Berlin/München - In der groß angelegten Verfilmung des Bestsellers „Munich“ von Robert Harris, die unter dem Titel „München - Im Angesicht des Krieges“ von diesem Freitag an auf Netflix läuft, erzählt Regisseur Christian Schwochow („Deutschstunde“) eine spannende Thrillergeschichte vor dem historischen Hintergrund des Münchner Abkommens von 1938. Zwei junge Männer wollen die Gelegenheit ergreifen, um den gastgebenden deutschen Reichskanzler zu töten, bevor dieser einen Weltkrieg anzetteln kann. Schauspieler Ulrich Matthes übernahm die Rolle des Adolf Hitler.
Herr Matthes, überlegt man bei Adolf Hitler länger als gewöhnlich, ob man dieses Rollenangebot annehmen soll?
Grundsätzlich natürlich. Die Zeit hatte ich aber nicht, weil ich nicht die ursprüngliche Besetzung war. Martin Wuttke ist aus persönlichen Gründen ausgeschieden, während der Dreh schon lief. Ich hatte 24 Stunden Zeit, mich auf das Casting vorzubereiten. Nachdem Christian Schwochow, der Regisseur und die Netflix-Verantwortlichen ebenfalls zugestimmt hatten, sagte man mir: „Dein erster Drehtag ist allerdings schon morgen.“
Warum haben Sie zugesagt?
Ich fand das Drehbuch großartig und habe enormes Vertrauen zu Christian Schwochow. Wir haben gemeinsam schon vier Filme gedreht und eine große Arbeit am Deutschen Theater Berlin miteinander gemacht. Ich vertraue ihm absolut, er ist ein glänzender Schauspielerregisseur. Ich glaube, dass ich dieses Wagnis nicht eingegangen wäre, wenn es nicht Christian, sondern ein anderer Regisseur gewesen wäre.
Im Film wird die Frage gestellt, ob man es bei Hitler mit einem Monster oder einem Verrückten zu tun hat. Sie porträtieren ihn zuallererst als Mensch. Wie sehen Sie ihn?
Adolf Hitler war ja nun mal ein Mensch, allerdings ein schrecklicher. In den Situationen, die mir das Drehbuch vorgab, habe ich ihn mit dem Zynismus gegenüber seiner Umgebung gespielt, der ihm offenbar zu eigen war. Es ging mir darum, möglichst situativ und konzentriert das zu spielen, was es in den Szenen zu spielen galt. Das Wissen um die Shoah, also den Holocaust, das Wissen um die entsetzlichen Opfer weltweit, die Verachtung, die Wut und die Tränen, die man innerlich hat, wenn man über Hitler nachdenkt, kann man nicht mitspielen. Zumal – und das war gewissermaßen erleichternd – es nur eine Nebenrolle in dem Film ist. Ich versuche normalerweise, die Figuren, wenn es sich um literarische Figuren handelt, zu schützen, sie gern zu haben und sie einem Publikum so offen wie möglich zu präsentieren. Das ist bei Hitler natürlich nicht möglich. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und die Verantwortung, die ich als Bürger dieses Landes empfinde, sind für mich große Themen.
Worin liegt für Sie die besondere Stärke des Filmes?
Das Tolle an diesem Film ist, dass er neben dem spannenden Unterhaltungskino mit großartigen schauspielerischen Leistungen von Jannis Niewöhner und George MacKay oder Jeremy Irons auch ein Aufruf dazu ist, Verantwortung zu übernehmen. Und das ohne einen didaktischen Zeigefinger. Die Geschichte zeigt anhand dieser beiden jungen Männer, dass es an einer Kippstelle, bevor der Zweite Weltkrieg losging, diese Chance gab. Die beiden Hauptfiguren machen sich Gedanken: „Wir können es noch verhindern! Wie wollen wir es verhindern? Sollen wir? Wir müssen es verhindern!“ – Es ist ein indirekter Aufruf dazu, Verantwortung zu übernehmen, an Ideale zu glauben und dementsprechend zu handeln. Eben Zivilcourage zu zeigen! Christian ist ein politisch kluger und bewusster Mensch. Ihm liegt einfach daran, junge Leute, auch mit Projekten wie „Je suis Karl“, zu erreichen. Ich freue mich, dass ich mein Scherflein dazu beitragen konnte.
