Ingoldingen - Der Wandkalender ist Herberts Tagebuch. Oben recken sich halbnackte Frauen, eingeölt, die Blusen weit offen. Unten trägt Herbert alles ein, was er und Kaale erledigt haben: „7. Februar Ziege Franzi Wurmkur.“ Oder: „22. Februar Gockel geschlachtet.“ Die Geburt von Mona und Laura muss Herbert noch aufschreiben, die Lämmer sind am Abend zuvor, um halb zehn, zur Welt gekommen. Herbert und Kaale mussten eine Sonderschicht im Stall einlegen. Jetzt staksen die kleinen Tiere auf zittrigen Beinen im Heu.
„No koi Hektik.“ Herbert zündet sich eine dicke Zigarre an, Marke Tropenschatz. Im Stall gehört sie bei ihm und Kaale immer dazu. Genau wie das Bier. Aber nicht das teure, von dem der Kasten 15 Euro kostet. Die beiden kaufen das billige. Es schmeckt.
Im Stall riecht es nach Mist und nach Männern, die Schmutz unter den Fingernägeln haben. Ihre Mode ist Strickware aus dem vergangenen Jahrtausend, und irgendeiner hat heute schon ein Bier getrunken. Immer wieder blökt ein Schaf. Eine Ziege streckt neugierig ihren Kopf hervor, stellt sich plötzlich auf die Hinterbeine, stützt sich mit den Vorderhufen auf dem Geländer ab und schreckt sofort zurück, wenn man die Hand nach ihr ausstreckt. Neben den Hasenställen stehen Karren und Anhänger, weiter hinten zwei alte Bulldogs, einer gehört Herbert, den braucht er für die Wiesen.
Heute wäre es eigentlich an der Zeit rauszufahren, sagt er. Der Winter war mau. Die Mäuse haben sich vermehrt, haben kleine Hügel aufgegraben, die muss man begradigen mit einem Rechen. Später kann man sonst nicht mähen. „Und damit’s halt gut aussieht.“
Herberts Stall liegt außerhalb von Winterstettendorf, einem Teilort von Ingoldingen im Landkreis Biberach. Hier leben Herbert und Kaale ein bescheidenes Glück, eines mit Mistgabel, Transistorradio und einer Kochplatte mit Topf. Darin stauchen sie ihr Bier, denn im Winter werden die Flaschen im Stall eiskalt und ungenießbar. Früher hat ein Bauer hier seine Schweine gehalten, doch so etwas lohne sich heute nicht mehr, erzählt Herbert.
„Was duasch jetzt du mit dem Saustall?“
Vor drei Jahren, bei einem Fest im Dorf, hat er den Stallbesitzer getroffen. „Was duasch jetzt du mit dem Sauschdall?“, hat er ihn gefragt. Heute haben Herberts Hasen, Ziegen und Schafe darin ein Zuhause gefunden. „Und i derf doa ond lassa, was i will“, sagt er und grinst breit. Jeden Tag nach dem Mittagessen fahren Herbert und Kaale aus dem Dorf hinaus zum Stall und bleiben dann bis zum Einbruch der Dunkelheit. Es gibt immer etwas zu tun.
Die beiden sind hier draußen meist allein. Fast hätten sie vergessen, dass sie heute Besuch erwarten. Sie kommen viel zu spät zum vereinbarten Treffpunkt. Herberts Nachbarin schimpft, als er auftaucht: „Hab ich dir nicht gesagt, du sollst hier sein? Hab ich dich nicht noch heute Morgen erinnert?“ „Nix hosch gsagt, grichtet sei soll i, hosch gsagt.“ Herbert zuckt mit den Schultern.
Kaale putzt im Stall mit einem kleinen Rechen die Hasenboxen aus, legt frische Einstreu bereit, zieht sich die Kappe noch tiefer ins Gesicht. Jeden Tag kommt er zu Herberts Tieren. Er versorgt die 40 Hasen. Seine Arbeit ist immer die gleiche, das hat fast schon etwas Meditatives. Die Hasen sollen es besonders gut haben hier, das weiß Kaale, denn Herbert gefällt es nicht, wenn er sieht, wie manche Züchter ihre Tiere halten: auf Gitterrosten, ohne Einstreu, alles sei viel zu eng und klein. „Des duad mir weh“, sagt er.
