Ulmer Museumschefin Stefanie Dathe vollbringt Wunder

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Das Überbleibsel eines Einhorns, eine vollautomatische Rosenkranzmaschine, Puppen unterm Röntgenschirm: Stefanie Dathe, die neue Chefin im Museum Ulm, öffnet für die erste Sonderschau ihr Kuriositätenkabinett.

Nicolas Bollas Knochenmann aus Swarovski-Steinen im Dialog mit Stefanie Dathe Foto: Andreas Reiner
Nicolas Bollas Knochenmann aus Swarovski-Steinen im Dialog mit Stefanie Dathe Foto: Andreas Reiner

Ulm - Am Ostermorgen steht Maria Magdalena vor dem leeren Grab und erfährt als Erste das Wunder. „Was weinst du?“, fragt sie ein Mann, den sie für den Gärtner hält. Erst als er sie beim ­Namen nennt, erkennt sie in ihm Jesus. „Berühr mich nicht“ , sagt er – „noli me tangere“. Der Auferstandene ist nicht fassbar.

Der Legende nach lebt Maria Magdalena bis an ihr Ende einsam in einer Höhle. Sie isst nicht mehr, sie sucht die Menschen nicht mehr, ihr wächst ein Fell.

Der Ulmer Maler Hans Schüchlin stellt die Heilige in seinem Gemälde von 1480 mit einem Haarkleid dar. Es zeigt den Moment, in dem drei Engel die betende Maria Magdalena in den Himmel tragen. Ein paar Meter von dem alten Bild entfernt ruht ein Kronleuchter auf dem Museumsboden, geht langsam an, dann wieder aus. Leuchtet hell, erlischt wieder. Über Lautsprecher ­tönen synchron die Atemzüge von Werner Reiterer, der das Kunstwerk gemacht hat: Luft holen, ausatmen, nur nicht aufhören, Luft holen, ausatmen . . .

Das Museum Ulm lebt wieder. Es ist die Premierenausstellung der neuen Leiterin Stefanie Dathe. Bescheidener Titel der Schau: „Erwarten Sie Wunder“. Also, hereinspaziert in ehrwürdige Schatzkammern, alte Kuriositätenkabinette und neue Kunsträume. Bestaunen Sie den Jahrmarkt Welt – oder wie der Dichter Ringelnatz schreibt: „Überall ist Wunderland/Überall ist Leben/Bei meiner Tante im Strumpfband/Wie irgendwo daneben.“ Warum also nicht auch in Ulm?

Versteckt mitten in der Stadt

Schon lange litt das Ulmer Museum an Kraftlosigkeit. Mitten in der Stadt, doch baulich so unscheinbar, dass man es nur mit großer Zähigkeit findet. Nicht mal Einheimische können einen hinlotsen. Kein Marketing, kein Internetauftritt lockte bisher ins Schlupfloch. Seit Jahren sinkt die Besucherzahl ins Bodenlose. Viele lernten das Museum beiläufig kennen – als Gäste der imposanten Kunsthalle Weisshaupt, von wo aus ein Verbindungssteg hinüberführt. Doch wie die Dinge auf der anderen Seite in Szene gesetzt wurden, ließ oft zu wünschen übrig, so jedenfalls sah es eine vom Gemeinderat in Auftrag gegebene Studie, die den „Charme eines zu groß geratenen Heimatmuseums“ bezeugte. Hinzu ­kamen finanzielle und atmosphärische Störungen. So fiel das Haus in einen Schlaf. Jetzt will Stefanie Dathe wieder einen Spielplatz draus machen.

Vor Christus auf dem Palmesel, einem lebensgroßen Meisterwerk aus dem 15. Jahrhundert, liegt ein speckiger Ledergeldbeutel. Ein Besucher muss ihn verloren haben. Doch wer das Portemonnaie aufhebt, hat plötzlich ein schweres Stück Kunst in der Hand. Täuschend realistisch aus Bronze. Und dann steht man da und ist privat in die Schau verwickelt. Am besten das Ding wieder hinlegen. Es wechselt ständig seine Position. Am Morgen liegt es immer woanders als am Abend, wenn das Museum schließt. Die kleine Störung gibt dem ganzen Raum mit Jesus und den Sandsteinfiguren, die seit Ewigkeiten hier stehen, eine frische Note.

Das Gleiche passiert in der Renaissance-Kapelle des Museums. Eine kaum zehn Zentimeter große, tiefrote Kamelienblüte, die scheinbar aus der weißen Wand wächst, verändert alles. Der japanische Künstler Suda Yoshihiro hat die Blume aus Magnolienholz geschnitzt und sorgfältig bemalt. Sie verströmt den leisen Duft von Poesie.

Rot ist vorbei, jetzt ist Ulm.

„Die Villa Rot war ausgereizt“, sagt Stefanie Dathe. Neun Jahre leitete sie das kleine Museum im Oberschwäbischen, machte extravagante Ausstellungen über Fleisch oder Haare und brachte internationales Kunstflair ins Dorf. Seit ­einiger Zeit hatte sie einen Gedanken im Kopf: Kann ich auch größer? Nächstes Jahr wird sie 50, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Habe ich noch Visionen? Den Mut, neu zu denken? Jetzt hat sie sich von 300 auf 4500 Quadratmeter Ausstellungsfläche vergrößert. Seit sie die Tür der Villa Rot zumachte, dachte sie kein einziges Mal zurück. „Wie ein Chamäleon beim Farbenwechsel.“ Rot ist vorbei. Jetzt ist Ulm.

Der Engadiner Künstler Not Vital macht gern Kuhfladen aus Bronze, Spazierstöcke aus rostfreiem Stahl oder Schneebälle aus Muranoglas. Seine Eiskugel im Museum sieht so echt aus – am liebsten würde man drüberstreichen. Dass die nicht schmilzt ohne Kühlung. Ein Wunder!

Lange versuchten der Künstler Chris Eckert und seine Frau vergebens, ein Kind zu bekommen. Dann schaltete seine Schwiegermutter das katholische Online-Netzwerk ein. Fortan beteten weltweit Tausende Unbekannte für das Paar. Eckert konterte diese Aktion mit einer Rosenkranzmaschine. Deren Räderwerk läuft jetzt wie geschmiert, eine Automatenstimme betet in Endlosschleife. Was wohl die Heilige aus Lindenholz davon hält? Die Reliquienbüste ist seit sechs Jahrhunderten in Ulm heimisch und scheint ihrem neuem Nachbarn, dem Gebetsapparat aus Amerika, noch nicht ganz zu trauen. Nur im Profil betrachtet, verwandelt sich die Skepsis um ihren Mund auf wundervolle Weise in ein Lächeln. Ein Lächeln, das alles versteht. Da kann Mona Lisa noch viel lernen.

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