Feinstaubalarm in Stuttgart Zu viel Stickstoffdioxid auf 100 Kilometer Straße

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Alle reden vom Feinstaub. Doch für Fachleute sind Gase aus Stickstoff und Sauerstoffatomen längst das viel größere Schadstoffproblem. Der Jahresgrenzwert wird in vielen Städten seit Jahren überschritten.

Hohe Stickstoffdioxid-Konzentrationen sind vor allem für Asthmatiker ein Problem, weil das Reizgas die Bronchien verengt. Foto: Achim Zweygarth/Lichtgut
Hohe Stickstoffdioxid-Konzentrationen sind vor allem für Asthmatiker ein Problem, weil das Reizgas die Bronchien verengt. Foto: Achim Zweygarth/Lichtgut

Stuttgart - Feinstaub hin, Feinstaub her: für Klima- und Umweltexperten sind die in Stuttgart weit über dem Limit liegenden Jahreswerte für Stickstoffdioxid (NO2) das weitaus größere Schadstoffproblem. An der Messstation Neckartor ermittelte die Landesanstalt für Umwelt und Messungen (LUBW) 2015 einen NO2-Jahresmittelwert von 87 Mikrogramm. Dieser laut Umweltbundesamt (UBA) höchste Jahreswert für NO2 in Deutschland überschritt den Grenzwert von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft um mehr als das Doppelte. Mit 77 und 62 Mikrogramm waren zwei Werte an der Hohenheimer Straße und am Arnulf-Klett-Platz im Jahr 2015 ebenfalls deutlich zu hoch.

In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr laut UBA mit einem Anteil von mehr als 70 Prozent die bedeutendste Stickstoffdioxidquelle. Das gilt auch für die Metropolregion zwischen Heilbronn und Reutlingen: Im vergangenen Jahr lagen die Jahreswerte mit 44 bis 70 Mikrogramm auch in Reutlingen, Heilbronn, Ludwigsburg, Mühlacker, Herrenberg, Pleidelsheim, Leonberg, Tübingen und Markgröningen über dem gesetzlichen Limit.

NO2-Wert bleibt über dem Limit

Der Stadtklimatologe Ulrich Reuter rechnet auch für 2016 mit einem weit überhöhten NO2-Niveau. „Das Jahreslimit für NO2 wird in Stuttgart nicht nur am Neckartor, sondern auf rund 100 Kilometern des städtischen Straßennetzes überschritten.“ Der praktizierte Feinstaubalarm könne den Schadstoffpegel etwas, aber nicht weit genug verbessern. Die Jahresmittelwerte für NO2 stagnierten seit Langem auf einem viel zu hohen Level. Deshalb müsse der neue Luftreinhalteplan, der im Sommer 2017 vorliege, vor allem wirksame Maßnahmen gegen Stickstoffdioxid enthalten.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) will nicht mehr warten: Sie fordert in ihrer Klage vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht bereits für 2017 Fahrverbote für die als NO2-Schleudern angesehenen Selbstzünder. In Düsseldorf und in vielen anderen Städten hat die Umweltorganisation bereits in diesen Sinne erfolgreich geklagt.

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