Experten beraten bei Schreibblockaden, Massagen lockern verspannte Schultern: In Tübingen haben Studenten erstmals gemeinsam gegen „Aufschieberitis“ gekämpft.

Tübingen - Weitgehend leer bleibt in dieser Nacht nur der Ruheraum. Kein Student rollt auf der eigens dafür frei gehaltenen Fläche neben dem Treppenaufgang der Universitätsbibliothek seinen Schlafsack aus. Es wird tatsächlich viel gearbeitet in dieser Veranstaltung mit dem schönen Titel „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Matthias Beilein, einer der Initiatoren, zählt um 1.30 Uhr immerhin 253 Studierende. Die meisten von ihnen schauen konzentriert in ihre Laptops, einige unterhalten sich leise – und manche stehen Schlange vor einem Yogaangebot: Bis Mitternacht gibt’s Rückenmassagen, die eine Kommilitonin aus dem Bereich des Hochschulsports anbietet.

 

„Ein bisschen Ironie haben wir schon in den Titel des Abends gepackt, aber es geht immer auch ums Arbeiten“, verrät Beilein. Die Studenten haben verstanden. Auf einer Tafel zum Thema „Was will ich erreichen?“ verbreiten sie Wünsche wie: „Den Doktortitel für Weltweisheit“ oder – nicht ganz so realitätsfern? – „ich will eine Frau finden“. Es geht aber auch darum, das „Ö-Recht“ abzudecken oder eine Linguistische Hausarbeit zu beginnen.

„Das Thema Schreiben an sich aufwerten“

Gespräche über gelockerte Schreibblockaden oder über Hausarbeiten, die in dieser Nacht endlich begonnen werden, machen die Runde. Wichtig ist es, das Thema Schreiben an sich aufzuwerten, „ihm einen größeren Stellenwert zu geben“, sagt Beilein. Weil immer weniger geschrieben wird im Studentenleben, braucht es immer mehr Beratung. Während des Studiums werden oft nur Stichworte notiert, und plötzlich kommt die Abschlussarbeit. So beschreibt Beilein dieses Schreckensszenario vieler Examenskandidaten. Häufig werde gefragt „Genügt das, was ich schreibe, den wissenschaftlichen Kriterien?“ oder „Muss ich ein Thema ausweiten, oder eingrenzen?“

Müssen diese Fragen während einer Langen Nacht beantwortet werden? Im Prinzip natürlich nicht. Aber eine erste Einschätzung dieser Nachtarbeiten zeigt wohl, dass der spezielle Rahmen zielführend sein kann. Viele Fakultäten machen mit, von der evangelisch-theologischen bis zu den Wirtschaftswissenschaften. Dozenten sind da und können sich für Fragen Zeit nehmen, beispielsweise wenn nach einer Arbeit über das Kloster Schaffhausen gefragt wird. „Eine ganze Stunde konnte ich mit einem Dozenten reden“, merkt eine Studentin an. Bei den üblichen Sprechstunden in der Fakultäten bleiben oft nur zehn Minuten. Und dort sitzt den Kandidaten nicht ein Hochschullehrer gegenüber, sondern eine studentische Hilfskraft.

Die Experten haben gut zu tun

„Microsoft hilft dabei, Arbeit zu erledigen, Linux macht Arbeit.“ Leise Frotzeleien gibt es im Erdgeschoss zwischen den Experten dieser Computer-Glaubensrichtungen, die eines eint: sie studieren Informatik im fünften und sechsten Semester, und sie stellen ihr Wissen den Studenten in dieser Nacht zur Verfügung. Die Fragen sind simpel, doch für Ungeübte nicht einfach zu lösen. „Wie erstelle ich ein Inhaltsverzeichnis?“ oder „Wie platziere ich eine Fußnote?“ Die Experten haben gut zu tun.

Und die für diesmal rund um die Uhr geöffnete Unibibliothek ist gut gefüllt. 400 Studierende verteilen sich am frühen Abend über die Stockwerke. Als um 6 Uhr in der Früh alles vorbei ist, zählt Matthias Beilein noch 68. Es geht auch darum, das Schreibzentrum, das sich im Aufbau befindet, innerhalb der Tübinger Studentenschaft bekanntzumachen. Die Finanzierung ist für fünf Jahre gesichert vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. Der intern etwas belächelte Projektname lautet „Esit“ und steht für „Erfolgreiches Studieren in Tübingen“. Treffend ist der Titel durchaus, denn das Schreibzentrum möchte allen Angehörigen der Hochschule, also auch den Lehrenden, zur Seite stehen, damit sie die akademische Schreibkompetenz erreichen. Es gibt Workshops, Schreibtutoren werden ausgebildet, Materialien verteilt. Um den Stil geht es, mitunter um Inhalte, „ein Korrekturservice sind wir allerdings nicht“, sagt Matthias Beilein, der eine der beiden Stellen des Schreibzentrums innehat. „Im April bekommen wir auch zwei Räume“, sagt er über die Grundvoraussetzungen.

Nach dem offensichtlichen Erfolg der ersten Tübinger Nacht dieser Art geht Beilein davon aus, dass es in einem Jahr eine zweite geben wird. Sein ganz persönliches Fazit: „Wir sind erschöpft, aber sehr zufrieden.“ Von studentischer Seite wird unter der Rubrik „Wie weit bin ich gekommen?“ notiert: „1 Paper gelesen + 1 DIN-A4-Seite geschrieben“, „nicht eingeschlafen“ und eben auch: „Schon etwas verliebt