Frau Leibinger-Kammüller, Sie haben vor Kurzem das 100-Jahr-Firmenjubiläum von Trumpf in Ditzingen gefeiert. Ministerpräsident Kretschmann hat eine sehr emotionale Rede auch über Ihren Vater gehalten und gesagt, Menschen wie Berthold Leibinger zu treffen ist das Eigentliche, das einen im Leben reich macht. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Ich dachte: Da hat er recht. Natürlich gibt es noch viele andere Dinge im Leben, die wichtig sind. Aber die Begegnung mit einem Mann wie meinem Vater war bereichernd.
Es war eine besondere Aussage von Winfried Kretschmann, weil Ihr Vater ihn nach dessen Wahl 2011 noch als „Unheil“ bezeichnet hatte. Danach müssen sie aber zusammengefunden haben. Was ist da passiert?
Mein Vater hat den Ministerpräsidenten eingeladen und gezeigt, wie es in einem Industrieunternehmen wirklich zugeht. Er hat versucht, ihn aus seiner Ecke zu holen. Gleichzeitig ist es Winfried Kretschmann gelungen, meinem Vater zu vermitteln, dass der Klimawandel real ist und dass wir Dinge verändern müssen. Zwei kluge Menschen sind aufeinander zugegangen.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Winfried Kretschmann und der Landesregierung?
Unser persönliches Verhältnis ist sehr gut. Ich bin Mitglied des Innovationsbeirats der Landesregierung, in dem offen diskutiert wird. Ich erlebe Herrn Kretschmann als wahrhaftigen, ernsthaften, an der Sache interessierten Menschen. Er ist ein offener Geist, lässt sich beraten und bewegt sich. In der Koalition zusammen mit der CDU ist das eine gute Verbindung, was auch an Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut liegt.
Man hört von Unternehmern öfter, dass in der Landesregierung – mit Ausnahme der Wirtschaftsministerin – der wirtschaftliche Sachverstand fehlt.
Das trifft in Teilen leider zu. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass umgekehrt zu wenige Unternehmer bereit sind, sich politisch zu engagieren. Und es gibt in ganz Deutschland eine geistige, emotionale Ferne zu Technik und Wirtschaft, übrigens auch bei Journalisten.
Ministerpräsident Kretschmann hat als sein großes Thema den Bürokratieabbau ausgerufen. Kommt er da voran?
Ich finde, er macht Fortschritte, etwa bei den Genehmigungen für Windräder. Der Bürokratieabbau ist eine elementare, aber gewaltige Aufgabe. Ich habe den Eindruck, dass er daran bisweilen verzweifelt.
Gibt es zu viele Entscheidungsebenen?
Auf jeden Fall. Und zu wenig Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Dadurch sind wir als Land sehr langsam geworden. Und wenn jemand etwas allein entscheidet und dann einen Fehler macht, dann gibt es gleich einen Shitstorm oder einen Untersuchungsausschuss.
In der Wirtschaft herrscht die Sorge vor einer Deindustrialisierung Deutschlands. Bundeskanzler Scholz sieht eher ein grünes Wirtschaftswunder auf uns zukommen. Wer hat recht?
Was wir aktuell erleben, ist in keiner Weise zu vergleichen mit dem Wirtschaftswunder nach 1945. Natürlich entstehen Arbeitsplätze in den neuen Technologien, aber es verschwinden auch viele alte. Ich sehe die Entwicklung mit großer Sorge. Für den Maschinenbau kann ich sagen: Es geben gerade kleinere Unternehmen auf.
Aus welchem Grund?
Es gibt nicht den einen Grund, sondern es kommen viele Faktoren zusammen: hohe Löhne, mit die höchsten Unternehmenssteuern, Bürokratie und aufwendige Dokumentationspflichten bis in die Lieferkette, oft sehr teure Grundstücke, lange Genehmigungszeiten. Jetzt kommen noch gestiegene Zinsen und der Fachkräftemangel hinzu. Wenn in so einer Situation ein Generationswechsel ansteht, dann sagen die Jungen oft: Das tun wir uns nicht an! Man sieht den Rückgang solcher Betriebe nicht unmittelbar, aber innerhalb der kommenden zehn bis 20 Jahre wird er sehr deutlich werden.