Beobachten Sie die zunehmende Spaltung der Gesellschaft mit Sorge?
Seit ich einigermaßen denken kann – also seit der späten Pubertät – bin ich ein politischer Mensch, schon aufgrund meines Elternhauses. Mein Vater war Journalist beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Ich bin in einem wirklich sehr liberalen Elternhaus aufgewachsen, das mich darin bestärkt hat, mir meine eigenen Gedanken zu machen. In meinem Freundeskreis ist das gesamte politische Spektrum abgebildet, von links mit der Partei Die Linke bis zur CDU auf der konservativen Seite. Ich bin mit allen im Gespräch, freundschaftlich, manchmal aber auch kontrovers und streithaft. Seit dem Aufkommen der AfD und des Rechtspopulismus sind meine Bereitschaft und mein innerer Druck, mich dagegen zu engagieren, deutlich angewachsen. Ich halte einen Rechtspopulismus wie in den USA, wo die Demokraten und Republikaner oft schon gar nicht mehr gesprächsbereit sind, wirklich für eine Bedrohung für die Demokratie.
Hierzulande machen eher die Coronaleugner und Impfgegner von sich reden.
Ich mache mir große Sorgen, dass es Mordaufrufe gegen Politiker und überall diese Fackelaufmärsche gibt. Ich verstehe nicht, warum es nicht möglich sein soll, der Wissenschaft zu vertrauen. Ich würde doch auch nicht dem Flugkapitän sagen: „Wissen Sie was? Ich weiß es besser. Ich setze mich jetzt an den Steuerknüppel und fliege uns nach Mallorca.“ Wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich seit Jahrzehnten mit Coronaviren beschäftigen, sagen, dass die Impfstoffe sicher sind, dann vertraue ich denen natürlich!
Sind Sie ein Optimist?
Ja, ein vorsichtiger skeptischer Optimist.
Glauben Sie, dass sich eine charismatische Persönlichkeit heute hierzulande wieder relativ schnell zum Diktator aufschwingen könnte?
Gott sei Dank gibt es an der Spitze der AfD niemanden, den ich für so charismatisch halte. Ich mache mir Sorgen um die Situation in Ungarn oder Polen, auch darum, was bei den Wahlen in Frankreich herauskommen könnte. Ich glaube an die parlamentarische Demokratie. Ich glaube daran, dass wir Verantwortung übernehmen sollten. Ich glaube daran, dass wir gesprächsbereit sein sollten. Gegenüber den Demokratiefeinden ganz rechts außen sollten wir das aber nicht sein, um die muss sich das Innenministerium kümmern.
Schauspieler und Werk
Person
Ulrich Matthes lebt in Berlin, wo er auch 1959 geboren wurde. Als Schauspieler ist er seit den 80er Jahren aktiv, zunächst am Theater, später im Film. Seit 2004 gehört er zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin. Zudem ist er seit 2019 Präsident der Deutschen Filmakademie. Zuletzt war Matthes in der Produktion „Freunde“ zu sehen, die Ende Oktober in der ARD lief, sowie Ende 2021 in dem Kinofilm „Die Geschichte meiner Frau“.
Film
„München – im Angesicht des Krieges“ nach der Romanvorlage von Robert Harris’ „Munich“ läuft seit dem 6. Januar in ausgewählten deutschen Kinos und startet am Freitag, 21. Januar, auf dem Streamingdienst Netflix. Regie führte Christian Schwochow („Je suis Karl“, „Bad Banks“).