Übersteiger – die Bundesliga-Kolumne DJ Bavaria in der Umkleidekabine
Da ist Musik drin: Unser Kolumnist über die zu Unrecht unterschätzte Rolle des Kabinen-DJs und welche Musik auf der Spotify-Playlist eines ehemaligen VfB-Teamchefs läuft.
Da ist Musik drin: Unser Kolumnist über die zu Unrecht unterschätzte Rolle des Kabinen-DJs und welche Musik auf der Spotify-Playlist eines ehemaligen VfB-Teamchefs läuft.
Stuttgart - Seit Freitagabend rätselt die Wissenschaft: Wie kann es sein, dass der FC Bayern München zum zweiten Mal innerhalb von dreieinhalb Monaten ein Spiel verloren hat? Lag es wirklich nur an den nerven- und spielstarken Gladbachern, die sich bis zum Schluss weigerten, einen Abschlag lang auszuführen, und sich stattdessen zwischen Kamikaze und Können nach vorne kombinierten?
Natürlich liegen die Ursachen wie immer tiefer. Alphonso Davies, der Linksverteidiger des FC Bayern, ist in seiner Rolle als Kabinen-DJ derzeit völlig außer Form. Der kanadische Nationalspieler hat im bayerischen Star-Ensemble Jerome Boateng als musikalischen Direktor der Umkleidekabine abgelöst. Dass das einerseits gut, die Rolle des Kabinen-DJs andererseits immer noch zu Unrecht unterschätzt ist, hat sich bei der WM 2018 in Russland gezeigt. Damals hatte in der deutschen Nationalmannschaft eben dieser Boateng das Amt inne. Wohin seine Playlists das Team geführt haben, ist bekannt.
Welche Rolle Musik in der Kabine spielen kann, erklärte Thomas Tuchel wenige Wochen, bevor er bei Paris St. Germain als Trainer entlassen wurde: „Die Atmosphäre in der Umkleidekabine vor dem Match war etwas zu ruhig. Normalerweise läuft viel Musik auf höchster Stufe. Es war sehr still dort – zu still“, sagte Tuchel nach der Niederlage gegen Manchester United in der Champions League im Oktober.
Meist funktioniert in der Kabine das, was seit einigen Jahren auch die Charts dominiert: Hip-Hop und Kompositionen, die im letzten Trainingslager auf Mallorca am Ballermann liefen. Der lesenswerte Blog „Textilvergehen“ hat zum Beispiel knallhart aufgedeckt, dass Union Berlins Kabinen-DJ, Verteidiger Christopher Lenz, im schlimmsten Fall das Stück „Ich verkaufe meinen Körper“ von Interpret Peter Wackel auflegt (Refrain: „Ich verkaufe meinen Körper / Ganz, ganz billig, ganz, ganz billig“), wenn es der Anlass verlangt. Laut Union-Berlin-Blog komme es bei der Kabinenmusik nicht darauf an, den besten Musikgeschmack zu zeigen, sondern darum, eine Stimmung zu erzeugen.
Marco Reus, vor seinem Wechsel zu Borussia Dortmund vor fast zehn Jahren Kabinen-DJ in Diensten von Borussia Mönchengladbach, erklärte sein Geheimrezept in einem Interview: „Meistens mache ich schon morgens Musik, wenn die anderen verschlafen in der Kabine sitzen.“ Reus verriet seinerzeit auch, welchen Einfluss der Trainer auf die Musikauswahl der Spieler hat: keinen. Über seinen damaligen Coach sagte Reus: „Er kommt in die Kabine und lacht, wenn wir tanzen oder laut mitsingen. Er geht dann einfach schnurstracks durch und lacht sich eins.“ Der sportlich Verantwortliche hieß zu der Zeit übrigens Lucien Favre.
Dass auch in einem Trainer die Sehnsucht wohnen kann, als DJ auffällig zu werden, zeigt das Beispiel Markus Babbel. Babbel, ehemals Teamchef beim VfB Stuttgart und zuletzt Cheftrainer bei Western Sydney Wanderers, reüssiert bei Spotify als DJ Bavaria. Bei dem Streaming- Anbieter serviert Babbel seinen 38 Followern die öffentlichen Playlists „Laufen mit Power“ und „Music Friday“. Letzteres DJ-Set umfasst unter anderem Stücke von Motörhead, Vicky Leandros und Faithless („God is a DJ“).
Profifußballer sollten sich in ihrer Karriere nicht allein auf ihre Stärke als Generalmusikdirektor der Kabine konzentrieren. Als sich der Brasilianer Rafinha 2019 vom FC Bayern verabschiedete, stellte ihm sein Chef Karl-Heinz Rummenigge ein Top-Zeugnis aus: „Er war mit Abstand der beste Kabinen-DJ, den wir je beim FC Bayern hatten.“ Dank ihm sei immer „Musik drin“ gewesen. Klingt nach einem vergifteten Lob im Arbeitszeugnis: „Er hat mit seiner geselligen Art zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen.“