Herr Yahyaoglu, warum ist Urlaub in der Türkei billig?
Ein Grund ist die Schwäche der türkischen Währung. Der zweite Grund ist, dass die Türkei sich vor Jahrzehnten zum internationalen Unternehmer-Paradies der billigen Arbeitskraft erklärt hat, um Investitionen anzulocken. Beim Putsch von 1980 wurden die Gewerkschaften verboten und die Arbeiterrechte suspendiert, um die Arbeitskraft der Türken billig zu verkaufen. Später wurden Gewerkschaften zwar wieder zugelassen, aber mit einem Gewerkschaftsgesetz geknebelt, das Gewerkschaftsarbeit bis heute fast unmöglich macht. Und wo es keine Gewerkschaften gibt, können die Arbeiter ihre Rechte und Löhne nicht durchsetzen.
Wie sind die Löhne im Tourismussektor?
Rund 60 Prozent der Beschäftigten arbeiten für den Mindestlohn oder kaum mehr, also den aktuellen Mindestlohn von monatlich 17 000 Lira (490 Euro). Und das auch nur während der Tourismus-Saison, also ein paar Monate im Jahr. In Antalya arbeiten 1,35 Millionen Menschen im Tourismus, sie kommen für die Saison aus allen Provinzen der Türkei, um ihr Brot zu verdienen, und kehren nach der Saison in ihre Heimatorte zurück.
Wie kommen sie damit über den Winter?
Sie kommen damit nicht über den Winter. Das Geld, das sie im Sommer verdienen, liegt unterhalb der Armutsgrenze. Davon kann man nichts zurücklegen. Deshalb kommen die Tourismus-Beschäftigten am Ende der Saison mit leeren Taschen in ihre Dörfer zurück. Dort leben sie auf Pump, reizen ihre Kreditkarten aus, bezahlen die Schulden von einer Karte mit der nächsten und hangeln sich so durch bis zum Beginn der neuen Saison – da nehmen sie wieder die Arbeit auf in den Strandhotels von Antalya, um die Schulden abzubezahlen. Das ist ein Teufelskreis.
Bekommen sie kein Arbeitslosengeld?
Ein Arbeiter muss in den letzten drei Jahren 600 Tage lang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, um Arbeitslosengeld bekommen zu können. Das wären fast sieben Monate im Jahr – aber so lange wird man im Tourismus nicht beschäftigt. Von Mai bis September, länger kann man in dem Sektor nicht arbeiten. Obendrein muss man 120 Tage beim letzten Arbeitgeber vollendet haben – das sind vier Monate, aber die durchschnittliche Beschäftigungszeit im Tourismussektor liegt bei 3,5 Monaten. Und schließlich entlassen viele Arbeitgeber ihre Beschäftigten nach der Saison nicht, sie stellen sie nur „frei“ bis zur nächsten Saison. Da werden sie nicht bezahlt, können aber auch nicht zum Arbeitsamt gehen, denn offiziell sind sie noch beschäftigt. Auf diese Weise kann ein Tourismus-Angestellter lebenslang in die Arbeitslosigkeitsversicherung einzahlen und bekommt doch niemals Arbeitslosengeld. Er steckt in der Falle.
Was unternehmen die Gewerkschaften dagegen?
Uns sind die Hände gebunden, denn wir erreichen den notwendigen Organisationsgrad nicht. Sobald ein Arbeiter der Gewerkschaft beitritt, wirft sein Arbeitgeber ihn raus. Die Arbeitgeber wollen keine Gewerkschaft, sie wollen billige Arbeiter. Wenn der Arbeiter vor Gericht geht, bekommt er recht, aber das nützt uns nichts, denn der Arbeitgeber zahlt ihm dann eine Entschädigung und ist ihn los - und die Gewerkschaft bleibt draußen. Im Tourismus haben wir einen Organisationsgrad von 3,5 Prozent, das ist der zweitniedrigste in der Türkei – nur im Bau ist es mit 2,6 Prozent noch schlimmer.
Was unternimmt das Tourismusministerium gegen diese Zustände?
Unser Tourismusminister ist selbst Hotelbesitzer und Tourismus-Unternehmer. Minister Mehmet Nuri Ersoy besitzt mehrere große Hotels in Antalya, eine Reiseagentur und eine Fluggesellschaft. Was soll ich da noch sagen?
Der Minister ist seit sechs Jahren im Amt, haben Sie einmal mit ihm gesprochen?
Wir haben es oft versucht, aber er lehnt immer ab. Wir haben auch schon versucht, in seinen Hotels gewerkschaftlich zu organisieren, aber unsere Mitglieder sind gefeuert worden.
Erholen sich europäische Urlauber auf dem Unglück der türkischen Tourismus-Beschäftigten?
Ja, natürlich. Dass sie billig Urlaub machen wollen, ist ihnen nicht zu verdenken. Aber so ist der Kapitalismus: Das ist Ausbeutung.
Früher selbst im Hotel gearbeitet
Gewerkschaftler
Mustafa Yahyaoglu wurde 1951 in Antakya geboren und begann nach Studium und Wehrdienst 1979 in einem Hotel in Istanbul zu arbeiten. 1984 wurde er dort zum Ortsvorsitzenden der Gewerkschaft gewählt, 1989 wechselte er nach Antalya. Seit 2011 ist er Chef der Gewerkschaft Dev-Turizm, die dem türkischen Dachverband Disk, der europäischen Gewerkschaftsföderation Effat und der internationalen Gewerkschaftsföderation IUF angehört.