Ukraine-Krieg Warum die Finnen die Ruhe behalten

Finnlands Außenministerin Elina Valtonen versucht, ihr Volk zu beruhigen. Foto: dpa/Jussi Nukari

Nachdem russische Soldaten Bojen aus einem Grenzfluss zu Estland entfernt haben, zeigt sich das Baltikum alarmbereit. Finnland indes gibt sich gelassen.

Meelis Oidsalu gab sich am Freitag im Morgenmagazin „Terevisioon“ im estnischen Fernsehen entspannt. „Die russischen Machthaber sind es gewohnt zu stehlen“, kommentierte er den Vorfall vom Donnerstag: Russische Uniformierte hatten auf dem Fluss Narva estnische Grenzbojen entfernt. Eine von „vielen russischen Provokationen“, glaubt der Verteidigungsexperte. Hintergrund für diese merkwürdige Aktion ist die russische Ankündigung, die Ostseegrenzen bei Finnland und Litauen verändern zu wollen. Diese Verlautbarung wurde dann jedoch wieder von der Webseite der Regierung in Moskau gelöscht.

 

Estland und Polen sichern die Grenzen

„Wir gehen den Fall nüchtern und ausgewogen an und kommunizieren bei Bedarf mit Verbündeten. Wir sehen ein klassisches Muster, bei dem Russland versucht, mit seinem Vorgehen Angst zu säen“, erklärte Estlands Premierministerin Kaja Kallas. Litauens Außenministerium sprach weit deutlicher von „eskalierender Provokation“ und erhob schwere Anschuldigungen gegen den Kreml. Doch die Staaten, die die Nato-Ostflanke bilden, sind offenbar auf eine militärische Eskalation vorbereitet. Die drei baltischen Länder haben im Januar den Bau von Bunkern an den Grenzen zu Russland und Belarus beschlossen. Rund 600 Bunker-Anlagen wird allein Estland erstellen, der Feind soll schon direkt an der Grenze gestoppt werden. Polen hat in dieser Woche entschieden, für Festungsanlagen und Technologien an der Grenze mindestens umgerechnet 2,3 Milliarden Euro aufzuwenden.

Die Ostflanke der Nato Foto: Björn Locke

Finnland fährt derweil ein etwas anderes Konzept. Auf die Ankündigung der Grenzveränderung reagierte man in Helsinki betont gelassen, „unter keinen Umständen“ sei dies eine Provokation, sagte Außenministerin Elina Valtonen. Finnlands Staatspräsident Alexander Stubb verteidigte die ausweichende Art der Ministerin: Es sei besser, „die Situation zu beruhigen, als zu schnell zu reagieren. Das ist die finnische Art, die Dinge zu regeln.“ Dabei hat die seltsame Ankündigung des Kremls sehr wohl Ängste in dem Land ausgelöst – schließlich sind die zwei sowjetischen Invasionen während des Zweiten Weltkriegs noch immer im kollektiven Gedächtnis der Republik. Zudem war das Land bis zum Zusammenbruch des Ostblocks wirtschaftlich an Moskau gebunden und erzwungenermaßen bündnisfrei. Finnland, seit April 2023 Nato-Mitglied, hat daher eine eher weiche Linie im Umgang mit dem Nachbarn etabliert und bewahrt.

Dies gilt im gewissen Sinn auch für die Verteidigung der 1340 Kilometer langen Staatsgrenze im Osten zu Russland. „Finnland wird den Feind erst einmal ins Land lassen und dann ausschalten.“ Das erklärte Oberstleutnant Juhani Pihlajamaa, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Yle die Gemüter beruhigen soll. Das Selbstbewusstsein des Offiziers rührt aus den vergangenen Erfahrungen mit den Offensiven der Sowjets. Im Winter 1939/1940 konnte der Angriff durch eine mobile Strategie der Finnen, mithilfe des Schutzes der Wälder lange aufgehalten werden, ähnlich war es im Sommer 1944. Die Regierung in Helsinki musste zwar Gebiete abtreten, konnte jedoch eine Einverleibung des Landes vermeiden.

Das Land verfügt mit gerade einmal 5,5 Millionen Einwohnern über 900 000 Reservistinnen und Reservisten. Zudem rechnet Staatspräsident Stubb mit Tausenden Soldaten aus anderen Nato-Ländern im Falle einer russischen Invasion. Für die Ortschaften an der Grenze gibt es bereits Evakuierungspläne, sollten dort irgendwann einmal russische Panzer durch die Wälder brechen.

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