Über dem Neckar Wohnen mit Ludwigsburgs schönstem Ausblick

Hilde Klotz wohnt in einem außergewöhnlichen Straßenzug in Ludwigsburg-Poppenweiler. Von ihrer Terrasse überblickt sie die Zugwiesen und die Neckarsteillagen. Foto: Simon Granville

Der Stadtteil Poppenweiler in Ludwigsburg gilt als „ungeliebtes Kind“ und als „fernab vom Schuss“. Über dem Neckar zu wohnen hat allerdings auch seine Reize.

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Die Zugwiesen, findet Hilde Klotz, seien „gut gelungen“. Wenn es eine wissen muss, dann sie. Schließlich hat die 79-Jährige den Fortschritt des Ludwigsburger Naturschutzgebiets live mitverfolgt. Wie vor einigen Jahren die Bagger anrückten, wie monatelang gegraben wurde, das Gebiet dann renaturiert wurde und wie sich Büsche, Gräser, Bäume und Tiere den Raum direkt am Wasser zurückeroberten.

 

Irgendwann saß der ehemalige Baubürgermeister in dem metallenen Korb, der 18 Meter über dem Boden, am Ende eines Besucherstegs eigentlich für Störche gedacht war. Hilde Klotz winkte ihm zu, Hans Schmid winkte zurück. Diejenigen, für die der Korb gedacht war, wollten sich dort aber bisher nicht nisten. Einmal sei ein einsamer weiß-gefiederter Freund vorbei gekommen, habe ein einziges Stöckchen abgelegt – und sei dann wieder davon geflogen.

Mit Blick auf Fluss, Wiesen und Weinberge

Um all das zu sehen, musste Hilde Klotz nur aus dem Fenster schauen, wenn die Sonne scheinte – und ungünstig stand – auch mal die Rollläden hochfahren. Mehr nicht. Die rüstige Seniorin wohnt in der Straße, mit dem vermutlich schönsten Ausblick Ludwigsburgs. Zumindest hat Hilde Klotz noch keinen besseren kennengelernt. Ziemlich exklusiv ist die Aussicht in jedem Fall. Gerade einmal acht Häuser stehen an dem steilen Abhang, von dem aus sich der Blick öffnet: über den Neckar, der an der Stelle eine Schleife macht, die Felder, Wiesen und Wälder auf der gegenüberliegenden Seite und die Steillagen ein Stück weiter flussabwärts. Der Name der Straße ist Programm: Weil die Häuser über einem ehemaligen Weinberg direkt auf den Felsen gebaut sind, heißt sie „Auf den Felsen“.

Unten auf dem Fluss begegnen sich zwei Hobbysportler auf Stand-up-Paddleboards, auch ein Kanu ist unterwegs. Im Sommer kommen große Kreuzfahrtschiffe, mit denen man bis an die Ostsee fahren kann, vorbei. Hilde Klotz gefällt aber besonders, wie viel Leben inzwischen in den Zugwiesen eingekehrt ist. „Ein kleines Allgäu“, sagt sie und zeigt auf die Kühe, die hinter dem Naturschutzgebiet auf einer Wiese stehen. Biber gibt es in den Zugwiesen inzwischen, ein Schwanenpaar brütet auf einem Stein, eine Uhu-Familie ist auch heimisch in der Gegend.

Selbst den Lärm der Landstraße vergisst man schnell

Hilde Klotz überlegt noch einmal: irgendwo am Meer, das seien natürlich auch ganz schöne Aussichten. Bei ihren Nachbarn komme man noch ein Stück weiter nach oben und bekomme ein bisschen mehr von der Innenstadt zu sehen, aber man sei nicht so geborgen. Klotz steht auf dem schmalen Weg, der sich an der Abbruchkante entlangzieht und ihre beiden Wintergärten verbindet, unter ihr nichts als Grün, dann der Neckar. Je nach Jahreszeit ändert sich die Farbe. Klotz kommt ins Schwärmen, wenn sie davon erzählt. Schön sei es immer – und die Aussicht lasse einen „die Sünde Neckartalstraße fast vergessen“. Die Landstraße auf der Autos, Motorräder und Laster in Richtung Remseck und weiter ins Remstal donnern, ist unüberhörbar. Nach einigen Minuten blendet man die Geräusche aber aus. Die Fenster in Klotz’ Wohnung sind dreifach verglast. Lärm sei so kein Problem.

