Im Außenbereich der Bibliothek werden die Tiere schon seit Jahren regelmäßig gesichtet. Zu Jahresbeginn stellte sich nun heraus, dass sie auch ins Gebäudeinnere vorgedrungen sind: Etwa 200 Regelmeter Bücherregale waren so stark mit Rattenkot verseucht, dass sie entsorgt und ersetzt werden mussten. Nach Uni-Angaben handelt es sich um sozial-, wirtschafts- und rechtswissenschaftliche Literatur aus den 60er und 80er Jahren Jahren des vorigen Jahrhunderts; betroffen seien insgesamt 7800 Bände.
Durch Abwasserrohr ins Gebäude gelangt
Wie konnte es dazu kommen? Kammerjäger, Rohrreinigungsfirma und Universitätsbauamt vermuten laut dem Sprecher, dass die Ratten durch umfangreiche Arbeiten an den Grünanlagen erheblich gestört worden seien. Durch ein Abwasserrohr, das nicht mit einem Rückschlagventil gesichert war, seien sie über die Kanalisation in das Gebäude gelangt. Da die Leitungen dort altersbedingt an mehreren Stellen brüchig seien, hätten die Ratten diese an den Bruchstellen verlassen und sich auf den abgehängten Decken durch das Gebäude bewegen können.
Inzwischen wurden umfassende Gegenmaßnahmen ergriffen. Das fehlende Rückschlagventil habe man eingebaut, die offenen Stellen – soweit bekannt – wurden abgedichtet; weitere Einstiegsstellen in Decken oder Kellern seien nicht gefunden worden. Zudem würden fortlaufend Rohre saniert. Zum Eindämmen der Rattenplage kämen verstärkt Kammerjäger zum Einsatz; Fraßköder würden vor der Bibliothek, in den abgehängten Decken sowie in den Schächten der Gebäudeentwässerung ausgelegt. Offenbar mit Erfolg: „Seit April wurde kein neuer Befall im Gebäude festgestellt“, lautet die Zwischenbilanz.
Uni bittet um häufigere Reinigung
Doch für eine Entwarnung ist es laut dem Sprecher zu früh. Angesichts der baulichen Schäden sei es nicht ausgeschlossen, „dass es ohne eine Generalsanierung der Gebäudehülle nicht wieder zu einem solchen Ereignis kommt“. Ein anhaltendes Problem sei zudem die Verschmutzung des Stadtgartens. Seit Jahren bitte die Universität die Stadt Stuttgart darum, den städtischen Teil des Parks öfter zu säubern. Derzeit erfolge die Reinigung nur einmal pro Woche, jeweils dienstags. Vor allem am Wochenende dienten aber der Stadtpark und der mit Sand zugeschüttete Brunnen dort als „Partyzone“ nicht nur für Studenten, beklagt die Universität. „Mangelndes Sozialverhalten der Feiernden“ führe dazu, dass Pizzareste, Alkoholflaschen und anderes massenhaft liegen blieben – „ideal für Ratten“, so der Sprecher.
An Hinweisen auf das Rattenproblem hat es nicht gefehlt. Schon vor sechs Jahren warnte die Uni-Bibliothek, ihr Gebäude werde von den Nagetieren regelrecht untergraben. Zahlreiche Laufspuren führten von dem stillgelegten Brunnen zu der Bücherei und endeten an Löchern in der Gebäudemauer. „Noch ist die Standfestigkeit des Hauses nicht gefährdet“, hieß es damals. Ende 2017 wurden die Missstände auch im Bezirksbeirat Mitte angesprochen, wo es um die seit langem geplante Sanierung des Stadtgartens ging. Namhafte Vertreter der Universität beklagten damals, wie heruntergekommen der Park inzwischen sei; eine Folge sei die Rattenplage.
Viele Städte plagen sich mit Ratten
Probleme mit den Nagern treten nach einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur vom August landesweit in den Städten auf. Vor allem in den Sommermonaten sei dies zu beobachten. Der Städtetag warb dafür, entschiedener gegen das achtlose Wegwerfen von Essensresten vorzugehen. „Es geht darum, die Vermüllung zu stoppen“, mahnte der Verband. In Stuttgart könne man „bei weitem nicht von einer Rattenplage sprechen“, wurde eine Rathaussprecherin damals zitiert.
Im Zuge der Aktion „Sauberes Stuttgart“ sollen die Ausgaben für die Stadtreinigung in den nächsten Jahren deutlich gesteigert werden. Bis zum Jahr 2023 sollen 55 Millionen Euro zusätzlich ausgegeben werden, der Eigenbetrieb Abfallwirtschaft will 99 weitere Stellen schaffen. Gut möglich also, dass für Ratten – ob im Stadtgarten oder anderswo – allmählich härtere Zeiten anbrechen.