Tsunami in Japan Das Wunder von der Trümmerküste

Von Martin Koelling 

In Japan erwacht an manchen Orten wieder die Normalität. Die Ausflugsdampfer tuckern wieder voll beladen mit Touristen.  

Touristen lieben diese Inseln. Foto: Koelling
Touristen lieben diese Inseln. Foto: Koelling

Sendai - Ergriffen steht Keiko Fukano an der Promenade von Matsushima. Um sie herum wimmeln Touristen, als ob es an Japans Nordostküste nie einen Tsunami gegeben hätte. "Diesen Ort haben die Götter geschützt!", seufzt sie und genießt ungläubig den Blick auf die Inselwelt, die als eine der drei schönsten Küstenlandschaften Japans gilt.

Matsushima wirkt wie ein Wunder. Auf Hunderten von Kilometer Länge hat am 11.März der Megatsunami Küstendörfer und -städte ausgelöscht. Nur Matsushima ist auf den ersten Blick noch so, wie Japans berühmter Poet Basho (1644-1694) den Ort in einem Gedicht vor Jahrhunderten beschrieben hat. Die Promenade der Bucht, mit ihren Mäuerchen und Kieferchen, den Holzbrückchen und Schreinchen, ist nahezu unversehrt geblieben.

Die Eilande bremsten die Wucht der Wasserwand

Die Ausflugsdampfer tuckern wieder voll beladen mit Touristen durch das Wirrwarr der mit Kiefern bestandenen Inseln, denen Matsushima seinen Ruf und sein Überleben zu verdanken hat. Die wie hingetuschten Eilande bremsten die Wucht der Wasserwand. Und während in der Nachbarschaft selbst zehn Meter hohe Schutzwälle vom Tsunami mühelos überspült wurden, schwappte in Matsushima nur vergleichsweise wenig Wasser über die niedrige Kaimauer und beschädigte einige Restaurants. Während die meisten schon wieder Gäste mit Muscheln und Sushi bewirten, wird beim Aalrestaurant der Familie Ishida noch gehämmert. "So hoch stand das Wasser bei uns", sagt eine der Frauen dort und hält sich die Hand an die Hüfte.

Matsushima ist nicht das einzige Sinnbild dafür, dass sich in Japan nach dem Schock und der Trauer die monatelang gezügelte Reise- und Feierlaune mit großer Macht wieder Bahn brechen. Ein anderes liegt 25 Kilometer südwestlich vom Inselidyll: die Millionenmetropole Sendai. Dort ist vor Kurzem das erste Straßenfest des Sommers so von Menschen überlaufen gewesen, dass die Auftritte der meisten Tanzgruppen haben abgesagt werden müssen.

Der Erfolg dieser Festgeneralprobe hat den Rahmen gesprengt

Verantwortlich dafür ist Bürgermeisterin Emiko Okuyama. Sie hat für das Wochenende Vertreter der sechs beliebtesten uralten Matsuri in der Krisenregion nach Sendai eingeladen. Matsuri heißen die Feste, deren lebhaftesten Varianten im Sommer gefeiert werden. Und Okuyama wollte nun der Welt mit ihrem Megamatsuri zeigen, dass die Region noch lebt und eine Reise lohnt.

Der Erfolg dieser Festgeneralprobe hat den Rahmen gesprengt. Statt der erwarteten 50.000 drängen an dem Wochenende 133.000 Menschen zur Festparade. Die Tänzergruppen kommen nicht mehr durch. Der Verkehr in der Innenstadt bricht teilweise zusammen. Eine junge Frau mit einem tragbaren Ventilator in der einen Hand und ihrer fünfjährigen Tochter an der anderen sagt überrascht: "Das sind ja mehr als bei unserem Tanabata-Matsuri." Das Tanabata-Matsuri ist Sendais Festhöhepunkt des Jahres und startet am 5. August mit einem riesigen Feuerwerk. Eine alte Dame in einer Seitenstraße erklärt den Ansturm auf der Generalprobe: "Dieses Jahr ist besonders!" Viele Menschen in der Krisenregion hätten gezweifelt, ob sie jemals wieder ihre Feste feiern würden. Nun ertanzen und ertrommeln sie sich Lebenswillen und Hoffnung zurück.

Aus ganz Japan sind die Besucher gekommen, die einen zum Anfeuern, die anderen zur Selbstbestätigung. Die Stimmung ist dementsprechend gut, trotz Gedränge. "Habt ihr alle Bier?", rufen zwei Moderatoren auf einem Nebenplatz in die Menge. Ein Ja schallt zurück. Dann springt spontan ein Mann auf die Bühne und übergibt dem Duo eine Tüte Bonbons. "Aus Miyazaki", schreit er. Applaus. Miyazaki liegt 1100 Kilometer Luftlinie von Sendai entfernt. Schließlich verstärkt die Bürgermeisterin dann die Polizeikräfte. Endlich können alle Gruppen tanzen. Japan erobert sich ein weiteres Stück Normalität zurück.