Trend zum Bart Sehnsucht nach Männlichkeit und Abenteuer

Von Heidemarie A. Hechtel 

Es sprießt allerorten. Nein, nicht Schneeglöckchen, vom Frühling ist noch keine Rede. Dieses ans Licht drängende Wachstum ist unabhängig von der Jahreszeit und der Temperatur. Aber von der Mode: Sie hat den Bart wieder entdeckt.

Kursad Dogan vom Barbershop empfiehlt ein spezielles Bartshampoo für die tägliche Wäsche. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Kursad Dogan vom Barbershop empfiehlt ein spezielles Bartshampoo für die tägliche Wäsche. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Der FDP-Chef Christian Lindner trägt ihn. Auch sein Parteikollege Wolfgang Kubicki gefällt sich damit. Sogar der neue österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen huldigt dem Trend. Und die Namen der entsprechend gestylten Typen von Bildschirm und Leinwand sind Legion. Wir sprechen vom Drei-Tage-Bart.

Schaut immer ein bisschen so aus, als ob da einer vergessen hat, sich zu rasieren. Aber das ist eine sehr weibliche und subjektive Betrachtung, und die Frage, „hat‘s pressiert heute Morgen?“ wäre wohl schwer daneben. Denn der Drei-Tage-Bart, lernen wir, gibt dem Mann etwas Verwegenes und stillt seine Sehnsucht nach Männlichkeit und Abenteuer. Darum machte ihn als Erster TV-Star Don Johnson schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Straßen­feger-Serie „Miami Vice“ populär. Bis das Minimal-Gefusssel bürotauglich wurde, vergingen ein paar Jahrzehnte, aber jetzt darf der Bankangestellte ausschauen, als käme er gerade von der Expedition zum Ursprung des Amazonas zurück.

Auf die Länge kommt es an

Das Abenteuer findet aber wohl eher jeden Morgen vor dem Spiegel im Badezimmer statt. Denn die haarige Angelegenheit erfor-dert Pflege und Maßarbeit. Als Dreitage-Bart gehen nur die Längen von 1,5 bis maximal 3,5 Millimeter durch. Was weniger misst, ist höchstens ein Bartschatten, mit dem pubertierende Jungs schon bei den Großen mitspielen wollen. Was drüber sprießt, verlangt entschieden nach dem Trimmer.

Oder Mann lässt der Natur ihren Lauf und sich einen Vollbar stehen. Verbal aufgepeppt mit der Bezeichnung Hipster-Bart, weil er gerade hip ist. Nach dem Schnauzbart, ohne den man in den 90er Jahren beispielsweise in Berlin kaum einen Polizisten finden konnte. Oder den Ziegenbärtchen, die nichts Halbes und nichts Ganzes sind: Eher tierisch lächerlich. Jetzt guckt man sich um und fühlt sich an alte Familienfotos erinnert, auf denen die männlichen Altvorderen im Schmuck stolzer Bärte würdig und sehr steif posieren. Denn diese Manneszier, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert noch von der Obrigkeit verfolgter Ausdruck revolutionärer Gesinnung und anarchischen Tuns, wurde von 1850 an mit Napoleon III. salonfähig.

Natürlich lässt sich in die physiognomische Camouflage, die auch Mängel wie ein fliehendes Kinn kaschiert, viel tiefgründige Bedeutung hineingeheimnissen: Dass gerade dieser Bart als Zeichen von Dominanz und Stärke dem Mann Charakter verleihe. Na gut, wenn er’s nötig hat.

Haarige Angelegenheit entspringt Lust auf Veränderung

Hat Bruno Correia, 35, vor ein paar Wochen noch nackt und bloß im Gesicht, diese Ambitionen im Sinn gehabt, als er beschloss, auf die Glattrasur zu verzichten? „Quatsch“, lacht er, jetzt im Schmuck eines schwarzen Hipster-Bartes, er habe diesen Trend mitmachen wollen: „Aus Lust auf Veränderung.“ Verständlich, so viele Möglichkeiten hat ein Mann nicht für modische Metamorphosen. Dafür plant er für die Morgentoilette 20 Minuten mehr ein. Und was sagt die Frau? Die sei nicht so begeistert, bekennt er. Sie habe was dagegen, dass er sein Gesicht halb verstecke. Und murre obendrein, dass sich ihre zarte Haut irritiert fühle.

