Sie werden kochen und gemeinsam essen, Spiele machen und vielleicht Lieder singen. Sie werden mit ihren Lieben in der Ukraine telefonieren, wie jeden Tag, und wahrscheinlich auch ein bisschen traurig sein, mehr noch als an anderen Tagen. Vor einem Jahr waren alle noch mit ihren Familien in der Ukraine zusammen und ahnten nicht, was auf sie zukommt. „Das ist schwierig“, sagt Maria Samokhval. „Alle vermissen jemand. Aber wir müssen weiterleben.“ Sie sitzt mit Alina Trotsko, Marina Bulavina und Nataliia Nychai am Tisch, um etwas über ukrainische Weihnachtsbräuche zu erzählen. Irina Pechthold vom Lokalen Bündnis für Flüchtlinge hilft, wenn die deutschen Wörter fehlen. Und sie weiß: Wer hier ist, hat es warm, hat Strom und zu essen – aber, sagt sie, „einfacher ist das nicht“. Die Angehörigen in Gefahr und Not zu wissen, die Ungewissheit, wie es weitergeht, das sind drückende Lasten. Immer wieder gibt es geflüchtete Familien, die vor Heimweh und Sorge den Zug zurück in die Heimat nehmen. Auch in Plochingen kam das vor.
Mehrzahl der Ukraine ist orthodox
Trotzdem wirken die Frauen am Tisch lebensbejahend und fröhlich, wie sie sich über Weihnachtsbräuche austauschen. In der Ukraine sind die Christen überwiegend orthodox, es gibt aber auch Katholiken und Protestanten. Die orthodoxe Weihnacht wird dort gemäß dem julianischen Kalender am 6./7. Januar gefeiert, die Regierung favorisiert jedoch den 25. Dezember. Aber die meisten Menschen in der Ukraine bleiben wohl beim traditionellen Termin.
Viele Bräuche seien „genauso wie hier“, sagt Irina Pechthold. Kerzen anzünden, Baum schmücken, die Krippe mit dem Bethlehemstern aufbauen. Und natürlich gibt es Geschenke, vor allem für die Kinder. Gutsle backen gehört nicht zu den Traditionen, dafür wird am Weihnachtsfest Kutja zubereitet: ein Brei aus Reis oder Weizenkörnern, mit Wasser, Mohn und Rosinen gekocht und mit Honig gesüßt. Es gibt Varianten und entsprechend lebhafte Diskussionen unter den Frauen. Oft bringen die Patenkinder, als Heilige Drei Könige kostümiert, Kutja zu den Taufpaten und bekommen dafür Geschenke. Die Geflüchteten in Deutschland werden den süßen Brei für den 7. Januar kochen und mit ihren Familien und Freunden zusammen feiern. Sie werden versuchen aufzutischen wie daheim: Wenn die ersten Sterne aufgehen, gehören traditionell „zwölf unterschiedliche Gerichte auf den Tisch“, erklärt Nataliia Nychai, und in jeder Ecke soll – gegen böse Geister – Knoblauch stehen.
Die deutschen Freunde feiern mit
Einige der geflüchteten Ukrainer, die bei deutschen Gastfamilien wohnen, verbringen mit diesen zusammen den Heiligen Abend. Und am 25. Dezember wird in der großen Runde im Begegnungscafé am Markt 8 Weihnachten gefeiert, „mit den deutschen Freunden“, wie Alina Trotsko sagt. Ab 14 Uhr sind alle Interessierten eingeladen.
Weihnachten fällt also dieses Jahr keinesfalls aus. Mit Ostern war das anders, da waren viele der Familien erst kurz in Deutschland und „hatten keine Kraft zu feiern“, sagt Irina Pechthold und ergänzt: „Mittlerweile müssen sie sich selbst ziehen – sie haben Kinder, sie haben Verantwortung.“ Sie haben zudem die Mentalität, den Kopf nicht hängen zu lassen und nach vorne zu blicken.
Einige gehen in die russische Kirche
Auch der Kirchgang gehört in der Ukraine zu Weihnachten. Aber in die deutschen Kirchen zieht es die meisten nicht so sehr. Manche gingen in die russische Kirche nach Stuttgart, erzählt Marina Bulavina. In die russische Kirche? Sie zuckt die Achseln: Das Volk sei schließlich nicht schuld am Krieg. Und man spreche in der Kirche ja auch nicht mit dem Patriarchen, sondern mit Gott.
Das sehen allerdings nicht alle so, Nataliia Nychai schüttelt den Kopf: Sie will die russische Kirche nicht betreten. „Da scheiden sich die Geister“, sagt Irina Pechthold. Einig sind sich aber alle bei ihrem größten Wunsch: Es soll Frieden werden, am besten für alle Menschen.