Zhangjiakou - Peter Schlickenrieder stand schon eine Weile in der Mixed Zone der Langlaufarena in Zhangjiakou. Fünf, sechs Minuten hatte der Bundestrainer, bei dem auf jeder Wange ein schwarz-rot-goldenes Pflaster klebte, ohne Punkt und Komma geredet. Über die grandiose Leistung seiner Frauenstaffel, die Silber geholt hatte („Ein Krimi!“), über die Spannung am Ende („Auf der letzten Rille“), über die Taktik („Perfekte Renneinteilung“). Dann, auf einmal, wurde Schlickenrieder ruhig. Ihm versagte die Stimme, er schluchzte, drückte ein paar Tränen weg. Und erzählte, als er sich wieder gefangen hatte, was wirklich hinter diesem Erfolg steckt.
Die Stimme weg, die Tränen fließen
Vor einem Jahr, bei der Heim-WM in Oberstdorf, hatten der Chefcoach und sein Team ein paar ganz bittere Momente erlebt. In den meisten Rennen lief es noch schlechter als befürchtet. Vieles wurde in Frage gestellt, auch der Anspruch von Schlickenrieder, der 2018 angetreten war, um innerhalb der nächsten vier Jahre bei einem Großereignis eine Medaille zu gewinnen. Und just in dem Moment, als dieses Ziel utopisch erschien, erhielt der Bundestrainer von einem Freund ein Bild zugeschickt – eine Art Gleichnis. Darauf zu sehen waren ein Pandabär und ein kleiner Drache, der fragt: „Was ist wichtiger: das Ziel oder der Weg?“ Woraufhin der Pandabär antwortet: „Die Weggefährten.“
Es ist eine Parabel, die Schlickenrieder nie wieder vergessen wird. Weil sie sinnbildlich dafür steht, was er (vor)lebt: Teamgeist, Zusammenhalt, Gruppendynamik. Dazu die Verbindung aus harter Arbeit und Spaß, aber eben mit Leuten, die zusammenpassen. „Die vier Läuferinnen haben in der Staffel alles gezeigt, was sie können. Das war eine Sensation“, sagte Schlickenrieder, „zugleich haben sie ein riesiges Ausrufezeichen für ein großes Team gesetzt, ohne das dies nicht möglich gewesen wäre.“ Dementsprechend fiel die Begeisterung aus.
Eine Sensation, ein Ausrufezeichen
Wo auch immer im Zielbereich gejubelt wurde, waren Katherine Sauerbrey (24), Katharina Hennig (25), Victoria Carl (26) und Sofie Krehl (26) nicht weit entfernt. Jeder und jede aus dem Team D wollte ein Erinnerungsfoto, diesen außergewöhnlichen Augenblick festhalten. Und sie fragen, wie sie das hinbekommen hatten. Die Antworten? Klangen ähnlich. „Es ist total krass! Was für ein geiles Rennen von uns allen“, meinte Sauerbrey. Und Hennig sagte: „Wir haben abgeliefert. Ich bin einfach stolz, dass wir es gerockt haben.“ Und das von Beginn an.
Sauerbrey war bei ihrem ersten Großereignis die Startläuferin, meisterte die fünf Kilometer im klassischen Stil herausragend, übergab als Zweite hinter Russland. Hennig (ebenfalls klassisch) zeigte eine Weltklassevorstellung, überholte Natalia Neprjajewa. Carl verteidigte die Führung und gab Krehl („Ich hatte Todesangst“) eine undankbare Aufgabe mit auf den Weg. Sogar Gold schien möglich, aber auch der Sturz vom Podest, denn hinten begann die Jagd der 20 Sekunden zurückliegenden skandinavischen Meute. Krehl kämpfte wie wohl noch nie in ihrem Leben. Die Russin Weronika Stepanowa musste sie zwar ziehen lassen, hielt aber der Schlussattacke der schwedischen Sprint-Olympiasiegerin Jonna Sundling stand. Danach sank sie im Ziel zusammen, lag minutenlang auf dem Boden und hatte große Probleme, wieder auf die Beine zu kommen.
Sogar Gold war in Reichweite
„Ich habe rausgehauen, was ging“, sagte Krehl, „ich wollte einfach nur die Medaille sichern, die noch nie vorher greifbar war.“ Und nach der sich jeder fragte: Was kommt jetzt? Schlickenrieder attestierte seinen Läuferinnen „eine gewaltige Lernkurve“. Und auch im Umfeld habe sich nach der enttäuschenden Heim-WM einiges verändert. „Wir haben viele Energiefresser konsequent eliminiert, auch wenn es weh getan hat. Umso mehr Spaß macht es, jetzt zu sehen, wie die Leute gerne zusammenarbeiten, man offen und kritisch miteinander umgehen kann, ohne dass jemand persönlich beleidigt ist. Das war vorher nicht so“, sagte Schlickenrieder. Und: „Es ist schön, wenn etwas zu fliegen beginnt. Aber ich glaube, dass wir noch sehr viel leistungsfähiger sein können.“
Das liegt daran, dass die Silberathletinnen ihr bestes Langlaufalter noch gar nicht erreicht haben. Und zugleich ist die Weltspitze enger zusammengerückt, denn auch bei den arrivierten Nationen läuft nicht immer alles rund. Die Finninnen hatten sich bei der Aufstellung verzockt, bei den Norwegerinnen kommt derzeit hinter Therese Johaug nicht viel, zudem scheint das gesamte Team unter der Höhenlage der Strecke in Zhangjiakou (1700 Meter) zu leiden. Und auch die vor den Spielen im Trainer- und Betreuerstab ausgebrochenen Corona-Infektionen gingen an den Stars der Szene nicht spurlos vorbei. „Bei uns war es jahrelang so, dass einzelne Nationen vorneweggestiefelt sind, teilweise mit fünf Minuten Vorsprung“, erklärte Victoria Carl, „jetzt ist es wieder spannend, das tut unserer Sportart gut, macht sie attraktiv.“ Woran auch das deutsche Quartett seinen Anteil habe: „Wir haben hier allen bewiesen, was wir können.“