Herbert zieht ein paar alte Fotografien aus seiner Westentasche. Das da ist sein erstes Pferd. Ein stolzer Rappe, ein Württemberger. Mit ihm war er beim Blutritt in Weingarten vor mehr als vierzig Jahren. Und das sind seine Ziegengespanne: Vier oder fünf Tiere ziehen einen alten Karren mit Heu. So hat man früher eingespannt!
Ein Platz im Leben
Beim Bad Schussenrieder Fuhrmannstag zeigt Herbert jedes Jahr im Oktober stolz, wie die Bauern einst das Heu von den Feldern geholt haben. Seine Ziegen Lotte und Fanny sind jetzt ein Jahr alt – der richtige Zeitpunkt, um sie an diese Arbeit zu gewöhnen, meint Herbert. Auch wenn man dank der modernen Geräte so etwas heute ja gar nicht mehr macht: Ziegen vor einen Karren spannen.
Wer Herbert und Kaale fragt, woher sie einander kennen, erntet lautes Gelächter. Was soll das für eine Frage sein? Im Dorf kennt doch jeder jeden. Kaale, der eigentlich Karl Heinz heißt, hat in den achtziger Jahren in einem Plattenwerk gearbeitet, doch dann ging die Firma bankrott. Kaale saß nur noch zu Hause herum, lebte unter einem Dach mit vier Schwestern und seiner Mutter.
Eines Tages hat Kaale Herbert im Dorf getroffen und gesagt: „Dahoim halt i’s nemme aus.“ Ob er ihm vielleicht eine Arbeit hätte? Das war vor 15 Jahren, heute sagt Herbert, wer hier nützlich sein will, der braucht keinen Doktortitel, der muss anpacken können.
Anpacken für ein BIer oder eine Ziegenwurst
Und das kann der Kaale, das sieht man sofort: Er ist ein Mann wie ein Bär. Gutmütig, rotbäckig, mit einer tiefen Stimme. Er ist einer, der immer freundlich zur Begrüßung die Hand gibt und dann verlegen lächelt. Kaale nimmt keinen Lohn von Herbert, er wohnt mit seinen 50 Jahren weiterhin bei der Mutter. Ab und zu ein Bier oder eine Ziegenwurst kriegt er aber schon für seine Arbeit. Das gibt es hier noch: dass einer einen Platz hat, eine Arbeit, dass sich wer kümmert. Was würde Kaale wohl den ganzen Tag lang tun, lebte er irgendwo allein in einer Stadt?
Hunderte Meter weit erstreckt sich hinter Herberts Stall ein Wiesenstück bis zum Waldrand. Herbert ist 63. Und er hatte noch nie so viele Pläne. Die Wiese hier, die ist jetzt noch verpachtet, doch in ein paar Jahren, da läuft die Pacht aus, erzählt er. Dann will Herbert zum Zug kommen und seine beiden Ponys aus einem kleinen Stall im Dorf holen. Das malt er sich oft aus, wenn er so zum Horizont schaut.
„Warum macht dr Hahn d’Auga zua beim Kräha?“
Auch Herbert ist ein Außenseiter, ein Mann, der schlagartig seinen Platz im Leben verloren hat. 35 Jahre lang hat er auf dem Bau geschuftet, und dann war es eines Tages einfach aus: Beide Kniescheiben und die Hüfte kaputt. Arthrose. Nicht einmal auf seinem geliebten Pferd reiten konnte er mehr, zu sehr schmerzte es jedes Mal beim Absteigen. Herbert bekam alles ganz neu und künstlich: die Knie und die Hüfte. Doch er wurde berufsunfähig. Seit Anfang der neunziger Jahre lebt er nur von seinen Tieren und einer kleinen Rente.
