Umbau in Ludwigsburg Pinkelvorfall und Parkschein-Premiere: bewegte Geschichte am Arsenalplatz

Regiment in Reih und Glied angetreten: König Wilhelm II. von Württemberg nimmt im März 1892 eine Parade auf dem Ludwigsburger Arsenalplatz ab. Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Der Ludwigsburger Arsenalplatz wird umgestaltet, eine Parkanlage entsteht im Herzen der Stadt. Das Gelände hat viel zu erzählen – auch manch Kurioses. Und in den vergangenen 260 Jahren hat das Areal immer wieder für große Aufregung gesorgt.

Ludwigsburg: Maximilian Kroh (kro)

Hans Martin wollte nur nach Hause, als er an jenem 3. November 1925 gegen 20 Uhr aus Stuttgart zurück nach Ludwigsburg gekommen war. Wie üblich ging der Buchhändler auf dem Heimweg vom Bahnhof zu seiner Wohnung in der Stuttgarter Straße über den Arsenalplatz. Was ihn dort am Denkmal des Infanterieregiments Nr. 121 erwartete, machte ihn so wütend, dass er sechs Tage später zur Polizei ging. „Als ich an den Gedächtnistafeln vorbeiging, bemerkte ich einen mir fremden Mann, welcher vor den Tafeln seine Notdurft dergestalt verrichtete, dass er den Sockel der aufgestellten Tafeln verpisste.“

 

So ist es im Vernehmungsprotokoll des Kriminaloberwachtmeisters Klaissle vermerkt. Weil Hans Martin dem Übeltäter nachstellte, konnte dieser auch schnell identifiziert werden. Er hieß Ludwig Schamberger und war ausgerechnet Mitglied der Berittenen Polizeischulabteilung, untergebracht in der Kaserne am Ludwigsburger Reithausberg. Er müsse zugeben, an jenem Dienstag „etwas über den Durst getrunken“ zu haben, gab er selbst zu Protokoll. Er habe aber nicht „absichtlich oder aus einem politischen Hintergrund“ ans Denkmal gepinkelt, sondern „eben deshalb, weil ich das Bedürfnis hatte, zu Pissen“.

Im Archiv finden sich dutzende Anekdoten wie diese über den Arsenalplatz, einen der ältesten Plätze der Stadt. Er entstand 1764 mit der Arsenalkaserne, überstand Herzöge, einen Diktator und die Amerikaner und wird demnächst ein gänzlich neues Erscheinungsbild erhalten. Ab Dienstag wird er zur Parkanlage umgestaltet. Damit endet eine jahrelange Debatte über die Nutzung des Platzes – es war nicht die erste ihrer Art.

Ursprünglich sollte der Arsenalplatz viel größer werden als er es heute ist. Herzog Carl Eugen von Württemberg plante nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) ein Heer mit etwa 12 000 Mann und brauchte dafür entsprechend viel Fläche für Aufmarsch und Paraden. Es sind Pläne von einem etwa dreieinhalb Hektar großen Platz überliefert, der neben einem Generalmagazin von einer Garnisonskirche, einem Jägerhaus sowie einem Militärhospital begrenzt werden sollte. Gebaut wurde letztlich nur das Magazin, die heutige Arsenalkaserne. Der Arsenalplatz nimmt nur gut ein Viertel der ursprünglich veranschlagten Fläche ein.

Genutzt wurde er in den ersten 150 Jahren hauptsächlich als Exerzier- und Paradeplatz, gleichzeitig diente er auch als Abstellplatz für schwere Waffen, Fahrzeuge oder Kriegsbeute. So wurden beispielsweise 1871 zahlreiche eroberte französische Kanonen und Geschütze aus dem deutsch-französischen Krieg dort ausgestellt. Von Zeit zu Zeit aber verschwand das Kriegsgerät, und der Arsenalplatz wurde zum Fußballtempel. 1911 etwa spielten die Ludwigsburger Kickers gegen die Fußballauswahl des Infanterieregiments – und gingen mit 1:5 unter.

