Umweltschutz in Baden-Württemberg Kunstrasen mit Olivenkernen statt Plastikgranulat

Noch spritzt das Plastikgranulat – aber das Ende dieses Zusatzes in Kunstrasen ist eingeläutet. Foto: Imago Images/Michael Kristen

Die EU hat Mikroplastik in Kunstrasen verboten, allerdings mit einer Übergangsfrist. Die Sportvereine sollten sich Gedanken machen, wie es mit ihrer Spielfläche weitergeht.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Die einen hassen ihn, die anderen lieben ihn: am Kunstrasen scheiden sich bei Fußballern die Geister. Denn einerseits können die Plastikhalme bei Grätschen leichte Verbrennungen hervorrufen, und bei großer Hitze verklumpt das Granulat an den Schuhen. Andererseits kann man auf Kunstrasen auch im Herbst und Winter gut spielen, während ein normaler Platz dann oft eher einer Schweinesuhle gleicht.

 

Wie auch immer: die Fußballer werden sich umstellen müssen. Denn die EU hat nun zwar nicht die Kunstrasen selbst, aber das darin enthaltene Plastikgranulat verboten, und andere Materialien führen zu etwas anderen Spielbedingungen. Das Granulat gilt als Mikroplastik und birgt laut Franz Brümmer, Biologe und Kunstrasen-Experte der Universität Stuttgart, zwei Gefahren. Erstens seien Additive enthalten, mit denen Jugendliche lieber nicht in Berührung kommen sollten; die Grenzwerte seien letztes Jahr jenen bei Spielzeug angeglichen worden. Und zweitens werde viel Granulat aus dem Spielfeld verschleppt. Vögel könnten die Körner fressen und daran sterben, in Bächen störe das Plastik etwa die Kommunikation von Wasserflöhen.

Für relevante Mengen an Mikroplastik verantwortlich

Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) hält Kunstrasen sogar für den größten Verursacher von Mikroplastik überhaupt in Europa. Eine halbe Million Tonnen könnte mit dem Verbot innerhalb von 20 Jahren verhindert werden. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts Umsicht liegen die Kunstrasen aber nur auf Platz fünf der Verursacher – auf Platz eins steht der Reifenabrieb mit einer zehnmal höheren Menge. Die größere Bedeutung des Reifenabriebs betont auch Franz Brümmer.

Aufgrund des Drucks vieler Sportverbände hat die EU den Vereinen allerdings eine acht Jahre lange Übergangsfrist eingeräumt. Sprich: bis 2031 darf das Plastikgranulat noch verwendet und etwa auch nachgekauft werden. Trotzdem müssen sich die Vereine oder auch die Kommunen, denen die Fußballplätze oft gehören, Gedanken machen, wie es perspektivisch weitergeht. Schließlich kostet ein neuer Platz bis zu 700 000 Euro, und selbst die Sanierung schlägt schon mit mehreren Zehntausend Euro zu Buche. Wobei es oft nicht möglich ist, einfach nur das Füllmaterial auszutauschen.

Eine öffentliche Förderung für Kunstrasen mit Granulat gibt es schon seit vier Jahren nicht mehr. Bei Projekten mit neuen Materialien zahle das Land dagegen rund 30 Prozent der Kosten, oft beteilige sich die Gemeinde mit weiteren 30 Prozent, sagt Jürgen Scholz, Bürgermeister von Sersheim und Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg. Das Land wolle zur Verringerung von Mikroplastik beitragen und habe deshalb bereits viele Projekte gefördert, betont auch Umweltministerin Thekla Walker (Grüne).

Benedikt Bohn rät jedenfalls allen betroffenen Vereinen, Besichtigungstouren zu unternehmen und sich verschiedene Kunstrasen anzuschauen. In Frage kommen mittlerweile statt des Plastikgranulats Sand, Kork, geraspelte Olivenkerne oder auch das geschredderte Material von Maisstrünken. Bohn ist Spielleiter beim TV Möglingen (Kreis Ludwigsburg) und hat maßgeblichen Anteil daran, dass dort bereits vor drei Jahren der alte brettharte Kunstrasen ersetzt worden ist – in Möglingen entschied man sich dafür, neben Sand keinen weiteren Füllstoff einzusetzen. Der Rasen selbst besteht aus zwei verschiedenen Fasern: eine längere, die das Rasengefühl gibt, und eine kürzere gekräuselte, die den Sand im Rasen hält.

Spielvorteile bei nassem Rasen für die Heimmannschaft

Heute seien sie aber mit ihrem Rasen zufrieden, betont Bohn – nur bei Regen könne er etwas rutschig werden: „Aber das gibt uns sogar einen gewissen Heimvorteil, weil unsere Spieler den Rasen besser einschätzen können als der Gegner.“ Kork wurde dagegen nachgesagt, dass er schimmeln oder sich bei Regen vollsaugen könne. Die Industrie habe aber beachtliche Fortschritte gemacht seither, betont Bohn. Er arbeitet übrigens beim Württembergischen Landessportbund – und der berät Vereine gerne in Sachen Erneuerung, Recycling und Förderung.

Erst jetzt im Sommer hat auch der VfL Heiligkreuzsteinach (bei Heidelberg) seinen Kunstrasen erneuert – dort wurden als Füllung geschredderte Olivenkerne verwendet. Besonders nachhaltig ist dabei, dass der alte Rasenbelag nicht verbrannt, sondern dass die Beschichtung des neuen Kunstrasens aus den Halmen des alten produziert worden ist.

Das ist auch für Franz Brümmer ein ganz wichtiges Kriterium. Ein neuer Rasen dürfe nur aus einem einzigen Polymer bestehen, damit er später gut recycelt werden kann. Er rät den Vereinen aber, grundsätzlich darüber nachzudenken, ob ein Kunstrasen – oder wie er lieber formuliert: Kunststoffrasen – überhaupt notwendig sei. Oft könne man sich einen Rasen auch mit einer Schule oder einem Nachbarverein teilen. Was die Ökobilanz anbetrifft, könne am Ende aber ein Kunstrasen sogar im Vorteil sein, denn Naturrasen muss oft ausgetauscht werden und die häufige Bewässerung gerade in heißen Sommern werde zunehmend zum Problem.

Über alle Sportarten hinweg gibt es in Baden-Württemberg rund 5700 Vereine, davon dürften etwa 1000 einen Kunstrasen besitzen. Tatsächlich sind nicht nur Fußballvereine betroffen. So werden etwa dem Sand auf Reitplätzen ein bis fünf Prozent an synthetischen Zusatzstoffen beigemischt, etwa kunststoffhaltige Teppichschnitzel oder Vliesfasern. Das soll schonender für Pferde und Reiter sein. Ein Vorzeigeprojekt gibt es etwa beim Reit- und Fahrverein in Wertheim, wo der Hallenreitboden jetzt aus Sand und Baumwolle besteht.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) begrüßt das Verbot des Plastikgranulats, fordert aber eine bessere Bezuschussung von Bund und Ländern. Denn die Umrüstung der 5200 Fußball-Kunstrasen in Deutschland koste rund eine Milliarde Euro.

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