Es ist ein Hilferuf gewesen, der Polina Khabi kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erreicht hat: Wer kann einer Großfamilie dabei helfen, vor dem Krieg zu fliehen? Die E-Mail, in der dieser Satz sinngemäß stand, erreichte die Lehrerin der Vaihinger Michael-Bauer-Schule (MBS) über Umwege. Dabei waren eine Handynummer und der Name einer Kontaktperson, einer Lehrerin an einer Waldorfschule in der Ukraine.
Polina Khabi fühlte sich angesprochen. Dies auch, weil der Vorstand der MBS quasi gleichzeitig und doch unabhängig von der E-Mail beschlossen hatte, Menschen aus der Ukraine zu helfen. Polina Khabi schrieb eine Whats-App-Nachricht an die Kontaktperson in der Ukraine, um mehr zu erfahren. Und dann ging alles ganz schnell.
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Ein Transport musste organisiert werden. Dabei half Susanne Auwärter-Brodbeck, die Mutter an der Waldorfschule ist. Das Unternehmen ihres Onkels in Pilsting stellte einen vollgetankten Neoplan-Bus samt Fahrern bereit. Die Schulgemeinschaft hatte Hilfsgüter wie Lebensmittel und Decken gesammelt. „Es war phänomenal wie schnell das alles ging und wie groß die Hilfsbereitschaft war“, sagt Polina Khabi.
In dem ersten Bus der Michael-Bauer-Schule saßen 41 Menschen
Mitten in der Nacht kam der Bus aus Stuttgart in Uschgorod an der Grenze zwischen der Slowakei und der Ukraine an. Dort haben Helfer aus ganz Mitteleuropa eine Zeltstadt aufgebaut, um Flüchtende zu versorgen und für die Weiterfahrt zu vermitteln. Zahlreiche Busse kommen Tag für Tag an, mit Hilfsgütern und um die Menschen an einen sicheren Ort zu bringen.
Auch Polina Khabi saß in dem Bus, der zur ukrainischen Grenze fuhr, um die Großfamilie und noch eine weitere Familie wie verabredet in Empfang zu nehmen. Am Ende waren es aber noch viel mehr Menschen – nämlich 41 Frauen und Kinder – die in dem Neoplan-Bus nach Stuttgart fuhren. Die allermeisten wollten ohnehin in den süddeutschen Raum, weil sie dort Bekannte hatten.
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An einem Dienstagmorgen kamen sie an der MBS an. Die Schulgemeinschaft hatte ein Willkommensfrühstück organisiert. Die Achtklässler hatten zudem ein großes Zimmer in der Schule eingerichtet, wo die Großfamilie fürs Erste unterkommen konnte. Alles war da: Stockbetten, Bettzeug, Bettwäsche, Handtücher und Spielzeug für die Kinder. Mittlerweile lebt die Familie in einer Jugendherberge.
Die Schule hat ein Spendenkonto eingerichtet
Das war der Anfang einer großen Hilfsaktion an der Michael-Bauer-Schule, die bis heute andauert. Viele Familien aus der Schulgemeinschaft haben Menschen aus der Ukraine bei sich aufgenommen. Der Vorstand hat beschlossen, dass deren Kinder an der MBS Unterricht erhalten, und alle Familienmitglieder sind zum Mittagstisch eingeladen. Zudem gibt es ein Spendenkonto. Die Schule bürgt dafür, dass das Geld in vollem Umfang den Geflüchteten zugute kommt.
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Und es blieb auch nicht bei der einen Busfahrt. Die MBS kooperiert zum Beispiel mit dem BHZ auf dem Fasanenhof. Dieses hat zwei Kleinbusse für den Transport von Flüchtenden zur Verfügung gestellt. „Bis jetzt waren es schon 14 Fahrten zwischen Stuttgart und Uschgorod“, sagt Polina Khabi. Mehr als 140 Menschen hat die Schulgemeinschaft bereits in das sichere Deutschland gebracht. Sie wurden größtenteils bei Familien aus dem Waldorf-Netzwerk und darüber hinaus in Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn untergebracht. „Die Menschen, die den Müttern und Kindern aus der Ukraine hier eine Wohnung und Obhut geben, sie bei sich aufnehmen und sich liebevoll um sie kümmern, sind für mich wahre Helden“, sagt Susanne Auwärter-Brodbeck. Was derzeit fehlt, sind Quartiere, in denen Menschen aus der Ukraine für längere Zeit oder sogar unbefristet bleiben können – zur Miete, die vom Sozialamt gezahlt werden würde.
Kinder mit schweren Biografien sollen nach Deutschland geholt werden
Die Lehrerin hat auch Kontakt zu einer Dachorganisation, die sich um Kinder mit Behinderungen, Kinder mit chronischen Krankheiten und Kinder in staatlicher Obhut kümmert. Nun ist geplant, einige von diesen Mädchen und Jungen nach Deutschland zu holen. Nicht für immer, betont Polina Khabi, sondern für eine Übergangszeit, damit sie sich hier erholen können, und immer in der Hoffnung, dass der Krieg bald endet. „Es geht um Kinder, die zusätzlich zu ihrer ohnehin oft schweren Biografie nun auch noch mit dem Krieg konfrontiert werden“, sagt Polina Khabi. Doch um die Mädchen und Jungen nach Deutschland zu bringen, müssen viele Formalitäten erfüllt werden.
Aber die Lehrerin und ihre Mitstreiter geben nicht auf. „Man kann der Ohnmacht eine Handlung entgegensetzen. Das ist die Energie, die uns derzeit beflügelt“, sagt Polina Khabi. Dieser Tage habe ein Mädchen aus der Ukraine, eine Zweitklässlerin, zu ihr gesagt: „Ihr rettet unsere Kinder.“ Solche bewegenden Momente seien es, die Kraft geben.
Wer Fragen zu den Hilfsprojekten hat, schreibt an ukrainehilfe@michael-bauer-schule.de. Spenden kann man auf das Konto des Vereins der Michael-Bauer-Schule bei der GLS-Gemeinschaftsbank, Stichwort: MBS-Ukrainehilfe, IBAN: DE64430609670017212801.