Ungewöhnliche Karriere in Rutesheim Vom Betriebswirt zum Mann der Kirche

Nach 34 Jahren lässt sich Peter Mende neu vom Leben überraschen. Foto: Simon Granville

Dorothe und Peter Mende haben sich in Rutesheim eine Pfarrstelle geteilt. Doch der Weg dorthin hatte viele Stationen. Nun hat Peter Mende sich in den Ruhestand verabschiedet.

„Ich lasse mich von mir selbst überraschen.“ Mit diesem Vorsatz verabschiedet sich Peter Mende, der dienstälteste Seelsorger im evangelischen Kirchenbezirk Leonberg, in den Ruhestand. 34 Jahre lang hat er als Grenzgänger zwischen Leonberg und Rutesheim die Menschen im Silberberg, im Heuweg sowie nördlich der A 8 in den Mahdenwiesen als Pfarrer der Thomasgemeinde in Freud und Leid begleitet.

 

Doch wie wird ein Schifferjunge aus dem katholischen Mainz evangelischer Pfarrer in Württemberg? Peter Mende wuchs bis zu seiner Grundschulzeit auf dem Rhein auf. Sein Vater war, wie schon der Großvater, Schiffsführer mit Kapitänspatent – und Mendes Mutter begleitete ihn mit dem Sohn auf seinen Fahrten. Mit Beginn der Schulpflicht wurde die Familie in Mainz sesshaft. Er wuchs in einer christlichen Familie auf.

Die Frage nach dem Lebensinhalt

Doch über Peter Mende lässt sich nicht schreiben, ohne im gleichen Satz seine Verwandte in Seele und Geist, seine Ehefrau Dorothe, zu nennen. Ihre Wege kreuzten sich in den ersten Tagen des Studiums der Betriebswirtschaft, während einer dualen Ausbildung bei IBM in Stuttgart. Direkt verspürten sie einen Gleichklang im Denken und Erleben füreinander bei ihren Gesprächsthemen, die über das Studium hinausgingen. Es waren auch damals schon ökologische, politisch-soziale Themen und die Friedensbewegung, die beide gemeinsam bewegten.

Aus Zuneigung wurde Liebe. Sie heirateten 1980 standesamtlich und kirchlich. Nach Ende des für beide sehr erfolgreichen Studiums wurde dem jungen Paar sofort eine gut dotierte Festanstellung im Konzern angeboten. Es war die Chance auf eine finanziell gesicherte Zukunft bei IBM. Doch schon vor dem Studienabschluss Ende 1980 standen ein paar große Fragezeichen für die beiden im Raum. Kann ein solcher Weg der Lebensinhalt sein? Kann das eine lebenslange Erfüllung bringen? Sie begannen ein Studium der Evangelischen Theologie in Tübingen. Das Studium war fordernd, doch es gab beiden das, wonach sie gesucht hatten: einen Sinn. Sie beschäftigten sich mit dem modernen Verständnis des Glaubens und häufig mit der Frage, wie man als moderner Mensch glauben kann. „Kritisch denkende Menschen mitzunehmen war damals unsere Mission“, sagt Peter Mende.

Das Vikariat verbrachte das Ehepaar Mende auf getrennten Dienststellen, aber mit einer gemeinsamen Wohnung in Langenau bei Ulm. „In all diesen Jahren war das unsere einzige Trennung“, sagt Peter Mende.

Eine Stelle für ein Ehepaar

Ein Höhepunkt im Vikariat war eine von den beiden gemeinsam organisierte Fahrt zur Communauté de Taizé im französischen Burgund, an der viele Jugendliche aus ihren beiden Ausbildungsgemeinden teilnahmen. Taizé als ein Symbol der ökumenischen Bewegung hat die Mendes auch danach fasziniert. So verwundert es nicht, dass seinerzeit während des großen Jugendtreffens in Stuttgart für mehr als 200 Gäste eine Bleibe organisiert wurde.

Nach dem Weggang von Pfarrer Burr 1988 war die Pfarrstelle an der Thomaskirche vakant. Am 6. Juni 1993 wurden sie feierlich als Pfarrer eingesetzt. Eine gemeinsame Stelle: Jeder Partner hatte 50 Prozent Dienstauftrag, aber auch nur 50 Prozent Gehalt.

Nichts von den Kindern verpasst

Von Anfang an hatten sich Pfarrerin und Pfarrer Mende eine klare Aufgabenverteilung erarbeitet. Dies wurde auch vereinfacht durch die Trennung der Ortsteile, hier der Silberberg, der zu Leonberg gehört, und da Heuweg und Mahdenwiesen, die zu Rutesheim gehören. Mende hatte die Geschäftsführung inne, er betreute die Kinderkirche und die Jugendarbeit sowie die Seniorenarbeit. Schwerpunkte für Pfarrerin Mende waren der Konfirmandenunterricht und der Schulunterricht sowie die Betreuung und Verwaltung des kirchlichen Kindergartens.

1995 wurde Tochter Lisa geboren, zwei Jahre später Vera. Heute sind die ehemaligen ASG-Abiturientinnen erwachsene Frauen geworden. Lisa hat Politik und Verwaltungswissenschaft studiert und ist verheiratet, Vera hat ein Medizinstudium abgeschlossen. „Der Segen der 50-Prozent-Stelle war, dass ich an meinen Kindern nichts verpasst habe“, sagt der stolze Vater. „Und im April werde ich Opa“, freut sich Peter Mende.

Pfarrer zu sein, das heiße, immer offen für alle zu sein, und bedeute, Menschen und deren Konflikte, Ängste oder Belastungen zu spüren und sie darin zu begleiten. Das haben beide gemeinsam bis 2014 getan, als Dorothe Mende als Krankenhausseelsorgerin an das Krankenhaus des DRK (Deutsches Rotes Kreuz) in Bad Cannstatt und die Baumannklinik des Karl-Olga-Krankenhauses nach Stuttgart wechselte. „Doch die kritische Begleitung bei den Predigtnachgesprächen auf der Terrasse des Pfarrhauses war geblieben“, erzählt er.

Doch nun ist Peter Mende vor dem Eintritt in den Ruhestand mit einem Festgottesdienst „entpflichtet“ worden. „Es war schon ein eigenartiges Gefühlt, als ich den Talar ausgezogen habe mit der Erkenntnis, dass ich den so schnell nicht wieder trage“, beschreibt er seine Gefühle. „Denn ich war hier gerne Pfarrer und durfte viel Schönes erleben – und hier habe ich viele wunderbare Menschen kennengelernt.“

Keine verrückten Reisen

Wie geht es weiter? „Ich werde keine verrückten Reisen unternehmen, sondern erst mal einiges an unserem neuen Haus in Niefern richten, obwohl das nicht so meine Begabung ist“, verrät der Ruheständler. Zudem werde er verstärkt Hausmann sein, denn Ehefrau Dorothe ist noch ein Jahr im Dienst. „Vieles ist noch offen, und ich lasse mich von mir selbst überraschen“, sagt Peter Mende als Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt.

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