Überwachungskameras und Funklöcher Der Stuttgart-“Tatort“ im Faktencheck

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Der Stuttgart-“Tatort“ „Du allein“ am Sonntag konnte inhaltlich überzeugen. Aber hält er auch dem Realitätscheck stand? Gibt es wirklich tote Kamerawinkel an der Haltestelle Feuersee? Wir haben uns ein paar Details angeschaut, die andere vielleicht übersehen haben.

Eine Filmszene in einer Stuttgarter S-Bahn. So leicht wie dargestellt ist das mit dem Telefonieren auf manchen Strecken im Bahnnetz leider nicht. Foto: SWR/Benoît Linder 10 Bilder
Eine Filmszene in einer Stuttgarter S-Bahn. So leicht wie dargestellt ist das mit dem Telefonieren auf manchen Strecken im Bahnnetz leider nicht. Foto: SWR/Benoît Linder

Stuttgart - Selten ist ein Stuttgart-“Tatortvom Publikum so positiv aufgefasst worden wie „Du allein“, der am Sonntagabend im Ersten zu sehen war. Das Ermittlerduo Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) lockte über 10 Millionen Zuschauer aufs Sofa – diese Marke knackt regelmäßig nur der Münster-“Tatort“. Der mit Twists, aber dennoch schnörkellos erzählte Kriminalfall kam ohne tiefschürfende Ermittler-Psychogramme aus, klapperte dafür aber besonders signifikante Schauplätze in Stuttgart ab. Neben Weinberg-Panoramen und spektakulären Luftaufnahmen des Schlossplatzes gab es aber auch Szenen, bei denen echte Stuttgarter vielleicht ein Auge zudrücken mussten.

Im ersten Drittel des Krimis fährt eine S-Bahn aus dem Hauptbahnhof raus in Richtung Bad Cannstatt. Und Ermittler Lannert sendet und empfängt Kurznachrichten mit der größten Selbstverständlichkeit. Wer die Strecke kennt, weiß: Hier gibt es ein Funkloch. Das weiß auch die Bahn. „Diesbezüglich ist zu berücksichtigen, dass die S-Bahn zwischen Stuttgart Hauptbahnhof und Stuttgart-Bad Cannstatt sowohl die zahlreichen Überwerfungsbauwerke im Gleisvorfeld unterfährt als auch den Rosensteintunnel durchfährt“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn (DB). Außerdem seien die Mobilfunkunternehmen mitverantwortlich.

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Eine andere Szene, bei der sich die Drehbuchautoren ein wenig künstlerische Freiheit herausgenommen haben, spielt sich unterhalb der vielleicht windigsten Rolltreppe der Stadt am Gleis der S-Bahn-Haltestelle Feuersee ab. Hier erhält Felix Klare die anonyme Anweisung, sich umzuziehen – und begrüßt den vermeintlichen Umstand, dass er das im toten Winkel tun kann, vor den Blicken der Überwachungskameras hinter Säulen verborgen.

Eine Bahn-App, die es nicht mehr gibt

Zur konkreten Situation an dieser Haltestelle will sich die Bahn nicht äußern. „Im Bereich der S-Bahn Stuttgart sind alle 157 S-Bahn-Fahrzeuge sowie alle 83 S-Bahn-Stationen mit Videokameras ausgestattet“, sagt der Bahn-Sprecher. Die Daten dürften aber nur von der Bundespolizei für polizeiliche Ermittlungen eingesehen werden. Im Bereich der Verkehrsstationen seien die Kameras vorrangig auf die Bereiche der Bahnsteigkanten ausgerichtet. Ob das mit den Säulen geklappt hätte, bleibt also unklar.

An anderer Stelle nutzen die Kommissare eine App, die es ihnen ermöglicht, den aktuellen Standort einer Bahn in Stuttgart auszumachen. Auch ohne Mordfälle zu ermitteln eine praktische Sache für alle, die gelegentlich etwas ratlos am Gleis warten, während die Anzeigetafeln verrückt spielen. Aber existiert so eine App in der echten Welt?

Das hat sie – sie wurde aber offenbar nicht so gut angenommen. „Die S-Bahn Stuttgart hat eine Zeit lang ein sogenanntes S-Bahn-Navi als App angeboten“, sagt der Sprecher der Bahn. Dort konnte die Position einer S-Bahn im Netz erkannt und verfolgt werden. Durch die zwischenzeitlichen Echtzeitdaten in den elektronischen Fahrplanmedien sei der Service aber nicht mehr ausreichend nachgefragt gewesen. „In der Weiterentwicklung bestehender Apps gibt es aber Überlegungen für neue Umsetzungen“, so der Sprecher. Der im Film gezeigte Screenshot einer App sei kein Angebot der DB gewesen.

Im Netz gefeierter Soundtrack

Abseits dieser kleinen Ungereimtheiten bot „Du allein“ auch einige Anspielungen, die der eine oder andere Second-Screen-Fernsehgucker vielleicht in einem unachtsamen Moment verpasst hat. Wen die eine oder andere Melodie an Titel aus Quentin Tarantinos Meisterwerk „Kill Bill“ erinnert hat, dann ist das vielleicht kein Zufall; so empfanden auch einige Twitter-Nutzer, die den Soundtrack lobend hervorhoben. Das eingängige Stück zu Anfang des „Tatort“ heißt „Sunrise“ und ist von Isobel Campbell und Mark Lanegan.

Und wer ist eigentlich die betrogene Ehefrau des Mannes, der aufgrund unterlassener Hilfeleistung im Automatenbereich einer Bankfiliale verstirbt? Wem die blonde Frau bekannt vorkam, vielleicht von hier: Die Darstellerin heißt Maja Beckmann und spielte die Figur Sabine in der TV-Serie „Stromberg“ an der Seite von Christoph Maria Herbst.

Online-Traueranzeige gibt es wirklich

Mit etwas Befremden könnte so mancher Zuschauer auch die Online-Traueranzeige des toten Schreinermeisters aufgefasst haben, inklusive digitaler Kerzen. Diese Traueranzeigen gibt es wirklich. Viele Verlage, auch unserer, nutzen sie, um Anteilnahme zu ermöglichen. Auch dann, wenn andere Wege durch räumliche Gegebenheiten oder die Corona-Pandemie verwehrt sind.

Und abschließend noch ein besonders scharfsinniger Tweet, dessen Verfasser wir eine bemerkenswerte Assoziationsgabe attestieren, wobei wir den Ausblick mit „Schwäbische“ präzisiert hätten. Treffender beschreiben kann man die „Tatort“-Szene beziehungsweise die auch als Fressgasse bekannte Schulstraße wohl kaum:

Wer den „Tatort“ aus Stuttgart selbst noch mal auf Details hin abklopfen will, kann das hier in der ARD-Mediathek tun.




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