Trickbetrüger-Theater in Böblingen 6 Fälle und was man dagegen tun kann

Unfall, Einbruch, Lottogewinn – die Nachricht kommt übers Telefon. Foto: /Stefanie Schlecht

Um Menschen für Trickbetrüger zu sensibilisieren, hat die Theatergruppe Holzgerlingen die häufigsten Fälle auf die Bühne gebracht. Vertreter von Polizei und Kreissparkasse ordneten ein: Wie gehen die Betrüger vor? Was würde in echt passieren? Und wie kann man sich schützen?

„Die Leute denken immer, ihnen passiert das nicht“, sagt Gabriele Wörner, Vorsitzende des Kreisseniorenrats Böblingen. Das Problem: Es passiert ihnen doch. Die Zahl der Enkeltricks, Schockanrufe und sämtlicher anderer Maschen von Trickbetrügern ist immens hoch, fast täglich liest man davon in der Zeitung oder hört von Fällen im privaten Umfeld.

 

Um dem vorzubeugen, hat die Theatergruppe Holzgerlingen ein besonderes Stück inszeniert: In der Aula am Murkenbach in Böblingen wurden verschiedene Szenen dargestellt – und von Polizei und Kreissparkasse eingeordnet. Polizeihauptkommissar Ralf Sträter und erster Polizeihauptmeister Moritz Schuster von der Präventionsabteilung des Polizeipräsidiums Ludwigsburg besprachen die Szenen gemeinsam mit Dominik Müller und Marcel Kellhammer, beide Filialleiter der Kreissparkasse Böblingen. Dafür gaben sie Erklärungen zu bestimmten Vorgehensweisen und Tipps für mögliche Opfer.

Laut Moritz Schuster trägt die Präventionsarbeit Früchte: „Man sieht schon, dass das Thema ins Blickfeld gerückt ist“, sagt er. Viele Leute würden betrügerische Telefonate inzwischen beenden. Das ist auch die Intention von Gabriele Wörner: „Wir hoffen auf eine Wiedererkennungsreaktion.“ Ein paar der häufigsten Tricks und Tipps, wie man sich dagegen wappnen kann:

1. Der Enkeltrick: „Oma, hilf mir, ich brauche Geld!“

/Stefanie Schlecht

„Hallo Oma, erkennst du mich denn nicht?“, wird die alte Dame am Telefon gefragt. Die vermeintliche Enkelin hat einen Unfall gebaut und braucht 5000 Euro in bar für den Geschädigten – das hat sie mit ihm direkt ausgemacht. Ohne Polizei, denn sonst verliert sie den Führerschein. Es muss aber schnell gehen. Eine Freundin komme vorbei und hole das Geld ab. Da rennt die Oma natürlich sofort los zur Bank.

Die erste Frage: Woher haben die Leute die Nummer der Frau? „Aus dem Telefonbuch“, sagt Ralf Sträter. Dort haben viele Leute ihre Nummer und Adresse veröffentlicht. Die Täter rufen auf gut Glück bei Menschen mit älteren Vornamen und kurzen Telefonnummern an, das Ziel sind ältere Menschen. Er fragt nach, wer im Raum dort eingetragen ist – etwa die Hälfte. Der Rat: „Löschen Sie Ihre Daten aus dem Telefonbuch“, so Sträter. „Niemand, der Sie anrufen muss, braucht dafür ein Telefonbuch.“

Auch über die Strukturen der Täter-Netzwerke klärt er auf: Oft handele es sich um Callcenter im Ausland. „Das sind Berufsverbrecher“, sagt Ralf Sträter. „Die machen nichts anderes als Leute übers Ohr zu hauen.“ Sie seien psychologisch und didaktisch geschult und noch dazu völlig skrupellos. Teilweise sprechen sie sogar mit dem heimischen Dialekt, um noch überzeugender zu sein. Außerdem agieren sie mit Komplizen vor Ort, die die Beute oftmals bei den Opfern abholen.

