Udo Lindenberg zum 70. Geburtstag Hallöchen, ein Eierlikörchen

Udo Lindenberg 2015 bei der Enthüllung des Lindenberg-Denkmals in seiner Heimatstadt Gronau Foto: epd 6 Bilder
Udo Lindenberg 2015 bei der Enthüllung des Lindenberg-Denkmals in seiner Heimatstadt Gronau Foto: epd

Deutschlands Panikrocker Udo Lindenberg wird in zwei Wochen 70 Jahre alt. An diesem Freitag legt er ein neues Album vor, in einem Monat tritt er im Stuttgarter Stadion auf. Ein Geburtstagsgruß.

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Stuttgart - Bei näherem Nachgrübeln könnte man zu der Erkenntnis gelangen, dass es in der im weitesten Sinne gefassten deutschen Unterhaltungsindustrie nur noch drei richtige Originale gibt: Nina Hagen, Karl Lagerfeld und Udo Lindenberg. In ihren Schädeln glüht, wie der Schriftsteller Max Goldt einmal schrieb, „ein Gehirn der etwas anderen Art“. Max Goldt bezog sich zwar auf den Komponisten Karlheinz Stockhausen und dessen haarsträubende Äußerungen nach dem 11. September 2001, aber das mit dem Gehirn, das gilt auch für Udo Lindenberg.

Der hat nämlich nicht nur die Haare schön und nahezu stets einen lässigen Smoking oder launige Fantasieuniformen an. Manchmal trägt er auch einen Astronautenanzug, so zu besichtigen bei seinem vorletzten, außerordentlich gelungenen Auftritt in Stuttgart vor sieben Jahren in der ja auch schon recht üppig dimensionierten Porsche-Arena. Beim letzten Auftritt vor drei Jahren indes schwebte er in einem kleinen Zeppelin auf die Bühne ein, aber so viel nur am Rande zum Gehirn der etwas anderen Art.

Am 28. Mai kommt Lindenberg nach Stuttgart – ins Stadion

Diesmal hat er sich für sein Gastspiel eine nur ein paar Meter entfernte, aber geringfügig größere Hütte gewählt: das Fußballstadion. Das ist erfreulich, nicht nur, weil dort dann zur Abwechslung mal nicht ausschließlich Schonkost geboten wird, sondern der – nur im gastronomischen Sinne – Kostverächter Lindenberg die Tore öffnen lässt: Sashimi auf der Reeperbahn . Und weil’s halt nur wenige internationale und noch weniger deutsche Künstler gibt, die die Strahlkraft besitzen, eine solch riesige Freiluftarena zu füllen.

In gut zwei Wochen wird der am 17. Mai im westfälischen Gronau (das übrigens längst einen Platz nach ihm benannt und ihm ein Denkmal errichtet hat) als zweites von vier Kindern geborene Udo Gerhard Lindenberg siebzig Jahre alt; was natürlich für ihn, seine langjährige Lebensgefährtin - und Fotografin - Tine Acke sowie seine Buddies wie Jan Delay oder Benjamin von Stuckrad-Barre erfreulich ist, aber auch für seine vielen Anhänger.

Über die hinlänglich bekannten Gründe für das Fantum brauchen nicht viele Worte verloren zu werden. Sie reichen vom ungewöhnlichen Wohnsitz – seit zwanzig Jahren Dauergast im Hamburger Hotel Atlantic –, der „Tatort“-Titelmelodie über den „Sonderzug nach Pankow“, von „Daumen im Wind“ und „Alles klar auf der Andrea Doria“ (beides auch schon satte vierzig Jahre alt!) zu „Ich mach mein Ding“ bis hin zu gemachten Dingen aus der Rubrik „Überflüssiges Partywissen“, etwa jenem Umstand, dass der Nebenerwerbsmaler Udo Lindenberg („Ich bin ja nun mal der schnelle Stricher“, hat er unserer Zeitung anlässlich seines sechzigsten Geburtstags erzählt) einmal zwei Standardpacksets der Deutschen Post grafisch gestaltet hat.

