Umgang mit einem Massenmörder Wie lebt man mit Josef Mengele?

Josef Mengele (Mitte) im Jahr 1944. Er war von Mai 1943 bis Januar 1945 war als Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz und dort an Selektionen beteiligt. Foto: Mauritius

Günzburg ist die Heimatstadt des SS-Lagerarztes von Auschwitz. Seine Familie gehörte lange zu den größten Arbeitgebern am Ort. Fragen nach Josef Mengele sind bis heute unerwünscht. Als er ein Schild am Freibad sieht, ist dem Mengele-Autor Olivier Guez schlagartig klar, warum das so ist.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Günzburg - Nie. Nie würde jemand von der Familie kommen“, sagt Manfred Büchele. Der langjährige Vorsitzende des Historischen Vereins Günzburg ist jetzt 79 Jahre alt. Der ehemalige Berufsschullehrer und promovierte Historiker weiß, wie er die Lage in seiner Heimatstadt einzuschätzen hat. Während seiner Zeit als Lehrer hat er die Mengele-Klassen unterrichtet. So viele Auszubildende hatte das Landmaschinen-Unternehmen, dass es für eine eigene Klasse reichte.

 

Guez’ Buch basiert auf Tatsachen

Büchele kann die wissenschaftliche Forschungsliteratur über Josef Mengele, den SS-Arzt von Auschwitz, auswendig aufzählen. Er hat alles gelesen, hat Veranstaltungen mit dem Historiker Stan Zofka in Günzburg organisiert. Mal als Vereinsvorsitzender, mal als Vorsitzender der SPD.

Er weiß, dass man sich mit solchen Veranstaltungen nicht nur Freunde macht. „Meine eigenen Leute haben mich gefragt, ob das sein muss“, erinnert er sich an eine SPD-Veranstaltung. Die Mengeles, so die Argumente seiner Kritiker, seien doch schließlich ein wichtiger Arbeitgeber in Günzburg.

Aber nie, da ist er sich sicher, würde ein Vertreter der Familie Mengele zu einer Veranstaltung kommen wie an diesem Abend, als der französische Autor Olivier Guez aus seinem vielfach ausgezeichneten Tatsachenroman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ liest. Darin beschreibt er, basierend auf historischer Forschung und Passagen aus den Tagebüchern, Mengeles Leben in seinem südamerikanischen Exil – und wie seine Familie ihn über 34 Jahre lang unterstützt und mit ihrem Geld immer wieder vor der Verhaftung oder Entführung etwa durch den israelischen Geheimdienst gerettet hat.

„Um die Firma in Günzburg zu schützen“, wie Guez sagt. Die Familie, sagt der Schriftsteller, habe nicht reagiert auf sein Buch, das sich in Günzburg wie geschnitten Brot verkauft.

Lego-Stadt und Mengele-Stadt

Kein Wunder, dass Büchele ein bisschen lauter wird, wenn er sagt: „Wir sind Römerstadt, wir sind Habsburger-Stadt. Aber in unserem Heimatmuseum“ – er mag die Bezeichnung nicht – „gibt es kein Zimmer über Günzburg im Nationalsozialismus.“ Hätte nicht die Baufälligkeit des Gebäudes den Umgestaltungsplänen einen Strich durch die Rechnung gemacht, gäbe es das nun demnächst, inklusive Josef-Mengele-Zimmer.

Doch das verzögert sich um weitere Jahre. Bücheles Zufriedenheit speist sich jetzt aus der vierbändigen Geschichtsforschung über die NS-Zeit in Günzburg, die er seiner Heimatstadt zusammen mit dem Historiker Zofka vorgelegt hat.

Die Günzburger am Pranger

Denn die Stadt, die ganz zukunftszugewandt als Lego-Stadt für sich wirbt, ist die Heimatstadt Josef Mengeles. Dieses Etikett haftet ihr an, ob sie es will oder nicht. Mal mehr, mal weniger. Die 20 000-Einwohner-Stadt lebt mit den Wellen der Berichterstattung über ihren wohl furchtbarsten Sohn. Über 100 Visitenkarten von Fernsehteams aus aller Welt seien im Lauf der Jahre zusammengekommen, sagt Rudolf Köppler. 32 Jahre war der SPD-Mann hier Oberbürgermeister.

„Murder-Town“, Mordstadt, haben die Reporter Günzburg genannt. Und noch vieles anderes. Die Günzburger standen kollektiv am Pranger. Das Beschweigen des Vergangenen war die Reaktion vieler. Auch die Mengeles selbst schwiegen über den Verbleib ihres Sohnes, Bruders und Vaters. „Dabei hätten sie uns erlösen können“, sagt Köppler. Manfred Büchele und er sitzen im Publikum, als Guez in Günzburg auftritt. In der Aula des Maria-Ward-Gymnasiums ist kein Platz frei. So nah ist Guez seinem Stoff selten.

