Alicia Kolmans kennt die Probleme der Menschen in ärmeren Ländern aus eigener Anschauung. Seit einem Jahr leitet sie zusammen mit Carolin Callenius das Forschungszentrum für Globale Ernährungssicherung und Ökosysteme der Universität Hohenheim.

Leben: Werner Ludwig (lud)

Stuttgart - Eine hoch technisierte Intensivlandwirtschaft sei der falsche Weg, um die Ernährungssituation in ärmeren Ländern zu verbessern, sagte Alicia Kolmans 2012 in einem Interview. Damals war sie Referentin für Welternährungsfragen beim Bischöflichen Hilfswerk Misereor in Aachen. Hochleistungssorten, Pflanzenschutzmittel oder teure Maschinen nützten vor allem den internationalen Agrarkonzernen, argumentierte Kolmans. Kleinbauern in Entwicklungsländern hätten davon wenig – im Gegenteil: Sie kämen in neue Abhängigkeiten oder könnten sich diese Produkte gar nicht leisten.

Wie passt eine Forscherin mit dieser Einstellung an die Uni Hohenheim, wo der Begriff Intensivlandwirtschaft alles andere als ein Schimpfwort ist und in vielen Instituten an der weiteren Steigerung und Stabilisierung der Erträge geforscht wird? „Sehr gut“, findet die Co-Geschäftsführerin des Forschungszentrums für Globale Ernährungssicherung und Ökosysteme, das vor gut einem Jahr gegründet wurde. „Ich wäre nicht hierher gekommen, wenn die Arbeit meinen Überzeugungen widersprechen würde“, sagt die 41-Jährige. In Hohenheim hätten Themen wie Nachhaltigkeit und Ökolandbau oder die gesellschaftlichen und sozialen Aspekte der Landwirtschaft ein hohes Gewicht. In vielen Bereichen werde auch schon interdisziplinär geforscht „Da gibt es einiges, worauf wir aufbauen können.“

Forschungsprojekte anstoßen

Kolmans und ihre Geschäftsführerkollegin Carolin Callenius wollen die Zusammenarbeit zwischen Fachrichtungen und Instituten weiter verbessern. „Die nachhaltige Bekämpfung des Hungers erfordert einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt die Wirtschaftsgeografin. Nach wie vor beschäftigten sich viele Projekte in erster Linie mit der Optimierung der Produktion. Doch das reiche nicht. Kolmans: „Wir müssen auch darauf schauen, welche sozialen und ökologischen Auswirkungen eine bestimmte Art der Landwirtschaft hat.“ Auch Faktoren wie Agrarhandel oder Konsum- und Ernährungsgewohnheiten müssten stärker berücksichtigt werden. Zudem stelle sich die Frage, was die Menschen, die durch Rationalisierungen in der Landwirtschaft ihre Arbeit verlieren, stattdessen tun sollten.

Das klingt nach großen Aufgaben für das kleine Forschungszentrum, das in einem Zweckbau außerhalb des Unicampus untergebracht ist. Neben den beiden Geschäftsführerinnen beschäftigt die Einrichtung nur eine Handvoll Mitarbeiter. „Unsere Aufgabe ist es vor allem, größere Forschungsprojekte anzustoßen und die Beteiligten zusammenzubringen.“ Kolmans findet es gut, dass die EU und andere Geldgeber die Förderung von Projekten mittlerweile davon abhängig machen, das neben Wissenschaftlern auch Nichtregierungsorganisationen und Betroffene eingebunden werden.

Lokale Verarbeitung regionale Agrarprodukte

In einem Projektantrag geht es etwa um die lokale Verarbeitung von regionalen Agrarprodukten in Ostafrika. Statt nur Rohstoffe zu liefern, sollen die Kleinbauern zum Beispiel Trockenfrüchte oder Marmeladen herstellen. „So bleiben Wertschöpfungsmöglichkeiten in der Region erhalten“, sagt Kolmans. Ziel sei es, die komplette Produktionskette zu betrachten – vom Anbau über Ernte, Lagerung und Weiterverarbeitung bis zur Vermarktung.

Beteiligt sind neben drei Hohenheimer Instituten Nichtregierungsorganisationen und Forschungseinrichtungen vor Ort. „Partizipation“ zählt dabei zu den Lieblingsvokabeln der Entwicklungsexpertin. Projekte, die am grünen Tisch beschlossen würden – vielleicht auch, weil es dafür gerade einen passenden Fördertopf gibt –, brächten in der Praxis oft wenig. Sinnvolle Hilfe müsse bei den Bedürfnissen der Menschen vor Ort ansetzen. Zudem sei es für den Erfolg eines Projekts wichtig, auch das traditionelle Wissen der Bevölkerung über Landwirtschaft und Ernährung zu nutzen.

