Umstrittener VfB-Sponsor „Als suchtkranker Mensch kannst du nicht mehr ins Stadion“
Seit August ist Winamax Trikotsponsor des VfB Stuttgart – und die Kritik reißt nicht ab. Drei Experten haben nun im Jugendhilfeausschuss Stellung genommen.
Seit August ist Winamax Trikotsponsor des VfB Stuttgart – und die Kritik reißt nicht ab. Drei Experten haben nun im Jugendhilfeausschuss Stellung genommen.
Der französische Wettanbieter Winamax ist aktuell Sponsor des VfB. Seit dieser Saison prangt der Name des französischen Anbieters für Sportwetten und Online-Poker auf den roten Brustringen der Trikots. Das löste eine Protestwelle aus, die bis heute anhält.
Die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat griffen das Thema in einem Antrag auf. „Der Anteil von Menschen, die eine Sportwetten- beziehungsweise Spielerproblematik aufweisen, ist hoch und steigt weiterhin. Damit einhergehende Suchtphänomene sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, heißt es darin. Ein effektiver Schutz vor Spielsucht werde durch eine aggressive Vermarktung von Wettangeboten und Spielanreizen verhindert. „Wir sind mehr als irritiert, dass der VfB diesen Werbeträger zur Einnahmenmaximierung gewählt hat. Die Folgekosten und Ausgaben für die Bekämpfung der Suchtphänomene werden auf die öffentliche Hand verlagert“, so der Antrag. Vor diesem Hintergrund forderten die Grünen einen Bericht im Jugendhilfeausschuss über die Gefahren von Spielsucht bei Minderjährigen und eine Darstellung der Auswirkungen solcher Werbung, insbesondere im Zusammenhang mit der Vorbildfunktion bekannter Sportler.
„Natürlich hat Glücksspiel Suchtpotenzial“, betonte Bürgermeisterin Isabel Fezer diese Woche im zuständigen Ausschuss. Der Schriftzug eines Wettanbieters auf dem Trikot sei „nicht optimal“. Auf der anderen Seite stehe aber das berechtigte Interesse des VfB an einem Sponsor. Christian Heck, der Leiter der Abteilung Kinderförderung und Jugendschutz im Jugendamt, wies daraufhin, dass in Deutschland Glücksspiel für unter 18-Jährige verboten sei. Dennoch hätten auch Jugendliche Zugang, vor allem über das Internet. Für junge Menschen sei Glücksspiel hoch problematisch, weil das Gehirn noch nicht vollständig entwickelt und das Risikobewusstsein nicht vollständig ausgebildet sei. Daher sehe er Glücksspielwerbung kritisch. Besonders, wenn sie auf dem Trikot eines Fußballers stehe. Denn die Sportler seien Vorbilder, die Werbung führe zu einer höheren Nutzung. „Sonst bräuchte es ja kein Sponsoring“, sagte Heck.
Tilman Weinig, Suchtexperte bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva), kritisierte, dass Winamax mit seiner Werbung teils gezielt junge Menschen anspreche – obwohl das gemäß Glücksspielstaatsvertrag in Deutschland verboten sei. Das Verhalten des Unternehmens sei also „nicht redlich“, konstatierte Tilman Weinig. Er sehe deshalb ein hohes Gefährdungspotenzial. „Als suchtkranker Mensch kannst du nicht mehr ins Stadion gehen“, sagte Weinig. Die Gefahr eines Rückfalls sei zu groß. Can Mustafa, der Leiter des VfB-Fanprojekts, erklärte mit Blick auf den aktuellen Trikotsponsor: „Wir begrüßen das nicht.“
Auch die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses sahen den neuen Trikotsponsor des VfB kritisch. Sie waren sich aber einig, dass sie diesbezüglich kaum Einfluss auf den VfB ausüben können. Am Ende brachte es Klaus Käpplinger, der als Vorstandsvorsitzender der Eva in dem Gremium sitzt, auf den Punkt: „Der Vertrag mit Winamax ist befristet. Die öffentliche Diskussion bewirkt was, wir können damit was bewirken, der Druck ist was Gutes.“ In diesem Sinne soll nun die Stuttgarter Verwaltung bei der Landesregierung anregen, im Zuge der anstehenden Änderung des Landesglücksspielgesetzes den Kinder- und Jugendschutz in besonderer Weise zu berücksichtigen. Und zwar auch mit Blick auf die massiven Werbung von Sportwettenanbietern in Sportstätten, in denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten.