Umkämpfte Arktis Heißes Eis
In der Arktis kreuzen sich die geopolitischen Interessen vieler Staaten. Jetzt hat Kanadas Premier seine Pläne für das Gebiet vorgelegt.
In der Arktis kreuzen sich die geopolitischen Interessen vieler Staaten. Jetzt hat Kanadas Premier seine Pläne für das Gebiet vorgelegt.
Ottawa - Zitronenfjord – das klingt verlockend nach karibischer Wärme. Doch der Fjord liegt an der Nordspitze Grönlands am Rande des Eisschilds und erhielt seinen Namen von einem dänischen Widerstandskämpfer gegen die deutsche Okkupation im Zweiten Weltkrieg, der den Decknamen „Citronen“ führte. Am Zitronenfjord plant das Unternehmen Ironbark A/S den Bau einer Zink-Blei-Mine. Das Zink-Blei-Vorkommen gilt als weitweit eine der größten noch nicht erschlossenen Lagerstätten. Das Projekt ist weit fortgeschritten, aber noch hat die Förderung nicht begonnen. Der Zitronenfjord ist nur ein Beispiel für das Potenzial der Arktis, deren Rohstoffreichtum Begehrlichkeiten weckt.
Ob US-Präsident Donald Trump, dessen Vorstoß, Dänemark die Insel Grönland abkaufen zu wollen, ein Rohrkrepierer war, das Mammutprojekt überhaupt kennt? Zweifelhaft. Die USA haben bereits die Militärbasis Thule in Nordgrönland, und die Regierung des zu Dänemark gehörenden, aber autonomen Gebiets Grönland ist offen für Investitionen, auch von US-Unternehmen. Zwar ist die 2,1 Millionen Quadratkilometer große Insel überwiegend von einem – leider rückläufigen – Eisschild bedeckt, aber mehr als 400 000 Quadratkilometer entlang der Küste sind eisfrei. Zwei Minen sind in Grönland in Betrieb, es gibt aber auch mehrere fortgeschrittene Entwicklungsprojekte für interessante Rohstoffe wie Molybdän, Tantal, Zirkon und Seltene Erden.
In der Arktis könnten rund 22 Prozent der noch unentdeckten, technisch förderbaren Öl- und Gasressourcen der Welt liegen, hieß es schon 2008 in einer Studie des Geologischen Dienstes der USA. Seitdem wird die Arktis von vielen pauschal als Rohstofflager gesehen, das man nur anzapfen muss. Über die acht Arktisstaaten USA, Kanada, Russland, Island, Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland hinaus, die sich 1996 im Arktisrat zusammenschlossen, sind immer mehr Staaten an der Arktis interessiert und dort wirtschaftlich und wissenschaftlich aktiv.
Seit die Russen 2007 am Nordpol auf dem Meeresboden eine Flagge setzten und das Gebiet symbolisch zu ihrem Territorium erklärten, ist vom „Wettlauf zum Nordpol“ die Rede. Es ist ein irreführender Begriff, der den Eindruck erweckt, man müsse nur der Erste sein, um Anspruch auf gewaltige Teile der Arktis erheben zu können. Aber es ist ein geordneter rechtlicher Prozess, den die Arktisanrainer vor den zuständigen UN-Gremien verfolgen. Der zentrale Arktische Ozean ist und bleibt internationales Gewässer, denn es geht allein um Nutzungsrechte am Boden, nicht um Hoheitsrechte über das Meer.
Nur drei Länder haben aufgrund ihrer Nähe zum Nordpol und der Geologie des Meeresbodens – vor allem des Lomonossow-Bergrückens im Meer – nach der Seerechtskonvention Ansprüche auf dieses Gebiet erheben können: Russland, Kanada und – Dänemark-Grönland. Dänemark verfolgt seine potenziellen Nutzungsrechte am aggressivsten und hat Ansprüche erhoben, die weit über den Nordpol hinaus auf die russische Seite des Eismeers reichen.
Kanada war Mitte der 1990er Jahre treibende Kraft bei der Gründung des Arktischen Rats als Gremium der Kooperation der acht Staaten des Nordpolarraums und seiner Ureinwohnervölker. Vierzig Prozent des kanadischen Territoriums liegen in der Arktis. Unter der früheren konservativen Regierung Stephen Harper war die Arktis eines der wichtigen innenpolitischen Themen. Harper reiste jedes Jahr medienwirksam in den hohen Norden. Mit Klimaschutz hatte er nicht viel im Sinn. Souveränität und militärische Stärke in der Arktis zu unterstreichen traf eher sein Naturell. Jetzt hat die liberale Regierung von Justin Trudeau die Basis für die künftige Arktispolitik vorgelegt, die Harpers offizielle Erklärung zur Rolle der Arktis in der Außenpolitik ersetzt.
Trudeaus auf zehn Jahre angelegter Rahmenplan entstand in Kooperation mit den drei Arktisterritorien und den indigenen Völkern. Zentrale Themen sind die Stärkung der arktischen Infrastruktur, nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinden, Wissenschaft und Nutzung der traditionellen indigenen Kenntnisse – und die Arktis als geopolitischer Raum. Der Plan hat vor allem das Ziel, den Unterschied bei Gesundheitsfürsorge und Bildung zwischen den Bewohnern des Nordens und dem restlichen Kanada zu beseitigen. „Zu lange hatten Kanadas Arktis und die Bewohner des Norden, besonders indigene Menschen, nicht Zugang zu dem Lebensstandard, den die anderen Kanadier haben“, sagt die zuständige Ministerin Carolyn Bennett. Ein besonderes Augenmerk wird im Arktis-Masterplan auf Klimaschutz und den Kampf gegen Klimawandel gelegt, der sich darin zeigt, dass der Temperaturanstieg in der Arktis zwei- bis dreimal höher ist als in anderen Regionen der Welt.
Das schwindende Meereis öffnet den Arktischen Ozean für die Schifffahrt, auch wenn das Meer weiterhin Eis führen und die Schifffahrt mit erheblichen Sicherheitsrisiken zu kämpfen haben wird. Aber die Nordostpassage entlang der Küste Sibiriens und – mit Einschränkungen – die Nordwestpassage durch Nordkanada könnten wichtige Schifffahrtswege werden, die den Seeweg von Europa oder Amerikas Ostküste nach Asien deutlich verkürzen. Sollte irgendwann als Folge mangelhaften Klimaschutzes der zentrale Arktische Ozean zumindest für einige Monate eisfrei oder passierbar sein, würde sogar eine Route direkt über den Nordpol interessant werden. Auch daran denken Strategen nicht nur in Arktisstaaten, sondern auch in anderen Ländern wie China oder Südkorea.