Trockenheit und Futtermangel So viele Igel vor dem Hungertod wie selten
Thomas Vogt aus Weinstadt-Schnait kümmert sich ehrenamtlich um Igel und warnt, den Tieren gehe es so schlecht wie lange nicht. Wie kann den Igeln geholfen werden?
Thomas Vogt aus Weinstadt-Schnait kümmert sich ehrenamtlich um Igel und warnt, den Tieren gehe es so schlecht wie lange nicht. Wie kann den Igeln geholfen werden?
Beim Gedanken an Igel geht vielen Menschen das Herz auf. Süße, kleine, stachlige Wesen, die sich im heimischen Garten wohlfühlen und nachts durchs Laub wuseln. Was viele jedoch nicht wissen: Igeln geht es momentan so schlecht wie selten. Viele Tiere sind abgemagert und haben nur schlechte Chancen, die kalte Jahreszeit zu überleben.
Thomas Vogt kennt das Problem nicht erst seit diesem Jahr, doch auch er räumt ein, dass die aktuelle Situation besonders besorgniserregend ist. Vogt ist hauptberuflich Tierfotograf, ehrenamtlich kümmert er sich leidenschaftlich um geschwächte, verletzte oder abgemagerte Igel. Zusammen mit seiner Frau Susanne sowie Christiane Kleefeld, einer Bekannten, die früher eine Igelstation leitete, investiert er viel Zeit und Geld in sein Anliegen. In seinem Garten gibt es mehrere besuchte Futterplätze, außerdem haben sie Auswilderungsstätten in der Natur gebaut.
Denn letztendlich ist der Igel ein Wild- und kein Haustier, erklärt Vogt. Ziel müsse demnach immer sein, die Tiere zurück in die Natur zu führen. Doch eben diese ist seit einigen Jahren so aus dem Gleichgewicht geraten, dass sie für Igel nicht mehr das Zuhause ist, das sie einmal war. Die stachligen Tiere sind Insektenfresser, bevorzugen besonders Käfer, Krabbeltiere und Asseln. Von denen gibt es aber immer weniger, und so essen viele Igel vermehrt Regenwürmer. Die enthalten jedoch wiederum reichlich Innenparasiten, die für Igel im Übermaß tödlich sind.
Hinzu kommt, dass das hiesige Klima immer ungeeigneter für die Tiere wird. Die Winter sind oft feucht und mild, wodurch die Igel im Winterschlaf gestört werden. So manch kranker, unterernährter Igel irrt schon im März wieder durch die Gärten, wenn er eigentlich noch schlafen sollte. So früh im Jahr sind weniger Insekten als im Sommer unterwegs, die Nahrungsbeschaffung für Igel ist also noch schwieriger.
In den wärmeren Monaten macht die zunehmende Trockenheit den Tieren zu schaffen. Das Resultat ist eine tödliche Kombination, wie Vogt zusammenfasst: „Die Igel kratzen an der Roten Liste der gefährdeten Arten.“ Bei so schlechten Aussichten für die stacheligen Vierbeiner stellt sich die Frage, was dagegen unternommen werden kann. Die gute Nachricht: Jeder kann dazu beitragen, dass es den Igeln wieder besser geht, so Thomas Vogt. „Stellen Sie eine flache Schale an einen geschützten Ort in Ihrem Garten und pflanzen Sie heimische Busch- und Staudengewächse, die das ganze Jahr über Insekten eine Heimat geben.“ Milch ist für die laktoseintoleranten Igel dagegen keine gute Option. Sie können den Milchzucker nicht abbauen, bekommen Durchfall, an dem sie nicht selten sterben.
Das Thema Futter ist allerdings komplizierter, da Ersatznahrung wie beispielsweise Katzenfutter oder Igelfertigfutter nicht die ideale Zusammensetzung an Nährstoffen hat wie das natürliche Futter der Tiere. Bekommen Igel zu viel Ersatznahrung, leidet ihre Gesundheit auf Dauer darunter. Vogt rät deshalb dazu, nur im Frühjahr und Herbst zuzufüttern. Im Sommer sollte das nur in Ausnahmefällen passieren, etwa wenn trächtige oder sehr alte, schwache Igel im eigenen Garten auftauchen. Leider ist der moderne Garten mit oft akribisch getrimmten Rasenflächen und zahlreichen scharfen Geräten für die Tiere schon lange kein Rückzugsort mehr. Nicht selten sieht Vogt verletzte Igel, die sich in Gartenzäunen aufgespießt haben oder Freischneidern zum Opfer gefallen sind. Auch das Laub, unter dem sie im Herbst tagsüber Schutz und Ruhe finden, ist aus vielen Gärten verschwunden.
Besonders frustrierend ist für Vogt, dass sich viele Menschen des Notstands nicht bewusst zu sein scheinen. „Manchmal fühlt sich meine Arbeit an wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Dabei ist sein ehrenamtliches Engagement mit viel Aufwand verbunden. Letzten Winter hatte er acht Igel bei sich in Pflege, verbrachte jeden Morgen eine Stunde mit dem Säubern der Käfige und abends mindestens noch einmal so lange mit Füttern, Wiegen und Gesundheitschecks. „Dieses Jahr hat es null Spaß gemacht“, räumt Vogt mit Blick auf die hohe Anzahl schwer verletzter und gestorbener Tiere ein.
Er wünsche sich mehr Achtsamkeit der Menschen, mehr Interesse, so Vogt. Oft würden Gartenbesitzer gedankenlos Hecken schneiden, ohne vorher zu kontrollieren, ob unter ihnen ein Igel wohnt. Mähroboter seien ähnlich fatal für die Tiere, genau wie der Einsatz von Gartengiften. „Ich habe den Eindruck, das Bewusstsein für unsere Umgebung ist in Deutschland stark zurückgegangen.“ Für seine Tierfotos ist Vogt in vielen Ländern unterwegs und bemerkt immer wieder Unterschiede: „In Finnland zum Beispiel bringen die Menschen Tier und Natur mehr Respekt entgegen.“ Doch es sei auch wichtig, das Positive zu sehen und nicht alles schlechtzumachen. „Wenn jeder nur ein bisschen was tut, ist schon viel geschafft.“ Die Igel würden es uns zweifelsohne danken.