Unglück in Remshalden Vier Zufälle retten den Kindern bei ihrem Sturz das Leben

Am Freitagabend sind vier Kinder durch das Dach dieser Halle an der Goethestraße gestürzt. Das betreffende Oberlicht wurde von de Feuerwehr abgedeckt. Foto: 7aktuell.de/Kevin Lermer

Der Sturz von vier 13-Jährigen durch ein Oberlicht sorgt bundesweit für Aufsehen. Der Bürgermeister von Remshalden erklärt, wie groß das Glück der Jugendlichen war, mit schweren Verletzungen, aber lebend davonzukommen.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Einen Sturz aus acht Metern lebend zu überstehen, ist keine Selbstverständlichkeit. Vier 13-Jährige, die am Freitagabend auf das Dach einer Sporthalle in Remshalden geklettert und dort durch ein nachgebendes Oberlicht in die Tiefe gefallen sind, sind bundesweit in den Schlagzeilen gelandet. Sie überlebten den Sturz – wenn auch schwer verletzt.

 

Reinhard Molt, der Bürgermeister von Remshalden, zeigt auf, wie groß das Glück der Teenager war: „Sie haben wohl gleich vier Schutzengel dabei gehabt“, sagt er. Das erste Glück des Quartetts sei der besondere Boden der Halle gewesen, auf den sie aufschlugen: „Das ist ein Schwingboden aus Linoleum für den Sport, er ist deutlich weicher als ein normaler Betonboden.“ Das zweite Glück sei gewesen, dass sich einer der Jungen trotz seiner schweren Verletzungen noch aufraffen konnte, um in der Nachbarschaft um Hilfe zu rufen.

Durch das Dach der Sporthalle acht Meter in die Tiefe gestürzt

„Das Dritte war, dass die Frau, auf die er dort getroffen ist, nicht nur eine qualifizierte Krankenschwesterausbildung hat, sondern auch einen Hallenschlüssel besitzt.“ Und Schutzengel Nummer vier sorgte dafür, dass sich ganz in der Nähe des Unfallorts zwei Züge der örtlichen Feuerwehr befanden, die sich gerade auf den Rückweg von einer Übung machen wollten. „Die waren innerhalb von vier Minuten vor Ort und konnten die anderen Rettungskräfte unterstützen“, sagt Molt. Das Aufgebot war enorm. Neben drei Hubschraubern und 13 Rettungswagen waren unter anderem sechs Kräfte der Psychosozialen Notfallversorgung des Roten Kreuzes vor Ort. Ihnen oblag es, die Eltern über den schweren Unfall zu informieren. Dabei mussten sie auch einen Vater betreuen, der an den Unfallort geeilt war.

Die Sporthalle an der Goethestraße gehörte zur inzwischen abgerissenen Ernst-Heinkel-Realschule und wird vor allem von Vereinen genutzt. „Wenn unsere Mitarbeiter dort für Wartungsarbeiten aufs Flachdach gehen, tun sie dies immer mit einer Sicherung“, so Molt. Bei dem Oberlicht, durch das die Kinder gestürzt sind, handelt es sich um eine nicht allzu große Kuppel aus Plexiglas. Möglicherweise hat sich das Quartett gemeinsam darauf gestellt. „Dafür ist sie nicht gemacht, natürlich gibt sie dann nach.“

Berichte, nach denen sich auf dem Dach immer wieder Jugendliche aufhalten, mutmaßlich als Mutprobe, relativiert der Rathauschef: „Dass so etwas dort regelmäßig passiert, würde ich nicht sagen.“ Die Gemeinde prüfe nach dem Unfall dennoch, wie sie den Aufstieg künftig schwieriger gestalten könnte. „So etwas komplett zu verhindern, wird wohl nicht möglich sein. Wer da wirklich hoch will, wird das immer schaffen.“ Schon jetzt erfordert der Aufstieg auf das begrünte Dach einige Anstrengung, und Jugendliche neigten dazu, ihre Grenzen auszutesten. Schlussendlich, so Molt, könne es eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben – „und das wollen wir auch gar nicht, sonst würden wir doch Kinder und Jugendliche von der Lebenswirklichkeit fernhalten“.

Auch die Polizei ermittelt nun zum genauen Unfallhergang. Theoretisch wäre das Klettern aufs Dach Hausfriedensbruch. Doch ein Polizeisprecher betont, die 13-Jährigen seien noch nicht vernehmungsfähig und außerdem noch nicht strafmündig. „Und auch wenn sie das wären, würden wir keine Anzeige erstatten“, betont der Bürgermeister. „Für mich steht da die Menschlichkeit im Vordergrund, das Wichtigste ist, dass die vier Jungs wieder gut auf die Beine kommen. Das gebietet für mich die Menschlichkeit.“ Immerhin hätten die vier ihr ganzes Leben noch vor sich.

Immer wieder gibt es Unfälle mit Lichtkuppeln und Oberlichtern

Die vier 13-jährigen Jungen waren am Freitagabend wohl über ein Vordach auf die Halle geklettert. Dort gab das Oberlicht unter ihnen nach, sie stürzten acht Meter in die Tiefe. Es ist nicht das erste Mal, dass sich so etwas ereignet: Im Mai 2022 betrat ein Unbekannter das Dach einer Grundschule im Winnender Stadtteil Schelmenholz, brach durch ein Oberlicht ein – und landete in einem Toilettenraum. Über eine Leiter aus der Schule gelangte er wieder nach draußen.

Im Juli 2022 versuchte ein Jugendlicher in Filderstadt-Plattenhardt, nachts einen Ball vom Dach einer Turnhalle zu holen, und brach durch ein Oberlicht. Er kam verletzt ins Krankenhaus. Eine Woche später brach ein 17-Jähriger durch eine Lichtkuppel eines Schwimmbads in Korntal-Münchingen. Er verletzte sich – und bekam eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Im September 2022 kletterten mehrere Kinder auf das Dach einer Schule in Nürtingen. Ein Zwölfjähriger brach durch ein Dachfenster ein, ein Rettungshubschrauber brachte ihn in die Klinik. Bereits im September 2021 versuchte eine 83-Jährige, vom Dach einer Scheune in Schrozberg (Kreis Schwäbisch Hall) Äpfel zu sammeln. Ein Oberlicht brach ein, die Seniorin stürzte in den Tod.

Weitere Themen