Unesco-Kulturerbe Schwäbische Bräuche auf die Liste?

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Tänze, Lieder, Feste: Manfred Stingel, Vorsitzender des Kulturrats des Albvereins, sieht das Kulturerbe im Südwesten bedroht.

Gesellschaft: Susanne Veil (sv)
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Stuttgart - Die Unesco stellt seit rund fünf Jahren ausgewählte Bräuche der Völker als sogenanntes immaterielles Kulturerbe auf eine rote Liste. Manfred Stingel ist der Vorsitzende des Kulturrats des Schwäbischen Albvereins. Er macht sich stark für größere Wertschätzung unserer heimatlichen Tänze, Kulturtechniken und Musik.

Herr Stingel, die Vereinten Nationen schützen den spanischen Flamenco, kroatische Lebkuchen und eine türkische Ringkampftechnik. Wie sieht es mit dem schwäbischen Erbe aus?

Wir haben so viel, das schützenswert ist und das wir wenig beachten. Den Überlinger Schwertlestanz zum Beispiel und andere Schwerttänze, Schäferfeste, das Biberacher Schützenfest, Ulmer Fischerstechen und viel andere großartige Feste im Land. Es gibt noch viele traditionelle Tänze, Oster- und Pfingstbräuche, Erntefeste und so weiter. Natürlich auch Maultaschen und Spätzle - oder sind die eher materiell?

Aber diese Dinge werden doch beachtet und ganz selbstverständlich gemacht. Sie scheinen nicht gefährdet.

Das sind keine Kleinigkeiten, das sind ganz bedeutende Sachen. Nur wir nehmen sie als selbstverständlich. Aber wenn unsere Gäste aus ganz Europa kommen und sehen, dass es bei uns in jedem Dorf einen Maibaum gibt, dann sind die ganz begeistert. Noch gibt es ja die Leute, die sich darum kümmern. Aber die Jungen? "Et gscholta isch gnuag globt", sagen wir Schwaben. Das ist zu wenig, da müssen wir über unseren Schatten springen.

Brauchtumspflege klingt altbacken. Man erinnert sich und klagt, dass früher alles besser war.

Die Brauchtumspflege steht sehr zu Unrecht im Geruch, etwas für alte Leute zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Es geht um die nachwachsende Generation. In anderen europäischen Ländern sieht man das schon lange so. Die regionale Kultur stärken heißt Identität schaffen.

Wie kann man Brauchtum bewahren?

Wir müssen die Jugend heranführen. Ein schlechtes Beispiel ist: die Kinder lernen in der Schule keine Volkslieder mehr. Da müssen wir schnell gegensteuern, sonst verlieren wir die Regionalität und unsere Substanz. In den USA spielt das Schulsingen eine große Rolle, Pädagogen und Psychologen loben das Singen und das Theaterspielen. Die alten Griechen sagten, Tanz ist etwas, was Körper, Geist und Seele gleichermaßen verbindet.

Da loben Sie aber vor allem Ihren eigenen Verein...

Der Albverein bemüht sich um Jugend- und Familienarbeit. Wandern und Singen gehören übrigens zusammen. Früher war das selbstverständlich. Im 19. Jahrhundert wurde bei der Einweihung des Albvereinshauses am Zeller Horn sogar getanzt. 40 Paare und die Frauen ohne Korsett!

Aber es hat doch oft einen Grund, wenn Bräuche vergessen werden. Unsere Umwelt ist beispielsweise nicht mehr landwirtschaftlich geprägt.

Manche Bräuche werden vielleicht in der Tat auch sterben müssen. Das Erntefest heißt traditionell Sichelhenke, weil man die Sichel nicht mehr brauchte und aufhängen konnte bis zum nächsten Jahr. Heute erntet man mit Maschinen. Erntefeste bleiben aber weiter wichtig. Wenn die Bräuche erst einmal verschwunden sind, ist es zu spät. Wertkonservativ zu sein macht sehr viel Sinn. Die Kultur der Vertriebenen wurde im Südwesten vorbildlich geschützt. Man hat es leider nicht aufs Schwäbische ausgedehnt.

Brauchtumspflege hat in Deutschland ein Gschmäckle. Sonnwendfeiern waren auch bei den Nazis beliebt.

Deshalb gefällt mir auch diese Unesco-Liste des immateriellen Erbes. Wenn die UN ihre Hand darauf haben, verlieren die Leute vielleicht auch die Furcht, dass es etwas Nationalistisches sein könnte. Dann ist es international.

Baden-Württemberg ist ein Einwanderungsland. Wirkt schwäbische Volkskultur da nicht ausgrenzend?

Der Albverein integriert auch Kinder mit Migrationshintergrund, etwa Russlanddeutsche. Diese Leute sind vielleicht sogar aufgeschlossener. Wir haben ein türkisches Mädle in unserer Volkstanzgruppe. Vor einiger Zeit hat ihre Mama - mit Kopftuch - zusammen mit den anderen Frauen für die Tochter eine schwäbische Tracht genäht. Allerdings unter der wachen Beobachtung vom Opa, damit alles ordentlich zugeht.

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