Tübinger OB Palmer legt im Streit um Bahn-Werbung nach

Von Willi Reiners 

Tübingens OB Boris Palmer hat eine Werbekampagne der Deutschen Bahn kritisiert und damit einen Shitstorm provoziert. Nun legt der Grünen-Politiker nach – mit einem Rundumschlag gegen linke und rechte Identitätspolitik.

Zeigt sich unnachgiebig: Tübingens OB Boris Palmer Foto: dpa
Zeigt sich unnachgiebig: Tübingens OB Boris Palmer Foto: dpa

Berlin/Tübingen - Für seine auf Facebook geäußerte Kritik an der Auswahl von sechs prominenten und nicht prominenten Werbeträgern durch die Deutsche Bahn hat Tübingens Stadtoberhaupt Boris Palmer heftige Beschimpfungen in dem sozialen Medium über sich ergehen lassen müssen. In vielen Beiträgen wurde sein Posting als „rassistisch“ bezeichnet. Palmer hatte am Dienstag geschrieben, es sei nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Bahn die Personen ausgewählt habe. Die Werbung zeigt unter anderen den aus Ghana stammenden TV-Koch Nelson Müller und die türkisch-stämmige Moderatorin Nazan Eckes sowie eine dunkelhäutige Frau mit Kind. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“, fragte er.

Der Tübinger OB legte am Mittwoch mit einem neuen Facebook-Beitrag nach. „Es ist nicht rassistisch, die Frage nach der Hautfarbe zu beachten, sondern ein geforderter Standard“, schreibt der Grünen-Politiker. Er stellt seinen Kritikern die Frage, wie sie wohl reagiert hätten, wenn die Deutsche Bahn auf ihrer Startseite im Internet fünf Bilder mit sechs Menschen zeigen würde, „die allesamt weiß und in der Mehrheit männlich wären“. Palmer ist überzeugt, dass es dann „ganz automatisch eine Diskussion über Rassismus und Machos bei der Bahn geben“ würde. Frei nach dem Motto: „Haben die alten weißen Männer im Vorstand der Bahn immer noch nicht begriffen, dass wir ein buntes Land sind, in dem Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund dazu gehören?“

Kritik an „linker Identitätspolitik“

Palmer kritisiert in dem Beitrag eine „linke Identitätspolitik“, die sich nach seinem Verständnis offenbar auch in der Werbekampagne zeigt. Er argumentiert: „Wenn zwei oder drei von sechs Personen ganz bewusst Menschen sind, deren Anblick einen Migrationshintergrund vermuten lässt, dann handelt es sich um Diversity. Wenn aber gar kein Mensch ohne Migrationshintergrund mehr vorkommt, sollte man zumindest mal in Ruhe darüber diskutieren, ob das angemessen und beabsichtigt ist.“ Die natürliche Reaktion sei eine „rechte Identitätspolitik“, die beispielsweise in den USA den Aufstieg Donald Trumps ermöglicht habe. „Wer Menschen aufgrund ihrer Identität diskriminiert oder benachteiligt, der verursacht Gegenwehr. Genau das ist das Phänomen des wütenden weißen Mannes“, schreibt Palmer.

Der Grünen-Politiker entschuldigte sich in einem weiteren Facebook-Posting bei Nelson Müller dafür, dass er ihn auf dem Werbebanner der Bahn zunächst nicht erkannt hatte. Zudem entschuldigte er sich dafür, „dass Sie den Eindruck gewonnen haben, ich würde mich daran stören, dass Sie für die Deutsche Bahn Werbung machen oder Ihnen gar absprechen, dass Sie zu unserem Land gehören so wie ich“. Das Gegenteil sei der Fall, so Palmer. „Ich fühle mich als Schwabe wie Sie und mache da keinen Unterschied bei Herkunft oder Hautfarbe.“ Müller ist in Filderstadt aufgewachsen und ließ sich in Stuttgart zum Koch ausbilden. Sein Essener Lokal „Schote“ erhielt 2011 einen Stern vom Guide Michelin.

TV-Koch Müller zeigt sich bestürzt

Müller hatte sich zuvor bestürzt gezeigt, „dass ein Mensch in so einer verantwortlichen Position diese Diskussion erneut auf so eine negative Art und Weise anfeuert“. Auf Instagram schrieb er, er sehe sich persönlich diskriminiert. Er habe nie das Gefühl gehabt, dass er etwas anderes sei als seine Freunde und Mitmenschen in seiner Heimat Deutschland. Er fühle sich als Schwabe. „Die Frage ist doch, wie die Menschen in den Augen von Herr Boris Palmer aussehen sollten. Die Antwort sollte er sich genau überlegen“, so Müller.

Die Deutsche Bahn hatte gelassen auf die Kritik aus dem Tübinger Rathaus reagiert. „Herr Palmer hat offenbar zum wiederholten Male Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft“, erklärte ein Sprecher am Dienstag.