Trotz Kündigung des Investors Karstadt will in Esslingen bleiben

In der Esslinger Karstadt-Filiale sieht man trotz Kündigung des Eigentümers und Investors BPI „keinen Grund, den langfristigen Mietvertrag vorzeitig zu beenden“. Foto: Roberto Bulgrin

Die Esslinger Karstadt-Chefin Gabriele Post wirft dem Investor BPI Esslingen vor, das Kaufhaus seit Mitte 2021 aus dem Mietvertrag drängen zu wollen. Karstadt – offiziell jetzt Galeria – habe sich immer konstruktiv an den Planungen beteiligt.

Der Paukenschlag kam am Mittwoch. Der Investor BPI Esslingen, der auf dem Karstadt-Areal 160 Wohnungen sowie Büros, Dienstleistungs- und Einzelhandelsflächen bauen will, hat Esslingens einzigem Warenhaus gekündigt. Gabriele Post, Leiterin der Galeria-Filiale – wie Karstadt seit geraumer Zeit heißt – bekräftigt, dass Galeria an seinem Standort in der Esslinger Bahnhofstraße bleiben will.

 

Frau Post, Ihre Kundschaft ist irritiert. BPI, Besitzer von Parkplatz und Kaufhaus-Immobilie, hat Galeria gekündigt. Steht Galeria Esslingen doch auf der Streichliste des Galeria-Konzerns, gibt der Konzern den Standort auf?

Auf keinen Fall! Esslingen ist viel mehr als nur ein Standort für uns. Wir sind ein Teil der Stadt und des Lebens unserer Kundinnen und Kunden. Es gibt keinerlei Gründe, unseren langfristigen Mietvertrag vorzeitig zu beenden. Esslingen liegt Galeria am Herzen. Diese schöne Stadt ist ein erfolgreicher Warenhausstandort mit viel Potenzial und guten Zukunftsaussichten, den wir unbedingt weiterbetreiben wollen. Darum haben wir die Projektentwicklung des derzeitigen Eigentümers auf dem Parkplatzgrundstück auch begrüßt und nach Kräften unterstützt.

Was war dann der Grund für die Kündigung?

Zu unserem völligen Unverständnis hat uns der Eigentümer die Kündigung ausgesprochen. Wir wollen bleiben. Schon Mitte 2021 hat der Eigentümer – nach einem Wechsel in der Projektverantwortlichkeit auf Eigentümerseite – die bis dahin sehr konstruktiven Verhandlungen mit uns mehr oder minder abgebrochen. Seitdem versucht er, uns aus dem Mietvertrag zu drängen. Für uns ergibt das keinen Sinn.

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Welche Flächen sind bereits gekündigt und für welche ist der Mietvertrag ausgelaufen? Wie lange läuft ihr Mietvertrag für den großen Rest der Verkaufsräume noch?

Die heute bereits leer stehenden Flächen in der Bahnhofstraße 10 wurden zum 31. Januar 2021 gekündigt und stehen seitdem leer. Das sieht doch schlimm aus. Wir hatten eine Übergangslösung angeboten, um den Leerstand mitten in der Stadt zu vermeiden. Dies lehnte der Eigentümer leider ab. Die Mietverträge für das Warenhaus und den Parkplatz laufen fest bis Mitte 2026 mit weiteren Optionen zugunsten von Galeria bis 2036. Aber auch diese beiden Verträge hat der Eigentümer mit für uns nicht nachvollziehbaren Argumenten gekündigt.

Um welche Forderungen geht es in dem Verfahren zwischen Galeria und BPI, das derzeit am Stuttgarter Landgericht anhängig ist? Und wie argumentieren Sie für Ihre Interessen?

Der Eigentümer glaubt, die Verträge berechtigt gekündigt zu haben. Wir teilen diese Auffassung nicht. Unser Interesse ist und bleibt, unser Warenhaus in Esslingen weiter zu betreiben. Wie wichtig wir hier am Standort sind, erfahren wir täglich von unseren vielen treuen Esslinger Kundinnen und Kunden.