Hilfreich sei es da, nichts Wertvolles zuhause zu haben, sondern es etwa in Schließfächern auf der Bank aufzubewahren. Auch wollen die Täter ihre Opfer psychisch und zeitlich unter Druck setzen, um das rationale Denken auszuschalten. Und das noch zu untypischen Uhrzeiten. Da sei es wichtig, durchzuatmen und runterzukommen. Denn wenn die Täter das Geld erst einmal haben, sei es weg.

2. Der Schockanruf: „Ihre Tochter hat ein Kind tot gefahren“

Foto: dpa/David Inderlied

Der Staatsanwalt ruft an, die Tochter habe ein Kind auf dem Gewissen und müsse ins Gefängnis, wenn die Mutter nicht auf der Stelle 20 000 Euro Kaution in bar bezahle. Den Bankangestellten solle sie aber nichts davon sagen, wenn sie das Geld abhebe. Am Ende sagt eine weinerliche Stimme: „Mama, hilf mir!“

Durch solche Maschen würde das rationale Denken ausgeschaltet, erklären die Polizisten. Auch wenn die Stimme der Tochter anders klingt als sonst, halte man in dem Moment alles für möglich. Aber: Kautionen gehören in amerikanische Krimifilme. Hierzulande gebe es die gar nicht, sagt Ralf Sträter. Außerdem müsse in Deutschland gar nichts sofort sein. Rechtliche Verfahren laufen sehr strukturiert ab. Informationen von der Staatsanwaltschaft kommen wenn überhaupt per Post, und das ziehe sich oft über Wochen oder Monate.

Es gebe eine Checkliste von der Polizei Baden-Württemberg, die man sich am besten neben das Telefon hängt. Darauf stehen mehrere Fragen: „Wurden Sie angerufen? Sollen Sie das Geld noch heute übergeben? Hat sich der Anrufer als Angehöriger, Polizist, Notar o. ä. ausgegeben? Sollen Sie das Geld an eine Ihnen nicht bekannte Person übergeben?“ Darunter steht: „Können Sie zwei oder mehr Fragen mit Ja beantworten? Wenden Sie sich an die Polizei. Wählen Sie die 110!“

Dominik Müller ermutigt, ehrlich zu Bankangestellten zu sein, wenn sie bei großen Bargeld-Abhebungen nachfragen. Das passiere manchmal, aber nur zum Schutz.

3. Der Schockanruf: „Zahlen Sie die OP, sonst stirbt Ihr Sohn“

/David Agüero Muñoz via www.imago-images.de

Professor Dietrich von der Uniklinik Tübingen ruft an. Der Sohn habe einen schweren Autounfall gehabt und brauche sofort eine Operation. Die sei allerdings sehr kostspielig. Die Mutter müsse sofort eine hohe Summe überweisen. „Oder wollen Sie, dass Ihr Sohn stirbt?“, fragt der Professor.

Auch hier setze das logische Denken aus, sagen die Polizeibeamten. In vielen Fällen könne man so etwas als Blödsinn entlarven, doch manchmal fallen die Dinge unglücklich zusammen – etwa, wenn der Sohn an diesem Tag wirklich mit dem Auto unterwegs ist.

Doch das Verhalten des Professors sei unterlassene Hilfeleistung oder Nötigung. „Das ist völliger Schwachsinn“, sagt Moritz Schuster. In solchen Fällen könnten Bankangestellte die letzte Verteidigungslinie sein, wenn sie sicherheitshalber noch mal nachfragen. „Denn wenn man die 30 000 Euro mal abgehoben hat, übergibt man sie auch“, sagt Moritz Schuster.

4. Der falsche Polizist: „Wir bringen Ihre Wertsachen in Sicherheit“

/Stefanie Schlecht

„Bei Ihnen soll bald eingebrochen werden!“, sagt eine Polizistin am Telefon. Ob die alte Dame Bargeld und Schmuck zuhause habe? „Ja, ich war gestern erst auf der Bank!“, antwortet sie. Die Polizei könne Bargeld oder Schmuck sicher verwahren. Falls auf der Bank noch Geld sein sollte, lieber schnell abheben: „Die Bankangestellten stecken mit dem Dieb unter einer Decke!“ Ein Kollege hole die Wertsachen dann ab. Außerdem unbedingt Fenster und Türen schließen und am Telefon bleiben.