Optisch stach der Arsenalplatz schon damals nicht heraus. „Es ist kein Platz, der städtebauliche Schönheiten aufzuweisen hat, dem bunte Blumenbeete und plätschernde Springbrunnen ein heiteres Ansehen verleihen“, stellte ein Soldat 1938 fest, der dort in den 1930er-Jahren seinen Dienst verrichtete. Nur die Kastanienbäume, die französische Kriegsgefangene im Jahr 1870 an die Ränder pflanzen mussten, brachten ein wenig Grün auf das Gelände.

Im Zweiten Weltkrieg diente die Arsenalkaserne als Lazarett, nach Kriegsende waren in dem Gebäude zunächst unter anderem ehemalige Nazi-Häftlinge untergebracht. Von 1953 an wurde die Kaserne zur Unterkunft für Vertriebene aus der Sowjetzone und aus Jugoslawien. Der Arsenalplatz selbst galt in den 1950er-Jahren als Sorgenkind der Stadt. Nicht nur wegen der vielen Vertriebenen auf zu engem Raum, die US-Army nutzte ihn seit 1951 zudem als Umsteigebahnhof für die Omnibuslinien – sehr zum Unmut der Ludwigsburger Bevölkerung.

Eine „Mondkraterlandschaft“ in den 1950er-Jahren

Die örtliche Presse bezeichnete den Platz damals als „Schandfleck“ oder als „Mondkraterlandschaft“, weil die Fahrzeuge tiefe Schlaglöcher im Kies hinterließen, in denen sich bei Regen große Pfützen bildeten. Bei Sonnenschein wirbelten die Busse und Autos der Amerikaner so große Staubwolken auf, dass sich ansässige Geschäftsleute und Anwohner 1954 genötigt sahen, den damaligen Oberbürgermeister Elmar Doch per offenem Brief zu bitten, er möge doch endlich etwas gegen dieses Problem tun. Nur gehörte der Stadt der Arsenalplatz zu dieser Zeit noch gar nicht. Sie pachtete ihn erst 1961 und machte ein Jahr später einen Parkplatz für 160 Fahrzeuge daraus – die dort kostenfrei parken durften. Das löste erneut Unmut bei den Händlern in der Innenstadt aus. Sie sahen ihr Geschäft gefährdet, weil der Arsenalplatz bald von Dauerparkern belagert wurde. Die Stadt schaffte dem 1967 Abhilfe und schrieb dort – erstmals in Ludwigsburg – die Nutzung von Parkscheiben vor.

Währenddessen wurde die Vertriebenenunterkunft im Kasernengebäude 1962 aufgelöst, daraufhin zog ein Depot des Staatlichen Naturkundemuseums ein, bevor das Gebäude von 1990 bis 1995 aufwendig saniert wurde. Seitdem beherbergt es das Staatsarchiv. Die geparkten Autos waren während der Veränderungen immer fester Bestandteil.

In den 1970er Jahren gab es Bestrebungen, das zu ändern. Oberbürgermeister Otfried Ulshöfer spielte mit dem Gedanken, eine Tiefgarage unter dem Arsenalplatz zu bauen, um die Fläche zurückzugewinnen. Passiert ist jedoch nichts – bis jetzt.

Die ersten Parkplätze verschwanden im Jahr 2021 für den Pop-up-Park an der Wilhelmstraße, jetzt soll aus dem Gelände eine Parkanlage im französischen Stil werden. Vorausgegangen ist dem eine jahrelange Debatte, in der sich die Gemeinderatsfraktionen teils unversöhnlich gegenüberstanden. Am Ende führte ein Kompromiss zur Umgestaltung des Platzes: Die Autos parken in Zukunft in der neuen Tiefgarage der Kreissparkasse, sodass sich der Platz in eine grüne Oase verwandeln kann.

Das im Jahre 1925 von Ludwig Schamberger angepinkelte Kriegerdenkmal im Norden des Kasernengebäudes ist von den Bauarbeiten nicht betroffen, es bleibt bestehen. Ob sich in der Geschichte des Arsenalplatzes noch einmal jemand an ihm erleichtert hat, ist nicht überliefert.

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