Völlig gegen den Trend, die gute Frau. Denn angeblich trägt mittlerweile jeder dritte Mann schon Bart und jede zweite Frau findet ihn sexy. Offenbar nicht nur an George Clooney, David Beckham, Ben Affleck und Ryan Gosling, dem Star der Musical-Romanze „La La Land“. Wir nehmen uns vor, irgendwann mal auf der Königstraße die männlichen Passanten genauer ins Visier zu nehmen und durchzuzählen. Als empirische Feldforschung gewissermaßen.

„Der Bart übersteht alle Zeiten“, ist Jürgen Burkhardt überzeugt. Und Vollbärte seien Klassiker, im Laufe der Jahrtausende von den alten Griechen bis in unsere Tage immer wieder aus der Mode gekommen, aber nie ganz verschwunden. Den aktuellen Trend sieht der Präsident des Clubs „Belle Moustache“ in Stuttgart mit Wohlgefallen: „Eine Barttracht gibt dem Mann die Möglichkeit, das Gesicht und damit auch den Charakter der eigenen Erscheinung unterschiedlich zu formen und zu gestalten.“ Der Phantasie und dem Nacheifern von Vorbildern seien da keine Grenzen gesetzt: Er selbst habe sich von Salvador Dali inspirieren lassen. ­Dagegen sei der hochgezwirbelte „Es-ist­-erreicht“-Bart von Kaiser Wilhelm gerade en vogue. Er selbst zollt dem österreichischen Kaiser Franz Joseph Tribut: Mit dem „Backenbart Freistil“, einer eher exzentrischen Kreation, die außer Konkurrenz zur gängigen Mode läuft. Der Backenbart nimmt eine Anleihe beim Kaiser, der Freistil tobt sich in den voluminösen Spiralen aus, zu denen die Barthaare von 92 Zentimetern Länge und einer Spannweite von 1,80 Meter gedreht sind. In Form gebracht mit dicken Lockenwickler, wie der 59-Jährige verrät. Und in Form gehalten mit Haarlack.

Barbiere haben Hochkonjunktur

Beides gehört nicht zu den Pflegeprodukten, die in keinem Badezimmer eines Bartträgers fehlen sollten und mit denen in den Barbershops gearbeitet wird. Denn die Barbiere haben auch in Stuttgart Hochkonjunktur und dürfen in Wellness-Refugien für Kerle mit so schönen Namen wie The Gentleman’s Club, Jack the Ripper oder Timi der Barbier immer mehr Kunden einseifen und mit der scharfen Klinge an die Kehle gehen. „Man muss sich konzentrieren beim Rasieren“, zerstreut Timi Osmani aber gleich Sorgen um die Unversehrtheit.

Auch Kürsad Dogan vom Barber-Shop in der Tübinger Straße bietet den Luxus der Rundum-Pflege: Mit Kompressen, Rasur und Massage. Was braucht der Mann als Basis-Pflege? Ein Bartshampoo für die tägliche Wäsche mit desinfizierender Wirkung. Ganz wichtig, weil Mann sich ständig an den Bart fasst und Essensspuren oft nicht zu vermeiden sind. Dann das Bartöl, das die Haare geschmeidig macht, ein Pflegemittel für die Haut, und, nicht zu vergessen, eine gute Bürste. Ob Mann föhnt oder nicht, ist ein Streit um Kaisers Bart.

15 bis 30 Euro investieren die Herren in ihre Besuche im Barbershop, ein Whisky, der neueste Klatsch und die Atmosphäre eines Herrenclubs sind inklusive. Wird der Vollbart als wärmendes Attribut den Sommer überstehen? „Auf jeden Fall“, mag Dogan fast schwören. Beim Barte des Propheten.

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