Türkische Kunstszene Die Stadt ist bedrückt, aber nicht still

Von Ulrich von Schwerin 

Die türkische Kunstszene geht durch schwere Zeiten, aber viele Künstler wollen nicht aufgeben. Immer mehr deutsche Kulturinstitutionen gehen dennoch auf Distanz, sagen Gastspiele und Stipendien ab. Ist das wirklich das richtige Signal?

Blick vom Bosporus auf die Altstadt Istanbuls mit dem Galata-Turm Foto: Picture Alliance/Kunz
Blick vom Bosporus auf die Altstadt Istanbuls mit dem Galata-Turm Foto: Picture Alliance/Kunz

Istanbul - Kaum jemand schien überrascht, als sich Safak Catalbas um sechs Uhr morgens mit einem langen Schwanz über die Istanbuler Istiklal-Straße wand. Das Erwachen des Bandwurms hatte die junge Künstlerin ihre Performance genannt, in der sie den Geheimnissen und Mythen der sich ständig verändernden Weltstadt am Bosporus nachspürte. Während sich Catalbas langsam über die Prachtstraße bewegte, blieben einige belustigt stehen, andere warfen ihr nur einen schnellen Blick zu. Auch im Jahr 15 der Herrschaft des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und im Jahr zwei nach dem gescheiterten Militärputsch ist eine solche Performance in Istanbul keine Sensation.

Natürlich sei es gerade nicht einfach, in der Türkei Kunst zu machen, sagt die 37-Jährige einige Tage später in einem Café an der Istiklal-Straße. Niemand könne dieser Tage der Politik entkommen, jeder sei in seinem Alltag betroffen. Trotzdem habe sie nicht den Eindruck, dass die Kunstszene veröde, eher werde sie gerade spannender. Schwierige Umstände schärften die Sinne und seien ein Anreiz, eine neue künstlerische Sprache zu entwickeln, sagt Catalbas.

Viele Deutsche könnten sich nicht vorstellen, dass eine junge Frau wie Catalbas in Istanbul eine Performance mache, ohne einen Skandal auszulösen, sagt der Istanbuler Stadtforscher Orhan Esen, der seit Jahren die Entwicklung der Kunstszene verfolgt. Ihn ärgert das. „Die Situation auf der politischen Ebene wird eins zu eins auf die Kunstsphäre projiziert. Die eigenständigen Dynamiken werden verkannt“, sagt Esen und kritisiert „klischeehafte Rückschlüsse, die ans Absurde grenzen“.

Kunst wird unter schwierigen politischen Bedingungen nicht schlechter – im Gegenteil!

In Deutschland herrscht vielfach der Eindruck, dass unter der konservativ-autoritären Regierung Erdoğans unmöglich noch interessante Kunst produziert werden könne. Wo kritische Journalisten inhaftiert, unabhängige Akademiker entlassen und widerständige Intellektuelle vor Gericht gezerrt werden, könne es auch keine freie Kunst mehr geben, so die Vorstellung. Zwar leiden viele Künstler tatsächlich unter dem sich verengenden Klima, doch ist die Kunstszene längst nicht tot.

„Natürlich fühlen sich viele Künstler durch die politischen Entwicklungen bedrückt“, sagt Esen. „Doch wird Kunst nicht unbedingt schlechter unter politisch schwierigen Bedingungen.“ Die Konzentration in der Kunstszene habe auch eine positive Seite, da der Boom zuvor viele angezogen habe, die es schick gefunden hätten, Kunst zu machen, ohne aber groß etwas zu sagen zu haben, meint er. „Die nun geblieben sind, die sind auch wirklich überzeugt von ihrer Arbeit.“

Überzeugt von seiner Arbeit ist auch Erkan Özgen. Der kurdische Fotograf und Videokünstler lebt in der südostanatolischen Stadt Diyarbakir, die eines der Zentren des Kurden-Aufstands ist. „Künstler zu sein in Diyarbakir ist seit jeher schwierig“, sagt Özgen. „Kunst zu machen in einer Region, in der die Politik derart brutal ist, erscheint absurd.“ Zugleich könne Kunst aber auch „neue Energie geben“, weshalb es für ihn nicht infrage komme, aufzugeben oder das Land zu verlassen.