Als Schlagzeuger erhielt Lindenberg 1960 seinen ersten Nachwuchspreis

Zu reden ist also eher vom zunächst vorzüglichen Jazzer Udo Lindenberg, der als Schlagzeuger 1960 seinen ersten Nachwuchsmusikerpreis einheimste, der mit Klaus Doldinger und Peter Herbolzheimer ebenso musizierte wie er die Grenzen in ganz andere Richtungen auslotete, mit Friedrich-Hollaender-Adaptionen ebenso wie mit den Musikern der amerikanischen Heavy-Metal-Band Dokken. Schon schön bunt.

Und daneben, das vor alledem, wäre da der Texter Lindenberg. „Ich mach mein Ding / Ganz egal was die anderen labern“: Vielleicht kondensiert in der Refrainzeile seines einstweilen letzten großen Hits die Lebenseinstellung. Schnoddrig heraus trompetet. Dahingenuschelt, dahinfabuliert und nölig wie seit Jahr und Tag, mit der gewohnt flapsigen und teils auch, nun ja, etwas anders glühenden Sprache, die alle an diesem deutschen Original schätzen, von der Spaßbremse Rio Reiser vielleicht abgesehen, der sich („Mein Gott, strengt der Mensch sich an, locker zu sein!“) über Lindenbergs allseits geschätztes Markenzeichen lustig machte.

Hallöchen und darauf ein Eierlikörchen, keine Panik auf der Titanic, jetzt mach’ dich mal locker, Erich – so redet der Herr mit dem lockeren Mundwerk vor sich hin, mal mit einem Anflug, der ein wenig herübergerettete Infantilität zeigt, mal mit ein paar Schlenkern, die ob der gelegentlichen Absurdität ein wenig Kopfschütteln zeitigen, was den guten Mann allerdings seit Dekaden nicht im Geringsten stört. Denn umgekehrt ist er, eben oder vielleicht gerade deshalb, ein sehr origineller Texter. Aufrichtigkeit einerseits, die man dem überzeugten Sozialdemokraten ohnehin attestieren darf, andererseits die aberwitzigsten Volten wie auch den bisweilen genialen Reim nicht scheuend. Irgendwo zwischen real und irreal: eben eine echte Marke.

Das neue Album bietet geradlinigen Mainstreamrock ebenso wie sanfte Pianoballaden

Und, nach allerlei Lebensfährnissen, fit offenbar obendrein. Dem „Spiegel“- Autor Thomas Hüetlin führte er seine Agilität jüngst spontan bei zwanzig Liegestützen vor – mit Zigarre im Mundwinkel, nicht beim Autor, sondern beim Liegestützenden.

Und nochmals obendrein hat der Keine-Panik-Professor mit seinem Panikorchester recht reduziert jetzt noch flugs ein ganz gut loslegendes, aber nach hinten heraus etwas dümpelndes Album eingespielt, das an diesem Freitag somit pünktlich zu den Jubiläumsfeierlichkeiten angerauscht kommt, Freunde des geradlinigen Mainstreamrocks ebenso wie Genießer der sanften Pianoballade ansprechend. „Konsequenz hat einen Namen, und der fängt mit ,U’ an“ singt Udo Lindenberg darauf gleich zu Beginn im Stück „Plan B“, selbstbewusst, aber gerechtfertigt. Das darauf folgende Stück namens „Einer muss den Job ja machen“ reflektiert seinen Status aber vielleicht am besten: „Nützt ja alles nichts, einer muss den Job halt machen, bitte keine halben Sachen“, singt er dort. Und „mal kurz im Stadion, die Show wird voll“, wird er dann auch noch singen. So soll es sein. Man sieht sich also – in vier Wochen.

Album: Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit. Warner

Termin: Udo Lindenberg tritt am 28. Mai im Stuttgarter Stadion auf




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