Mengele stand an der Rampe

Dabei ist er vor drei Jahren schon einmal durch den Ort gelaufen. „Ich wollte die Topografie, die Landschaft erfahren“, sagt er. Hier ist der SS-Arzt, dessen Name für grausamste medizinische Versuche an Menschen steht, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Der Name Mengele steht für den Mann, 1911 geboren, der für den Tod von 400 000 Menschen verantwortlich ist und der mit seinen Menschenversuchen – vor allem an Zwillingen – für die Pervertierung medizinischer Forschung steht.

Er spritzte seinen Opfern Mittel in die Augen, um zu schauen, ob sich dadurch die Augenfarbe ändert. Die ausgestochenen Augäpfel der anschließend Ermordeten hat er an die Universität Frankfurt zur weiteren Untersuchung geschickt. Josef Mengele stand im Vernichtungslager Auschwitz an der Rampe und entschied über Leben und Tod.

Größter Arbeitgeber

In Günzburg steht der Name aber auch für den lange Zeit größten Arbeitgeber am Ort, die Agrartechnik Mengele. Sie gibt es nach Umorganisationen, dem Verkauf und ihrer späteren Insolvenz seit 2011 nicht mehr. Aber Mengeles Familie wohnt noch immer hier und betreibt heute eine wohltätige Stiftung, mit der sie der Stadt „etwas zurückgeben will“.

Sie hat den Sohn, Ehemann und Bruder in den Nachkriegsjahren jedoch bis zu seinem Tod 1979 in Brasilien großzügig finanziell unterstützt – bis Beppo, wie er auch genannt wurde, 1979 ganz unspektakulär bei einem Badeunfall infolge eines Herzinfarktes ertrank. Selbst den Tod hielt die Familie noch weitere fünf Jahre geheim, um die Fahnder in die Irre zu leiten und sich selbst vor Strafe zu bewahren.

Untersuchung zu Günzburg und Mengele

Das meint Köppler mit Erlösen. Mindestens seinen Tod hätten sie bekannt geben können. Er selbst hat 1983 eine Gemeinderatsitzung – unter Protesten ehemaliger SS-Männer – zur Erinnerung an den 50. Jahrestag der Machtübernahme Hitlers abgehalten. „Das waren wir den Opfern schuldig“, sagt er.

Er war es, der 2003 eine Untersuchung über Günzburg und Josef Mengele anregte. Sie kommt unter anderem zu dem Schluss, dass die Günzburger bei den letzten freien Wahlen der Weimarer Republik eher unter dem landesweiten Wahlergebnis der NSDAP blieben.

Eine späte Gedenktafel für die Opfer

Köppler kommt aus Berlin. Ebenfalls zugezogen ist die CSU-Stadträtin Ruth Niemetz. Sie fragte bei einer Bürgerversammlung 2005, warum es eigentlich keine Gedenktafel für die Opfer Josef Mengeles gibt – und bringt eine Lawine ins Rollen. Schüler gestalten die Gedenktafel, die viele Augenpaare zeigt. Eine Reminiszenz an die Opfer von Mengeles Menschenversuchen. Aber, wie Niemetz betont, „nichts gegen die Familie Mengele“.

Der Gast des Montagabends, Olivier Guez, ist bei seinem Rechercheaufenthalt vor drei Jahren auch an der Donau entlangspaziert. Als er am Schwimmbad auf ein Schild stieß, auf dem steht, dass es von Alois und Karl-Heinz Mengele gestiftet worden sei, war für ihn schlagartig klar, warum der Ort so funktioniert, wie er es tut. Auch noch Wohltäter sind die Mengeles, verteilen Würstchen an die Schulkinder.

Hermann Abmayr, gebürtiger Günzburger Journalist und Mengele-Forscher, weiß von einer Anekdote aus den 60er Jahren, die das illustriert: Als ein Mitschüler Dieter Mengele fragte, ob Josef sein Onkel sei, musste er in der Mengele-Villa vorsprechen und sich für seine neugierige Frage entschuldigen.

Das Korczak-Denkmal provoziert

Eine Generation später, im Jahr 2003, stellt der Lehrer Siegfried Steiger, aus der Oberpfalz zugezogen, wieder eine Frage. Der Deutsch-, Geschichts- und Religionslehrer, der seit 32 Jahren eine Theater-AG leitet, will der Familie Mengele die Chance zu einer Geste der Verständigung geben. Für ein Denkmal für den Kinderarzt Janusz Korczak, der mit seinen Schützlingen im Vernichtungslager ins Gas ging, sucht er Geldgeber – und fragt bei der Familie an.

Ohne Erfolg. Es gibt offenbar keine Verständigung auf einen in die Zukunft weisenden Blick in die Geschichte. Nun sprechen auch die fehlenden Namen auf der Spenderliste für sich, und der Lehrer und glühende Verehrer der Pädagogik Korzcaks musste sich fragen lassen, warum er ein Denkmal gegen Josef Mengele initiiert hat.

Von den Mengeles ist niemand zur Lesung gekommen. Steigers „Experimentelles Theater“ wird das Theaterstück „Zündeln oder Josef M. und Seinesgleichen“ zum Holocaust-Gedenktag wieder aufführen. Wie jedes Jahr seit 2011.

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