Oben, auf der etwas größeren Terrasse deutet die 79-Jährige in Richtung Stuttgart. In der Ferne zeichnet sich, spitz wie eine Nadel, der Fernsehturm schwach gegen den Horizont ab. „Die Württembergia sieht man eigentlich auch“, sagt sie. Hier oben, „da wird man richtig geerdet“, sagt Klotz. Auch wenn das Bild ein bisschen schief ist, es passt. Irgendwie. Es ist Hilde Klotz anzumerken, dass das ihr Wohlfühlort ist, der ihr Kraft gibt. Schön findet sie ihr Zuhause immer noch – auch nach 30 Jahren.

Wie kommt man zu so einem Grundstück?

Privilegiert fühle sie sich ob der Wohnlage und der damit verbundenen Aussicht nicht, „das war einfach Schicksal“, sagt Klotz. Und viel Arbeit und Zufall. Das Gemälde, das letztlich dafür sorgte, dass Hilde Klotz zu ihrem kleinen Idyll kam, hängt immer noch über ihrem Tisch im Wohnzimmer. Es zeigt ein Gewässer, allerdings nicht den Neckar, sondern den See am Monrepos. Gemalt hat es der vormalige Besitzer des Grundstücks auf dem Felsen. Schon bei ihrem ersten Besuch bei ihm war Hilde Klotz fasziniert von der wunderschönen Lage, „der Blitz hat mich getroffen“, sagt sie. Jahre später stand das Haus dann zum Kauf. Das erfuhren Hilde Klotz und ihr Mann Siegfried eher zufällig. Ihr damaliges Zuhause war dem Ehepaar – die Kinder waren inzwischen erwachsen – eigentlich zu groß geworden, richtig umziehen wollte aber nur Hilde, Siegfried wollte eigentlich nicht. Aber die Gattin blieb hartnäckig, bohrte weiter – und irgendwann gab er nach.

Auf dem schmalen Grundstück – drei der insgesamt elf Ar durften bebaut werden, der Rest ist Naturschutzgebiet – aus einem winzigen Haus mit 50 Quadratmeter ein richtiges zu machen, das war alles andere als leicht. „Wenn mein Mann nicht Architekt gewesen wäre, dann wäre es nicht gegangen.“ So aber, und mit jeder Menge Hilfe der Familie, ging es doch. Siegfried Klotz ist vor achteinhalben Jahren nach schwerer Krankheit gestorben, Hilde Klotz wohnt immer noch auf dem Felsen – und will auch nicht mehr weg. „Ein Angebot hat mir jedenfalls noch niemand gemacht“, sagt sie. Es wäre ohnehin vergebens.

Die Menschen in Poppenweiler sind „ein bissle rauer“

In Poppenweiler ist die gebürtige Freibergerin inzwischen mehr als heimisch. Um den Ludwigsburger Teilort, der am weitesten weg vom Zentrum liegt und sich beinahe an die Landschaft am Hang über dem Neckar schmiegt, hat sie sich so verdient gemacht, dass sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. „Die Poppenweiler sind ein bissle rauer“, sagt Klotz. Das meint sie überhaupt nicht despektierlich, eher liebevoll. „Wenn früher einer aus einem anderen Stadtteil kam und ein Mädel aus Poppenweiler weggeheiratet hat, der musste erst mal leiden.“ Auch die dörfliche Struktur des Teilorts, der 1975 zu Ludwigsburg kam, ist noch deutlich erkennbar. Das sei ihr eigentlich „ganz recht so“. Schöne Ecken gebe es in Poppenweiler schon einige. „Draußen bei den Aussiedlern“ in Richtung Lemberg etwa, oder die letzte Häuserzeile der Jahnstraße. Am schönsten sei es aber doch auf ihrem Felsen, sagt Hilde Klotz.

Wohnen in der Region Stuttgart

Die Serie
 Künstlerkolonie, Bungalow-Quartier oder Altstadtgasse – Menschen leben in gewachsenen Siedlungen, besonderen Stadtteilen oder attraktiven Panorama-Wohnlagen. Für eine kleine Serie sehen wir uns an bemerkenswerten Orten in der Region Stuttgart um und stellen sie vor.

Poppenweiler
 Der Stadtteil mit 4600 Einwohnern ist deutlich älter als die Kernstadt, in diesem Jahr feiert der Ort sein 900-jähriges Jubiläum. Im 30-Jährigen Krieg wurden große Teile des Dorfs zerstört. Bekannt ist Poppenweiler auch für sein Ochsenfest, das der Musikverein alle zwei Jahre ausrichtet – vom 22. bis 25. Juli wieder.

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