Welche Rolle spielen die Energiepreise?
Die sind ein Riesenthema, auch wenn die Strompreise für den Maschinenbau in den Gesamtkosten geringer zu Buche schlagen als in der Grundstoffindustrie. Aber wenn es dann eine einseitige Subventionierung der energieintensiven Großunternehmen durch verbilligten Strom geben soll, dann fragen diejenigen, die nicht zum Zuge kommen, zu Recht: „Und wir? Das ist doch nicht in Ordnung.“ Nicht wenige bauen dann andernorts ihre Produktion aus.
In den USA, angelockt von den hohen Subventionen aus dem IRA-Programm?
Ja, auch da.
Und Trumpf? Lassen Sie sich locken?
Natürlich sind wir auch in den USA präsent und investieren, aber eher im zweistelligen Millionenbereich. Vor allem aber investieren wir ganz massiv hier vor Ort. Wir müssen verrückt sein.
So wirken Sie gar nicht. Was und wie investieren Sie denn?
Wir investieren bei uns am Hauptsitz in Ditzingen bis Herbst 2023 knapp 200 Millionen Euro, vor allem in das sogenannte Areal 4 für die Lasertechnik und in unser Trumpf Education Center. Das benötigen wir, um unseren Auszubildenden optimale Bedingungen zu bieten und ein Viertel mehr Azubis einstellen zu können. Und bis 2027 stecken wir noch einmal 180 Millionen Euro in das neue Trumpf-Kundenzentrum. Unter dem Strich sind das 380 Millionen Euro im Laufe des Jahrzehnts als unser Bekenntnis zum Standort und dem „Ökosystem“ Großraum Stuttgart.
Das sind hohe Summen. Warum tun Sie das?
Jetzt wird es ein bisschen pathetisch: weil wir an die Menschen glauben, weil wir an die Kraft unseres Heimatlandes glauben, weil wir wie viele andere Familienunternehmen treu sind und loyal. Und wir haben trotz einer schwieriger werdenden Schulsituation noch immer gut ausgebildete und fleißige Mitarbeiter mit viel Wissen und Erfindergeist. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir auch hier langfristig erfolgreich sein können.
Bekommen Sie denn das Personal, das Sie dafür benötigen?
Es wird schwieriger. Es ist kein Geheimnis, dass es inzwischen einen Arbeitnehmermarkt gibt. Menschen kündigen schneller, und wenn man nicht drei Tage Homeoffice die Woche bietet, hat man als Arbeitgeber schlechte Karten.
Auch Trumpf?
Wir sind eine starke Marke und ein starker Arbeitgeber, aber: ja. Wir haben in dieser Beziehung dazugelernt. Ich stand etwa dem Homeoffice früher skeptischer gegenüber, heute sehe ich das differenzierter. Wer arbeiten will, arbeitet, egal wo. Und wer faul ist, ist das auch am Arbeitsplatz in der Firma. Dennoch halten wir die physische Präsenz im Unternehmen für sehr wertvoll.
Finden Sie, dass sich die Einstellung zur Arbeit in Deutschland verändert hat?
Auf jeden Fall. Wenn heute 19-Jährige sagen: „Ich will mich doch nicht kaputtschaffen“, bevor sie überhaupt angefangen haben zu arbeiten, dann ist das schon eine bedenkliche Veränderung. Allerdings hat sich das Leben der Menschen auch verändert. Die Anforderungen an die Familien sind gestiegen, das Jonglieren zwischen Arbeit und Familie ist anstrengender geworden.
Attraktiv ist man als Arbeitgeber auch, wenn man erfolgreich und innovativ ist. Trumpf investiert sehr viel in neue Technologien, Anwendungen und Produkte – etwa in Quantencomputing. Wie viel von einer Gründergarage steckt nach 100 Jahren noch in Ihrer Firma?
Sehr viel. Derzeit machen wir etwa die Hälfte unseres Umsatzes mit Produkten, die jünger als drei Jahre sind. Dahinter stecken echte neue Funktionen und nicht nur kosmetische Überarbeitungen.
