein Gespräch an Andrea Weyrauch, die Vorsitzende des Vereins Aufarbeitung Kinderverschickung Baden-Württemberg. Zwei Tage später sitzen sich die beiden im historischen Rathaus von Bad Dürrheim gegenüber. Und Berggötz sagt einen Satz, den viele Nachfolger ehemaliger Kurverantwortlichen noch immer nicht so deutlich über die Lippen bringen wie er. Berggötz sagt: „Ich möchte mich für das entschuldigen, was Sie als Kinder auf Bad Dürrheimer Gemarkung erleben mussten.“

Beggötz sagt, er habe jetzt viele Geschichten gehört, „und ich habe verstanden, was da gelaufen ist und wie dramatisch und schlimm die Situation der Kinder war.“ Wie furchtbar sechs Wochen Trennung auch für Zehnjährige sein können. Dann formuliert der Verwaltungsmensch Berggötz, was Bindungsforscher über die Rahmenbedingung der Kinderkuren sagen, wie sie bis in die 1980er Jahre praktiziert wurden: „Das Katastrophale ist, dass das auch die Bindung zwischen Eltern und Kindern zerstört hat.“ Berggötz ist überzeugt, „dass viele Menschen durch diese Erlebnisse bis heute Traumata haben.“

So weit ist bisher niemand gegangen

Deshalb hat er einen über die Entschuldigung weit hinausgehenden Vorschlag. „Ich möchte ehemalige Verschickungskinder nach Bad Dürrheim einladen.“ Er will den Austausch und hat die Hoffnung, dass sich durch das gemeinsame Gespräch vor Ort Schmerz und Trauer lindern lassen und „man vielleicht einen nächsten Schritt gehen kann.“ Berggötz ist mit diesem Angebot allein auf weiter Flur. So offensiv wie er ist bisher keiner der Nachfolger der ehemaliger Trägerorganisationen auf die Betroffenen zugegangen und aktiv geworden.

Aber auch hier kann er auf eine familiäre Begebenheit zurückgreifen, die über das Private hinausgeht. Wieder ist es seine Mutter, die eine aus ihrer Sicht wichtige und berührende Erfahrung gemacht hat. Annette Berggötz, die beruflich viel mit dem Zug unterwegs ist, ist auf ihren Bahnfahrten immer wieder Menschen begegnet, die erschrocken reagierten, wenn sie sagte, sie komme aus Bad Dürrheim – und dann auf Nachfrage manchmal erzählten, sie seien dort in Kur gewesen. Und irgendwann sagt dann auch noch eine hochbetagte Freundin der Familie, sie frage sich manchmal, „ob das so recht war, wie wir damals mit den Kindern umgegangen sind.“ Die Frau hatte in einem der Kinderheime gearbeitet.

Kinderschwester trifft ehemaliges Kurkind

Als Annette Berggötz eine Musikerin für ein Konzert in Bad Dürrheim verpflichten will, erlebt sie wieder eine verstörte Reaktion. Daraufhin haben sie und ihr Sohn eine Idee. Sie fragt die Musikerin, ob die sich vorstellen könne, nach Bad Dürrheim zu kommen und mit jemandem aus einem der Heime zu sprechen. Die Musikerin willigt ein, und wie es der Zufall so will, trifft sie auf eine der Kinderschwestern, die sich noch genau an sie erinnert. Die beiden verbringen einen Tag miteinander, reden über Stunden – und weinen gemeinsam. So, denkt Annette Berggötz, könnte der Weg zur Versöhnung aussehen. Jonathan Berggötz will ihn nun gehen.

Wie wirkt diese Geste auf die Betroffenen? „Das berührt mich sehr“, sagt eine 74-jährige Frau, die in Bad Dürrheim Schlimmes erlebt hat. „Dass man so viel Empathie erfährt von jemandem, der damals noch gar nicht gelebt hat“, sagt sie, als sie von dem Weg des jungen Bürgermeisters hört. Wenn es noch Leute gebe, die das interessiere, „dann war ja nicht alles umsonst.“

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