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BPI wirft Galeria vor, kaum Aussagen bekommen zu haben, welche Flächen das Kaufhaus brauche und wie es sich für die Zukunft aufstellen wolle. Hat der Galeria-Konzern die Weiterentwicklung des Areals blockiert?

Das ist vollkommen falsch. Galeria beteiligt sich seit über zehn Jahren sehr konstruktiv immer wieder an diesen Planungen. Auch unsere Geschäftsführung in Essen war in die Gespräche eng involviert. Mehrfach hatten wir insoweit sehr konkrete Lösungsvorschläge unterbreitet – die alle pauschal abgelehnt wurden. Zuletzt hatten wir im Rahmen eines Mediationsverfahrens sowie in einem durch Oberbürgermeister Matthias Klopfer moderierten Vermittlungsgespräch versucht, Lösungen zu finden. Der Eigentümer lehnt aber jede Annäherung oder für beide Seiten gangbare Lösungen bislang ab. Wir haben unsere neue Strategie Galeria 2.0 seit Herbst 2021 deutschlandweit vorgestellt und gut dokumentiert. Diese liegt auch dem Eigentümer vor.

In welche Richtung soll sich Galeria Esslingen entwickeln? Es gab bereits Kritik der Kunden, dass mit weniger Flächen auch Angebot und Attraktivität sinken.

Nur bei einer Komplettschließung des Warenhauses würde das Angebt und die Attraktivität für Esslingen massiv sinken. Wir wissen aus anderen Warenhaus-Schließungen, dass nicht nur der Warenhausumsatz wegfällt, sondern ein Vielfaches an Einzelhandelsumsatz in der gesamten Stadt. Wir möchten das Warenhaus in Esslingen nach unserer Strategie Galeria 2.0 ausbauen. Neben einer deutlichen Verbesserung in der Warenpräsentation und -darstellung würde das komplette Haus modernisiert. Unseren Kundinnen und Kunden wollen wir ein modernes, neu strukturiertes Warenhaus präsentieren, in dem Einkaufen wieder zum Erlebnis wird. Schauen Sie sich unsere ersten Umbaufilialen in Kassel, Kleve und Euskirchen gerne an. Die laufen wirtschaftlich sehr erfolgreich. Es wäre auch ein Gewinn für die Stadt und die Bürger und würde nochmals mehr Kunden und Gäste aus dem Umland nach Esslingen ziehen – nicht nur zu Galeria.

Sehen Sie noch eine Chance, dass sich doch noch beide Seiten auf eine gemeinsame Zukunft verständigen können?

Natürlich hoffen wir unverändert auf ein Einlenken von BPI. Und wir bleiben zuversichtlich, dass das Gericht unserer Argumentation folgt. Wir bleiben jederzeit gesprächsbereit. Wir teilen den politischen Willen der Stadt Esslingen, dass der Parkplatz bebaut wird, aber dabei auch das Warenhaus als Anker für den Einzelhandel in Esslingen erhalten bleibt. An diesem Versprechen gegenüber der Stadt, den Kundinnen und Kunden sowie unseren Mitarbeitenden halten wir unverändert fest. Wir wollen bleiben.

Zu Person und Konzern

Gabriele Post
 Seit 2017 ist Gabriele Post Chefin von Galeria in Esslingen, bereits von 2005 bis 2012 leitete sie hier die Filiale. Sie ist seit 1986 für das Unternehmen tätig und führte bereits Häuser in Ludwigsburg, Stuttgart und Leonberg.

Galeria Karstadt Kaufhof GmbH
 Die Galeria Karstadt Kaufhof GmbH mit Sitz in Essen gilt mit 131 Standorten und rund 18 000 Mitarbeitern als zweitgrößter Warenhauskonzern Europas. Er ging 2019 aus den Unternehmen Galeria Kaufhof und Karstadt hervor. Mittlerweile firmieren die Filialen unter der Dachmarke Galeria. In der Esslinger Filiale arbeiten 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einer Verkaufsfläche von grob 9500 Quadratmetern. Eröffnet wurde sie 1963, damals noch unter dem Namen Hertie. biz

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