Ulmer Weihnachtskrippe Melchior und die Moral
Die Erregung über den Krippenkönig in Ulm ist importiert und macht keine Sünde wieder gut, kommentiert unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Die Erregung über den Krippenkönig in Ulm ist importiert und macht keine Sünde wieder gut, kommentiert unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.
Ulm - In Ulm, um Ulm herum und weit darüber hinaus tobt gerade ein Gesinnungsstreit. Empörung schäumt hoch, Shitstorms ergießen sich, Gelehrte geben ihren Senf dazu. Eine Krippenfigur erregt Anstoß. Das holzgeschnitzte Ensemble, seit 1992 allweihnachtlich im Münster aufgebaut, wird dieses Jahr ohne die drei Könige aus dem Morgenland die Gläubigen erbauen. Denn Melchior, der sehr sichtbar schwarze Dritte, gilt als kolonialistische Zerrfigur, durch dessen Darstellung Menschen „beschämt“, „herabgesetzt“, „beleidigt“ würden, wie das Evangelische Dekanat Ulm vermutet. Also weg mit allen dreien. Das beschloss der Kirchengemeinderat. Nun zetern die einen über den Verrat an der Tradition. Die anderen feiern ihre fromme Einigkeit in der Abwehr des Rassismus. Ja, es muss doch das Gute über das Böse siegen. So weit so gut, so weit so klar.
Die Sache ist entschieden, und die Gemüter werden sich beruhigen. Im Grunde handelt es sich um eine Lappalie, die nur auffiel, weil sie sich so bildhaft einfügt in das Theater der Vergangenheitsbereinigung und Gegenwartssäuberung, das uns gerade in Atem hält. Es ist ein flächendeckendes Großereignis mit verschiedenen Sparten: mit den Grotesken der feministischen Sprachsäuberung, mit Bilderstürmen wie in Ulm, mit Bücherboykott, mit der kulturellen Exkommunizierung von Künstlern, Kabarettisten und ihren Werken. Cancel Culture heißt diese Mode. Ihre Zeloten wollen Politik und Gesellschaft vom Bösen befreien. Da hat es nun auch den Melchior erwischt, den bunt angemalten König aus Holz.
Ganz plötzlich, in der gegenwärtig moralisch so gereizten Atmosphäre, ist er als Symbol einer zu tilgenden Sünde wahrgenommen geworden. Erst jetzt, nachdem der arme schwarze George Floyd von einem ruchlosen weißen Polizisten vor den Augen der Welt ermordet wurde und nachdem die darauffolgende Rassismusdebatte nicht nur die USA, sondern nun auch uns überschwemmt, sieht man im Ulmer Melchior ein Zeichen kolonialer Ausbeutung, erst jetzt erscheint er als Beweis europäischer, weißer, auch deutscher Überheblichkeit und rassistischer Überzeugung.
Er habe „übertrieben wulstige Lippen“, so lässt sich der Kirchenhistoriker Volker Leppin in der „FAZ“ zitieren, es handle sich dabei um die „klassische Form einer rassistischen Karikatur“. In einer Pressemitteilung des Evangelischen Dekanats Ulm heißt es, Melchior sei „mit einer Fratze“, „wulstigen Lippen“, einer „grotesken Körperhaltung“ und „unschönen Beinen“ abgebildet. Keine Frage, das kann man so sehen – oder auch nicht. Mir fiel dabei nur das Verdikt der „wulstigen Lippen“ auf. Haben die Verfasser nie ein Foto von George Floyd gesehen? Nie eines der Plakate der Black-Lives-Matter-Bewegung mit seinem Konterfei? Wulstigere Lippen, als dieser Mann hatte, kann man sich nicht vorstellen. Seit wann aber schändet es, solche Lippen zu haben? Viele Afrikaner sehen so aus. Andere Menschen aus anderen Gegenden auf dem Globus ebenfalls. Soll man sich also den schwarzen König – und damit dunkelhäutige Zeitgenossen überhaupt – nur mit superfeinen europäischen Gesichtszügen unter der afrikanischen Haut vorstellen? Und wäre der Melchior möglicherweise nicht zu einem Problem geworden, wenn ihm der Künstler Martin Scheible, der ihn vor hundert Jahren erschaffen hat, keine Lippen à la George Floyd ins Gesicht geschnitzt hätte? Mich dünkt, die superantirassistischen Damen und Herren zu Ulm pflegen ihren eigenen, ganz speziellen Rassismus – natürlich ohne es zu wissen oder gar zu wollen.
Es sieht mir ganz danach aus, dass sich ihr Bild der „people of colour“ nach den tausend und abertausend Reklamen richtet, die uns täglich umschwirren, die uns bildschöne Afrikaner und Afroamerikaner zeigen, die auf edlen Sofas sitzen, luxuriöse Klamotten vorführen und in traumhafte Mercedes-Autos steigen. Solche ausgesuchten Exemplare unserer Gattung haben natürlich keine „unschönen Beine“. An der Perfektion derart gekünstelter Gestalten können sich im Übrigen auch die anderen Königsfiguren der Ulmer Krippe nicht messen. Alte weiße Männer sind es, klapprige Kerle, krummbeinig, noch mehr als der schwarze Bruder, Schrumpfgermanen mit spitzen Nasen und langen grauen Bärten.
Aber die alten weißen Männer werden gerade nicht als Opfer gehandelt. In diesem Sinne sind sie auch kein Thema. Das ist im Falle dunkelhäutiger Mitbürger anders. Gleichwohl handelt es sich hier um ein primär amerikanisches Problem, um eine importierte Erregung. Keine Frage allerdings, dass es auch in der Bundesrepublik Diskriminierung gibt. Doch was wiegt das gegen die Vernichtung der europäischen Juden, gegen den ewigen Antisemitismus? Das ist die deutsche Erbsünde! Könnte es sein, dass wir mit Aktionen wie der Ulmer Königsaustreibung den Blick darauf etwas verkleistern wollen? Seht her: Weil wir damals so böse zu den Juden waren, sind wir jetzt so lieb zu den Schwarzen? Da dreht sich der hölzerne Melchior in seinem Asservatenkeller noch einmal um, lacht hämisch und lacht und lacht.