Wenn Herbert so erzählt, lässt sich Kaale nicht beirren, schafft weiter still bei den Ställen vor sich hin. So geht das auch, wenn die beiden mit ihren Tieren auf den Märkten sind, etwa beim Gensenweiler Land-und-Leute-Fest. Da blüht der Herbert auf, dann fallen ihm die tollsten Sprüche ein: „Warum macht dr Hahn d’Auga zua beim Kräha? Ha, weil er’s auswendig koa.“ Die Leute lachen. Und nehmen vielleicht eine Hasenwurst mit, wer weiß? Die meisten, die bei Herbert etwas kaufen, sind Stammkunden. Die ruft er an, wenn er wieder schlachtet. Wer braucht was?
Weder er noch der Kaale hat eine Frau. Aber Herbert war schon einmal verliebt. Zum Umfallen verliebt war er in ein Mädchen von einem Aussiedlerhof aus dem Nachbardorf. Bei der Landjugend hatte er sie kennengelernt und sofort gewusst: Die will ich heiraten. Auch sie hätte gewollt, das weiß Herbert sicher. Doch er war erst 18 – und damit noch nicht volljährig. Sein Vater verbot die Hochzeit. „Was willsch du jetzt scho heirata!“, hat er gesagt. Er sei doch noch grün hinter den Ohren, hat der Vater gesagt, solle erst mal was schaffen. Wie zum Trotz hat Herbert später nie wieder eine gewollt. Das wäre sie halt gewesen, sagt er. Und eine andere kam nicht infrage.
Streit haben Herbert und Kaale eigentlich nie
Vor sieben Jahren musste Herbert plötzlich eine Woche lang weg. Kaale sollte übernehmen. Es war kein Notfall, mehr ein Urlaub, deshalb konnten die beiden alles vorplanen: Herbert hatte einen Ausflug nach Titisee geschenkt bekommen als Belohnung, weil er 25 Jahre bei der Feuerwehr war. Kaale war dann eine Woche lang der Chef aller Tiere.
Eines der neugeborenen Lämmer blökt blechern mit immer lauter werdender Stimme. Es hat Hunger. Herbert holt einen verschlossenen Becher von einem Karren. Darin liegt eine schwere, sämig-gelbe Flüssigkeit. Biestmilch, erklärt Herbert, das Erste, was eine Kuh nach der Geburt eines Kalbs gibt. Die tut auch den frisch geborenen Lämmern gut. „Do isch älles dren, Vitamine und so“, sagt Herbert und füllt sie in ein Fläschchen. Das Lamm schnappt gleich gierig nach dem Sauger.
So arbeiten Herbert und Kaale den ganzen Tag zusammen, oft auch, ohne dass etwas gesprochen wird. Streit haben sie eigentlich nie. Manchmal regt sich Herbert auf, dann sagt er zum Kaale: „Was bisch denn heit für en Seggl?“ Und dann geht es weiter. Manchmal kommt einer aus dem Dorf vorbei und kauft einen Hasen, so wie heute. „Zehn Euro“, sagt Herbert dann. „Weil du’s bisch.“
Was ist seitdem passiert?
Karl Heinz Jeltsch ist am 2. Dezember 2014 gestorben, nicht mal ein Jahr nach Erscheinen unserer Reportage. Kaale, der noch Anfang Oktober seinen 51. Geburtstag gefeiert hatte, litt offenbar an einer Blutvergiftung. Das Bein hat nicht gut ausgesehen. Zum Arzt wollte er nicht. Er blieb auf dem Sofa liegen.
Herbert Baur hat dieses Jahr einen Schlaganfall gehabt. Ihm geht’s aber gut. Seit 2016 hat er auch wieder einen Helfer: Anton, Done genannt, ist 73, ein Jahr älter als Herbert. In ihrem Stall halten sie außer den Hasen und Ziegen keine Tiere mehr. Das schaffen sie sonst nicht. Herbert trinkt am Tag jetzt nur noch ein Bier.