Mit Not und Armut konfrontiert

Diese Denkweise wurde Kolmans gewissermaßen in die Wiege gelegt: Als Tochter eines deutschen Entwicklungshelfers und einer Peruanerin lebte sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr in Peru. Die Familie bewirtschaftete dort auch einen eigenen Bauernhof. In ihrer Jugend wurde sie häufig mit Not und Armut konfrontiert – etwa mit einer hohen Kindersterblichkeit: „Ich erinnere mich an die kleinen weißen Särge, die zum Friedhof getragen wurden.“ In Deutschland kam sie dann nach ihrem Studium der Wirtschaftsgeografie über ein Praktikum zu Misereor und beschäftigte sich dort mit Themen wie Agrarhandel und Landgrabbing – also der Aneignung von Ackerland durch Investoren und Konzerne zulasten der Kleinbauern.

Die Frage, wie die weltweite Ernährungssituation weiter verbessert werden kann, stand kürzlich auch im Mittelpunkt einer Fachtagung in Hohenheim. Die rund 200 versammelten Experten, darunter Vertreter des UN-Welternährungssausschusses, waren sich zwar einig, dass dazu alle Akteure „an einem Strang ziehen müssen“. Die Frage ist nur, in welche Richtung. Umstritten ist insbesondere, welche Art von Landwirtschaft eine weiter wachsende Weltbevölkerung am besten ernähren kann. Während ein Teil der Wissenschaft für einen stärkeren Einsatz von Agartechnik und Pflanzenschutz sowie größere Betriebe plädiert, setzen sich andere Experten wie der Weltagrarrat für möglichst naturnahe und kleinbäuerliche Produktionsweisen ein.

An vielen Schrauben gleichzeitig drehen

Gegen technologische Verbesserungen sei prinzipiell nichts einzuwenden, sagt Kolmans. „Entscheidend ist jedoch die Frage, wer Zugang dazu hat.“ Die beste Technik bringe nichts, wenn sie nicht bei den Kleinbauern ankomme, denn diese werden auch in Zukunft eine entscheidende Rolle bei der Ernährungssicherung spielen. So sei es vielleicht möglich, mithilfe von Hochleistungssorten und Gentechnik höhere Erträge zu erzielen. Doch dadurch verlören die Bauern die Kontrolle über ihre Saatgutversorgung, weil man moderne Sorten häufig nicht nachbauen kann. „Und wenn die Ernte mal schlecht ausfällt oder die Preise für ihre Produkte sinken, stehen sie schnell mit leeren Händen und hohen Schulden da.“

Es gebe nicht die eine Antwort auf die Frage, wie die Zahl der Hungernden weiter verringert werden kann, sagt Kolmans. Stattdessen müsse man an vielen Schrauben gleichzeitig drehen. „Die Welt könnte problemlos zehn Milliarden Menschen ernähren“, ist die Expertin überzeugt. Dazu müssten die vorhandenen Ressourcen aber richtig eingesetzt und fair verteilt werden. „Wenn der Fleischkonsum weiter so steigt, wird es nicht funktionieren“, sagt Kolmans. Noch größere Sorgen machen ihr aber die vielen politischen Konflikte, welche die Ernährung von Millionen Menschen gefährden. „Wir müssen auch Wege finden, die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln in solchen Situationen zu verbessern.“

Fast 800 Millionen Menschen hungern

Ausgangslage
Die Zahl hungernder Menschen ist in den letzten Jahren trotz einer gewachsenen Weltbevölkerung spürbar gesunken. Litten Anfang der 1990er Jahre noch mehr als eine Milliarde Menschen unter Hunger, waren es 2015 rund 795 Millionen oder elf Prozent der Weltbekvölkerung. In Afrika liegt diese Quote bei 20 Prozent. Drei Viertel der Betroffenen leben als Kleinbauern, Viehzüchter und Arbeiter auf dem Land.

Aktionstag
Der1979 eingeführte Welternährungstag am 16. Oktober ist der Bekämpfung des Hungers gewidmet. Das Datum wurde gewählt, weil am 16. Oktober 1945 die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO gegründet wurde. Die UN hat das Ziel ausgegeben bis zum Jahr 2030 Hunger und extreme Armut ganz zu beseitigen. Mit welcher Art von Landwirtschaft das am besten gelingen kann, ist allerdings umstritten.

Hohenheim
Die Bekämpfung des Hungers stand in Hohenheim stets im Mittlepunkt: Die Gründung der Uni 1818 geht auf die Hungerkatastrophe zurück, die durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora ausgelöst wurde. Die Landwirtschaft in den Tropen war dabei schon immer ein wichtiges Forschungsthema. Das neu gegründete Hans-Ruthenberg-Institut, das jetzt eröffnet wird, bündelt die Aktivitäten auf diesem Gebiet.