Stuttgart - Montags Klavierunterricht, mittwochs Turnen, donnerstags Schwimmkurs und dazwischen noch Hausaufgaben und für die nächste Klassenarbeit lernen. Viele Kinder haben heute schon in jungen Jahren einen prall gefüllten Terminkalender.
Freiheit statt Leistungsdruck
Freizeitstress ist bei Kindern hierzulande ein weitverbreitetes Phänomen. Das liegt vor allem an unserer Leistungsgesellschaft. So beginnen Eltern schon in der frühen Kindheit damit, die Freizeit von Sohn oder Tochter zu verplanen: Pekip, Babyschwimmen, musikalische Früherziehung und dann am besten in die bilinguale Kita zum Englischlernen. Erziehungsexperten warnen aber davor, das Kind mit einem übervollen Terminkalender zu überfrachten. „Es ist schwer zu sagen, ob zwei oder drei Hobbys genug sind. Manche Kinder brauchen auch viele Hobbys, sonst fehlt ihnen was“, sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). „Aber wenn ein Sechstklässler Leistungssport macht, ein Instrument spielt und dann auch noch Japanisch lernt, wird es irgendwann zu viel.“ Die Zahl der Hobbys, so Ritzer-Sachs, müsse sich auch nach der Schulform richten. „Ein Kind an einer Ganztagsschule kann nicht noch nebenher drei Hobbys ausüben“, meint der Erziehungsexperte. „Aber es gibt ja an vielen Schulen inzwischen auch Kooperationen mit Vereinen, so dass die Kinder auch im Ganztag verschiedene Angebote nutzen können.“ Auf jeden Fall, so Ritzer-Sachs, sollten Eltern sicherstellen, dass es ihrem Kind mit seinen Hobbys gut geht und es noch genügend Zeit für andere Dinge hat. „Kinder müssen auch mal unorganisiert Sachen machen. Unbeschwert, ohne dass die Eltern sich einmischen“, betont der Erziehungsberater. „Kinder sollten Zeit haben, um sich mit Freunden zu treffen, einfach mal nichts zu tun oder ein Buch zu lesen. Das ist wichtig für ihre Entwicklung.“
Falscher Elternehrgeiz
Viele Eltern zwängen ihren Kindern unbewusst ihre eigenen unerfüllten Ziele auf: Die Tochter soll noch besser Geige spielen als Mama, der Sohn mehr Erfolg im Fußball haben als Papa. Doch mit dieser Erwartungshaltung üben die Eltern Druck auf ihre Kinder aus. Dabei stehen gerade Schulkinder ohnehin schon häufig unter Druck. Kommt dann nach der Schule am Nachmittag noch ein unliebsames Hobby dazu, ist die Belastungsgrenze eines Kindes schnell erreicht. „Die Eltern sind natürlich Vorbilder, entsprechend suchen sich Kinder oft dasselbe Hobby aus“, so Ritzer-Sachs. „Wichtig ist aber zu schauen, ob das Kind dieses Hobby auch wirklich ausüben möchte.“
Hat ein Kind keine Lust mehr, sollten Eltern den Grund dafür herausfinden. „Dann stellt sich die Frage, ob es eine vorübergehende Phase ist, beispielsweise weil das Kind gerade ein schwieriges Stück auf dem Instrument spielt oder ein Fußballspiel verloren hat“, so Ritzer-Sachs. In diesem Fall schlägt der Erziehungsberater vor, das Kind zum Beispiel noch bis zu den nächsten Ferien weitermachen und dann entscheiden zu lassen, ob es sein Hobby fortführt oder nicht.
Fördern statt überfordern
Natürlich ist es nicht verkehrt, sein Kind in verschiedenen Bereichen zu fördern. Aber dabei ist das richtige Maß entscheidend. Deshalb sollten Eltern gemeinsam mit ihrem Kind klären, wie viele Hobbys sinnvoll sind. Wichtig ist auch, dass ein Hobby einen Ausgleich zum stressigen Schulalltag schafft. Denn wenn im Sport oder beim Klavierunterricht Konzentration und Disziplin gefragt sind, kommt die Erholung oft zu kurz. Und: Ein Kind darf sich ruhig auch mal langweilen. Denn das gibt ihm den nötigen Raum, um eigene Bedürfnisse zu erkennen, Kreativität und Fantasie auszuleben und eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
Wichtig ist, Kinder nicht zu überfordern und ihnen genügend Liebe und Freiraum zu schenken. Denn je mehr ein Kind fühlt, dass es bedingungslos geliebt wird, desto besser kommt es damit klar, wenn es beim Turnier mal nicht auf dem Siegertreppchen steht.