Unrealistisch, sagt die Polizei dazu. Vor allem, dass die Dame im Haus bleiben solle – sozusagen als Köder. „Für uns geht es erst um Leib und Leben, dann kommt ganz lange nichts, und dann kommen irgendwann die Wertsachen“, sagt Moritz Schuster.

Wichtig sei vor allem, keine persönlichen oder finanziellen Informationen rauszugeben. Oftmals würden Opfer sagen, die Täter haben alles über sie gewusst. „Aber die wissen nur so viel, wie Sie am Telefon preisgeben“, sagt Ralf Sträter. Da sei geschickte Gesprächsführung im Spiel.

Am Apparat sollen Opfer oft bleiben, weil sie dann niemanden alarmieren können. Bei Unsicherheit solle man deshalb lieber auflegen – auch, wenn die Polizei am Apparat ist. Die versuche es im Notfall noch mal oder komme vorbei. Auch wichtig zu wissen: Wenn die echte Polizei anruft, erscheint nicht die „110“ auf dem Display. Das sei technisch unmöglich.

5. Das Gewinnversprechen: „Sie haben 125 000 Euro gewonnen!“

/Fleig/Eibner-Pressefoto via www.imago-images.de

Der Staatsanwalt ruft an und verkündet einen riesigen Gewinn – 125 000 Euro! Die Gesprächspartnerin müsse nur 3000 Euro für den Notar und die Bearbeitung über Western Union bezahlen. Und schon schwelgt die Dame in Träumereien, wofür sie das Geld so ausgeben könnte.

Die erste Frage, die man sich laut Ralf Sträter stellen muss: Habe ich überhaupt an einem Gewinnspiel teilgenommen? Denn es seien schon Menschen mit dieser Masche betrogen worden, die gar nicht spielen. Auch hier setze oft ein Prozess ein, er beschreibt ihn mit „Gier frisst Hirn“. Gewinnspiele, bei denen man in Vorkasse gehen muss, seien unseriös. Und sind die Betrüger erfolgreich, versuchen sie es häufig erneut, etwa mit einer Vorsteuer oder Ähnlichem.

Marcel Kellhammer fügt hinzu, man müsse sich zudem Gedanken machen, welche Art von Zahlungen über Western Union laufen würden. Tendenziell sei das immer unseriös.

6. Der WhatsApp-Betrug: „Mama, ich hab’ eine neue Nummer“

Foto: dpa-tmn/Zacharie Scheurer

Eine alte Dame bekommt eine Whatsapp-Nachricht von einer unbekannten Nummer. Ihre Tochter habe ihr Handy kaputtgemacht und jetzt eine neue Nummer. „Speichere die neue gleich mal ein und lösche meine alte Nummer", heißt es in der Nachricht. Gesagt, getan. Dann geht es weiter: Sie habe einen Wasserschaden und brauche sofort 5000 Euro von der Mama, sonst müsse sie hohe Mahngebühren bezahlen.

Dass die alte Nummer gelöscht werden soll, passiere oft – denn dann könne man nicht mehr bei der richtigen Tochter nachfragen, ob das mit dem Wasserschaden denn auch stimmt. Generell solle man soziale Kontakte pflegen. So könne man im Notfall die echten Enkel kurz anrufen und nachhaken, ob alles okay sei.

Neue Nummern solle man am besten blockieren, sagt Ralf Sträter. Wer technische Probleme habe, solle sich Hilfe holen. Und natürlich könne man auch jederzeit die richtige Polizei kontaktieren. Was auch hilft: Geizig sein mit der Telefonnummer, sagt Moritz Schuster. Vor allem im Internet, wo man die Nummer oftmals als Kontaktmöglichkeit angibt. Da könne man auch „aus Versehen“ mal einen Zahlendreher einbauen.

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