Gerade mit neuen Technologien bewegen Sie sich im Spannungsfeld zwischen den USA und China. Die USA fordern eine strikte Abgrenzung, in Deutschland wird mehr von Risikoreduzierung gesprochen. Wie verhalten Sie sich?
Wir wollen das Chinageschäft nicht zurückfahren, sondern ausbauen. China ist ein gigantischer Markt, für uns aktuell der drittgrößte nach den USA und Deutschland. Aber wir sind davon gottlob nicht abhängig. Wir machen dort etwas mehr als zehn Prozent unseres Umsatzes und investieren gerade 20 Millionen Euro vor Ort. Gleichzeitig wollen wir aber auch in anderen asiatischen Märkten wie Indien und Vietnam stark wachsen.
Man muss die Produkte aber auch liefern dürfen. Sie sind Zulieferer für den Chipmaschinenhersteller ASML. Wie trifft es Trumpf, wenn neue Beschränkungen kommen?
Schon bisher dürfen die Anlagen, die mit unseren EUV-Lasern bestückt sind, nicht nach China geliefert werden. Insofern kann sich dieses Thema nicht verschlechtern. Eine ganz andere Dimension wäre es fraglos, wenn es zu einer Verschärfung des Konfliktes zwischen den USA und China käme.
Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine spricht man von einer sicherheitspolitischen Zeitenwende. Trumpf beherrscht Lasertechnologien, die für die Rüstung von hohem Interesse sind, hält sich davon aber grundsätzlich fern. Wird das so bleiben?
Die Haltung in unserem Unternehmen fußt auf christlichen Werten. Wir haben in unserem Gesellschaftervertrag 2015 festgelegt, dass wir uns nicht an der Waffenproduktion beteiligen. Andererseits ist mir klar, dass wir uns verteidigen können müssen, und das nicht nur mit schönen Worten. Wir hatten bereits Anfragen aus den USA. Aber man muss auch wissen: Wer für die Rüstungsindustrie arbeitet, unterliegt vielen Geheimhaltungs- und Exklusivitätsvorschriften. Das würde uns der Freiheit berauben, unsere Laser für andere, zivile Zwecke einzusetzen. Außerdem sind wir ein deutsches Unternehmen. Wenn es einmal so weit sein sollte, wäre die deutsche Regierung unser erster Ansprechpartner.
Es bleibt also auf Dauer dabei?
Das ist eine offene Frage. Ich bin mir sicher, dass unsere Kinder diese Diskussion wieder aufbringen werden. Möglicherweise werden wir unsere Position auf unserem Familientreffen im Herbst besprechen. Da wird es unterschiedliche Meinungen geben, so lange aber bleibt es dabei. Ein solcher Schritt wäre eine fundamentale Zäsur für Trumpf. Und es wird keine geringe Rolle spielen, dass wir für unsere konsequente Haltung bei den Mitarbeitern bislang viel Zuspruch bekommen haben.
Die Bundesregierung aber hat noch nicht bei Ihnen angefragt?
Nein.
Die Chefin und ihr Unternehmen
Position
Nicola Leibinger-Kammüller, Jahrgang 1959, steht seit 2005 an der Spitze des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf. Davor hatte ihr Vater Berthold Leibinger das Unternehmen 27 Jahre lang geführt.
Vita
Dem Studium der Germanistik, Anglistik und Japanologie folgte die Promotion und 1985 der Einstieg ins Familienunternehmen. Sie ist seit 1984 mit Mathias Kammüller verheiratet, der als Chief Digital Officer ebenfalls dem Trumpf-Vorstand angehört. Die beiden haben vier Kinder.
Geschäftserfolg
Nach vorläufigen Zahlen ist der Umsatz im Geschäftsjahr 2022/23 auf mehr als fünf Milliarden Euro gestiegen. Der Gewinn wird leicht höher ausfallen als „im schon sehr guten Jahr davor“, so Leibinger-Kammüller. Da lag das Ergebnis vor Steuern bei 468,4 Millionen Euro. Der Auftragsbestand sei derzeit hoch, der Auftragseingang aber gehe zurück.